Eine Hanfpflanze | Bildquelle: AFP

Kritik am Cannabisgesetz Der Kampf um Hanf

Stand: 26.07.2017 11:22 Uhr

Im März feierte sich die Politik: Cannabis auf Rezept - ein Durchbruch! Doch viele Patienten sind unzufrieden. Die Kassen wollen die Kosten nicht übernehmen, die Apotheken kämpfen mit Lieferengpässen. Der Kampf um Hanf ist in vollem Gang.

Von Christin Jordan, SWR

Magdalena Sebelka hat Epilepsie, dazu ADHS und starkes Asthma. Sie hat bereits etliche Medikamente ausprobiert - geholfen hat nur Cannabis.

Schwerkranke wie sie können sich seit dem 10. März Cannabis auf Rezept verschreiben lassen und in der Apotheke kaufen. Das neue Gesetz macht es möglich, die Kassen sollen dafür die Kosten übernehmen. Soweit die Theorie. Praktisch durften bisher bereits etwa 1000 Menschen in Deutschland mit einer Ausnahmegenehmigung ganz legal Cannabisprodukte in Apotheken kaufen und konsumieren. Bezahlen mussten sie das aber aus eigener Tasche.

Bei schweren Erkrankungen wie Krebs, Morbus Crohn, Multipler Sklerose oder bei Schmerzpatienten wird medizinisches Cannabis zur Therapie eingesetzt. Die Hanfblüten werden importiert, zertifizierte Anbaubetriebe gibt es unter anderem in Kanada, den USA und den Niederlanden.

Der Kampf mit den Krankenkassen

Die junge Frau besitzt eine Ausnahmegenehmigung, ausgestellt vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Damit bekam sie bisher vom Arzt ein Rezept und konnte auch schon bisher Hanfblüten kaufen und konsumieren - auf eigene Kosten. Ihre Hoffnung in das Gesetz war groß. Dann die Enttäuschung: Ihr Arzt verschreibt ihr die Droge, doch sie muss weiterhin selbst dafür zahlen. Die Kasse weigert sich, die Kosten zu übernehmen.

Laut Gesetz muss die erste Verordnung durch einen Kassenarzt bei der Krankenkasse eingereicht und genehmigt werden - das lehnt Sebelkas Kasse aber ab. Es sei nicht belegt, dass Cannabis der einzige Wirkstoff sei, der ihr helfe.

Viele Betroffene berichten auch in Internetforen über den Kampf mit den Kassen. Ihre Vermutung: Es geht ums Geld. Denn die Cannabistherapie ist teuer - ein durchschnittlicher Patient kostet rund 9000 Euro pro Jahr.

Cannabis als letztes Mittel

Den Vorwurf, Kosten sparen zu wollen, weist der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen zurück. Die Kassen müssten sich an das Gesetz halten, wonach Cannabisprodukte als Kassenleistung nur eingesetzt werden dürfen, wenn keine andere Therapie helfe.

Außerdem seien seit Inkrafttreten des Gesetzes am 10. März bereits 1000 Kostenübernahmen durch die Kassen genehmigt worden, die Zahl der legalen Cannabis-Konsumenten also deutlich gestiegen.

Aber warum haben Menschen mit einer alten Ausnahmegenehmigung wie Magda Sebelka nicht automatisch Anspruch auf Kostenübernahme durch die Krankenkassen, die das neue Gesetz vorsieht? Dafür gebe es keine Rechtsgrundlage, so Sprecher Florian Lanz. Ein Bestandsschutz für die Altpatienten sei nicht vorgesehen gewesen, jede Verordnung müsse einzeln geprüft werden, somit könnten die Kassen Anträge auch ablehnen – wie auch bei vielen anderen Therapien.

Legal,  aber teuer

Ein Gramm Cannabisblüten kostet in der Apotheke 25 Euro - viel Geld für diejenigen, die Selbstzahler sind. Sebelka berichtet, seit der Einführung des Gesetzes habe sich der Preis für medizinische Cannabisprodukte fast verdoppelt. Grund sei, dass die Apotheker die Ware nach Arzneimittelpreisverordnung kalkulieren müssten. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände weist dies zurück - schon immer habe Cannabis wie jede andere Heilpflanze als Arzneimittel behandelt werden müssen. "Die angeblichen Preissteigerungen kann ich nicht nachvollziehen", erklärt die stellvertretende Pressesprecherin Ursula Sellerberg.

Knappe Ware Cannabis

Aber auch Patienten, deren Kasse der Kostenübernahme zugestimmt hat, können noch lange nicht aufatmen. Medizinisches Cannabis ist derzeit knapp, die ausländischen Zulieferer können den Bedarf nicht decken. "Von zehn Hanfpräparaten kann ich derzeit nur eines anbieten", sagt der Mainzer Apotheker Martin Schmidt. Damit kann er gerade mal seine Stammkunden versorgen - kämen neue Kassenpatienten mit Cannabisrezepten dazu, gingen diese wohl leer aus. Schmidt sieht die Schuld bei der Politik: "Das Gesetz war ein Schnellschuss. Man hätte sich vorher Gedanken darüber machen müssen, woher diese Mengen medizinischer Cannabisprodukte kommen sollen."

Eine rasche Lösung ist nicht in Sicht. Deutschland will zwar eine staatliche Cannabisagentur aufbauen und kontrolliert Cannabis anbauen - allerdings erst in zwei Jahren. Bis dahin kann Magda Sebelka vielleicht doch auf Kosten der Kasse Cannabis konsumieren - sie klagt im Eilverfahren gegen die Entscheidung.

Über dieses Thema berichtete WDR5 am 28. Juli 2017 um 09:17 Uhr.

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