Die Polizei untersucht den attackierten BVB-Mannschaftsbus | Bildquelle: dpa

Mutmaßlicher BVB-Bomber Tatmotiv Habgier

Stand: 21.12.2017 04:04 Uhr

Am 11. April explodieren am BVB-Bus mehrere Sprengsätze. Die Staatsanwaltschaft fordert lebenslänglich für den mutmaßlichen Attentäter. Er soll den Anschlag auf die Fußballer geplant haben, um bei Wertpapier-Spekulationen abzukassieren.

Von Birand Bingül, WDR

Ein Knall. Glassplitter schießen durch den Bus. Rauch. Schreie. Nuri Sahin, Marcel Schmelzer und die anderen BVB-Profis, die Betreuer, der Trainer: Sie alle wissen nicht, was los ist. Kommen gleich Fanatiker in den Bus und morden? Die Fußballer im Mannschaftsbus empfinden Todesangst.

Der Bombenanschlag am frühen Abend des 11. April schockt die Spieler, den Verein, die fußballverrückte Stadt Dortmund - das ganze Land. Einige Spieler beschreiben später, wie sie die Minuten im Bus erlebt haben. Das Champions-League-Viertelfinale gegen AS Monaco, zu dem der Bus das Team bringen sollte, spielt an diesem Abend keine Rolle mehr. Es wird um einen Tag verschoben. Bundeskanzlerin Angela Merkel wird das Attentat eine "widerwärtige Tat" nennen.

Mutmaßlicher Attentäter von Anschlag auf BVB-Bus vor Gericht
tagesschau 14:00 Uhr, 21.12.2017, Marion Schmickler, WDR

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70 Ordner Prozessakten

Acht Monate später beginnt am Landgericht Dortmund ein beispielloser Prozess in der deutschen Rechtsgeschichte. Die Polizei hat akribisch ermittelt und eine präzise Indizienkette zusammengetragen. Fast 70 Ordner umfassen die Prozessakten, 18.000 Seiten. Dutzende Zeugen und zahlreiche Sachverständige sollen im Prozess aussagen.

Dortmunder Spieler mit Polizisten | Bildquelle: dpa
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Dortmunder Spieler mit Polizisten nach den Explosionen

Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Sergej W. den Anschlag verübt hat. Sechs Monate lang soll der Elektriker die Tat bis ins kleinste Detail geplant haben: Demnach kundschaftete er sein Ziel aus, machte handschriftliche Notizen, besorgte Materialien für den Bombenbau, legte falsche Fährten zu Islamisten und versteckte drei Sprengsätze in einer Hecke.

Archiv: Dortmunds Verteidiger Marc Bartra | Bildquelle: AP
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Dortmunds Verteidiger Bartra wurde an der Hand und dem Arm verletzt.

Aus seinem Zimmer im Mannschaftshotel soll er, als der Bus vorbeifuhr, die Bomben ferngezündet haben. Die Detonation jagte mindestens 65 Metallbolzen von je 7,4 Zentimetern Länge Richtung Bus. Als einziger Spieler wurde Marc Bartra verletzt. Ein Bolzen landete in seiner Kopfstütze. 50 Zentimeter unter dem Sitz des damaligen Trainers Thomas Tuchel blieb ein weiterer Metallstift stecken. Ein Polizist im Begleittross erlitt ein Knalltrauma.

Wette auf sinkende Kurse der BVB-Aktie

Gerichtssprecher Thomas Jungkamp nennt das Verfahren "außergewöhnlich". Das liege auch am ermittelten Tatmotiv: Habgier. Sergej W. setzte demnach am Tag des Anschlags Zehntausende Euro auf fallende Kurse des börsennotierten BVB. Laut Staatsanwaltschaft hätte Sergej W. eine halbe Million Euro an der Börse verdienen können. Da fast alle Spieler unverletzt blieben, machte der mutmaßliche Täter lediglich ein Plus von knapp 5900 Euro.

Einer der Verteidiger, Carl W. Heydenreich, kritisiert die Ermittlungsarbeit: Nur zwei Metallstifte hätten den Bus getroffen. Die übrigen seien weit verteilt "in der Pampa" gelandet. "Ein Spieler, der unbedrängt aus fünf Metern das leere Tor nicht trifft, bei dem fragt man sich zwangsläufig, wollte er nicht oder konnte er nicht." Heydenreich stellt also eine Tötungsabsicht seines Mandanten in Abrede.

Kursverlauf der BVB-Aktie am 11.4.2017 | Bildquelle: dpa
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Kursverlauf der BVB-Aktie am 11.4.2017

Ein faires Verfahren sei durch die einseitige Ermittlung "ganz erheblich" in Frage gestellt. Sergej W. selbst soll die Vorwürfe anfangs abgestritten haben, sich aber danach im gesamten Verfahren nicht mehr geäußert haben. Die Staatsanwaltschaft Dortmund will sich zu diesem und allen anderen Aspekten vor Prozessbeginn nicht äußern.

Vorverurteilung in Medien?

Die Verteidigung von Sergej W. beklagt darüber hinaus eine mediale Vorverurteilung. Anwalt Heydenreich spricht von einer Kampagne. Bereits vor Prozessbeginn sind Ermittlungsakten bei mehreren Medien gelandet, darunter auch psychiatrische Gutachten über den mutmaßlichen Täter. Am ausführlichsten berichtete das Nachrichtenmagazin "Spiegel". Das Weitergeben solcher Unterlagen ist eine Straftat. Die Verteidigung hat deshalb Anzeige erstattet. Zwar könne die Sache vom Gericht "nicht aufgeklärt" werden, so Sprecher Jungkamp, aber auch dort ist man nicht erfreut: "Das Landgericht kann demnach nur an das Verantwortungsbewusstsein der Medienvertreter appellieren."

Foto des BVB-Mannschaftsbusses | Bildquelle: REUTERS
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Beschädigter BVB-Mannschaftsbus

BVB-Profis könnten als Zeugen auftreten

Der BVB hält sich im Hintergrund und gibt vorerst keine Stellungnahmen ab. Ein Anwalt vertritt mehrere Spieler und Mitarbeiter des Klubs in der Nebenklage. Profis des BVB verfolgen den Prozess nicht, könnten aber als Zeugen geladen werden, heißt es. Am Mittag wird die Anklageschrift in einer Kurzfassung verlesen. Dann wird sich zeigen, welche Prozesstaktik die Verteidigung verfolgt. Sie könnte mit verschiedenen Anträgen Einfluss auf den Ablauf des Verfahrens nehmen. Angesetzt sind 18 Verhandlungstage. Am 28. März könnte der Albtraum für Borussia Dortmund - zumindest juristisch - ein Ende finden.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 20. Dezember 2017 um 21:35 Uhr.

Korrespondent

Birand Bingül  | Bildquelle: Herby Sachs/WDR Logo WDR

Birand Bingül, WDR

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