Fragen und Antworten

Anbau von Hanf für medizinische Zwecke in den Niederlanden | Bildquelle: picture-alliance / ANP

Fragen und Antworten Cannabis auf Rezept - wo, wie, warum?

Stand: 03.03.2017 10:47 Uhr

Kiffen gegen Krebs? So einfach ist es wohl nicht, aber unbestritten ist die schmerzlindernde Wirkung von Cannabis. Bei welchen Krankheiten wird Cannabis eingesetzt? Und wann zahlt die Kasse?

Alles ausklappen

Von Barbara Schmickler, tagesschau.de

Wie ist die rechtliche Situation in Deutschland?

Bundestag und Bundesrat billigten zu Beginn des Jahres ein Gesetz, das Ärzten erlaubt, chronisch Kranken getrocknete Cannabis-Extrakte auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung zu verschreiben. Die Mediziner dürfen damit eigenverantwortlich entscheiden, ob eine Cannabis-Therapie sinnvoll ist, auch wenn im Einzelfall noch andere Behandlungsoptionen bestehen. Der aufwändige Antrag beim Bundesinistitut für Arzneimittel und Medizinprodukte entfällt damit. Krankenkassen dürfen die Genehmigung einer Therapie nur in begründeten Ausnahmefällen verweigern. "Das ist ein großer Schritt in eine richtige Richtung", sagt Georg Wurth vom Deutschen Hanfverband im Gespräch mit tagesschau.de.

Vertrieben werden sollen die Cannabis-Produkte von Apotheken. Eine noch aufzubauende staatliche Cannabis-Agentur beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) soll sicherstellen, dass in standardisierter Qualität angebaut wird. Die Agentur soll den Cannabis dann kaufen und an Hersteller und Apotheken abgeben. Bis dahin soll auf Importe zurückgegriffen werden. Um die genaue medizinische Wirkung der Cannabis-Arzneimittel zu erforschen, ist eine wissenschaftliche Begleiterhebung vorgesehen.

Experten erwarten, dass die Zahl der Cannabis-Patienten erheblich steigen wird. "Ich erwarte in den kommenden Jahre eine Million", prognostiziert Franjo Grotenhermen, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin, im Gespräch mit tagesschau.de.

Seit 2011 durften zwar auch zugelassene Fertigarzneimittel auf Cannabis-Basis in Deutschland hergestellt und von Ärzten auf Betäubungsmittelrezept verschrieben werden. Patienten brauchten dazu aber eine Erlaubnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, die sie zum Erwerb von Cannabis als Medikament in Apotheken berechtigte. Die Kosten mussten die Patienten in der Regel selbst tragen.

Bei welchen Krankheiten wird Cannabis eingesetzt?

Für ein sehr breites Spektrum an Krankheiten: Cannabis wird unter anderem zur Behandlung von chronischen Schmerzen, Nervenschmerzen, bei grünem Star zur Reduzierung des Augeninnendrucks, bei ADHS, Epilepsie und dem Tourette-Syndrom eingesetzt. Verwendet werden Cannabisextrakte, Cannabisblüten oder einzelne Cannabinoide - das sind Mittel auf Cannabisbasis. Angewandt wird Cannabis auch gegen Übelkeit und zur Appetitsteigerung bei Krebs- und Aidspatienten, bei Rheuma sowie gegen spastische Schmerzen bei Multipler Sklerose.

Doch der Deutsche Hanfverband warnt: "Cannabis ist kein Wundermittel und hilft nicht allen Patienten." Insbesondere Patienten mit einem hohen Risiko für Psychosen oder Vorerkrankungen am Herzen müssten beim Konsum von Cannabis Vorsicht walten lassen, sagt Georg Wurth. Cannabis biete in der Regel keine Heilung, sondern oft eine Linderung.

Welche Wirkung hat Cannabis als Medikament?

Die beiden wichtigsten Inhaltsstoffe sind Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD). Ihnen wird eine schmerzlindernde, entzündungshemmende, appetitanregende, schlaffördernd und krampflösende Wirkung zugeschrieben. Nicht für jede Krankheit aber ist der medizinische Nutzen eindeutig belegt.

Wie ist Cannabis als Medizin in Deutschland verfügbar?

Es gibt verschiedene Formen von Cannabis als Medizin, die grundsätzlich verfügbar sind:

  • Ärzte können über ein Privatrezept den Wirkstoff verschreiben, das Apotheken nach standardisierten Werten anmischen. Viele Patienten klagen laut Deutschem Hanfverband dabei allerdings über eine reduzierte Wirksamkeit im Vergleich zu natürlichem Cannabis.

  • Natürliche Hanfblüten und Cannabisextrakte wurden bislang von einem niederländischen Unternehmen an eine bestimmte Apotheke in Deutschland geliefert. Dabei kam es aber immer wieder zu Lieferschwierigkeiten. Voraussetzung war ein ärztlich unterstützter Antrag beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte und dessen Erlaubnis, Blüten oder Extrakte Erwerb "im Rahmen einer medizinisch betreuten und begleiteten Selbsttherapie" zu erwerben.


  • Das Fertigpräparat Sativex wird Patienten verschrieben, die an Multipler Sklerose und an schweren spastischen Lähmungen und Krämpfen leiden. Mit einem Spray werden die Wirkstoffe direkt in den Mund gesprüht. Zudem können Patienten zugelassene Fertigarzneimittel mit den Wirkstoffen Dronabinol verschrieben bekommen.

Wie viele Patienten erhalten eine Cannabistherapie?

Nach Schätzungen des Alternativen Drogen- und Suchtberichts erhalten in Deutschland etwa 5000 bis 10.000 Patienten eine Therapie mit Dronabinol oder Sativex. Im April 2016 hatten nur 647 Patienten eine spezielle Erlaubnis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Wie weit ist die Forschung bei Cannabis?

Es gibt viele Studien, aber noch immer viele Lücken. Gegen viele Krankheiten könnte ein Kraut gewachsen sein - wenn man es nur erforschen und nutzen würde. Beispiel Krebsforschung: Es gibt Fallberichte, in denen es heißt, dass Patienten offenbar geheilt wurden. Studien mit Labormäusen bestätigen eine solche Möglichkeit. Aber hier stecke die Forschung tatsächlich noch in den Kinderschuhe, sagt Wurth. "Wir warnen davor zu denken, viel kiffen schützt vor Krebs oder Cannabis hilft automatisch gegen Krebs."

Wie wird Cannabis in anderen Ländern medizinisch genutzt?

"Es gibt Vorreiter", sagt Grotenhermen von der AG Cannabis als Medizin: Kanada, Niederlande, Israel, Spanien, Portugal, Jamaika, Chile, Uruguay und Kolumbien. Dort sei Cannabis verfügbar oder es gebe Absichtserklärungen wie in Deutschland, Cannabis für Patienten leichter zugänglich zu machen. In Israel etwa bekommen inzwischen 25.000 Menschen Cannabis, man erwartet sogar 100.000 - bei etwa acht Millionen Einwohnern. Mit der geplanten Gesetzesänderung werde sich Deutschland in die Reihe der Länder einordnen, in denen Cannabis für Betroffene am Besten zu erhalten sei, so Grotenhermen.

Darstellung: