Fans von Dortmund halten Transparente gegen RB Leipzig | Bildquelle: dpa

Gewalt im Fußballstadion Auf der Tribüne treffen sich alle

Stand: 08.02.2017 16:45 Uhr

Die einen engagieren sich für Flüchtlinge, andere laufen bei Hogesa mit: Fußballstadien sind ein Spiegelbild der Gesellschaft. Immer wieder kommt es dort auch zu Gewalt - wie zuletzt beim Spiel BVB gegen Leipzig. Das soll sich ändern. Aber wie?

Von Barbara Schmickler, tagesschau.de

Der Stürmer schießt Tore und stürmt das gegnerische Tor, er lässt sich in die Defensive drängen, verfolgt eine Strategie. Es werden Treffer erzielt. Beim Fußball nutzt man gerne Metaphern von Kampf und Krieg. Diese Rhetorik geht häufig unter, weil über den Sport berichtet wird. Seit dem Spiel BVB gegen RB Leipzig wird der Sport von einer Debatte um Gewalt in Fußballstadien überlagert. Die Plakate und Attacken von BVB-"Ultras" nannte BVB-Sportdirektor Michael Zorc "eine neue Stufe der Eskalation". BVB-Chef Hans-Joachim Watzke sagte: "Hier wurden jegliche Grenzen überschritten." Sechs Zuschauer und vier Polizisten wurden dabei verletzt.

"Das ist eine neue Dimension, weil die Auseinandersetzung völlig friedliche normale Fans betraf", sagt der Sportsoziologe und Fanforscher Gunter Pilz. Gerade Vereine wie Leipzig, die kommerziell zu stark sind oder sich in den Augen der Fans nur noch dem Kommerz verschrieben haben, stünden im Fokus.

Auch für die Gewerkschaft der Polizei hatten die Ereignisse am Samstag in Dortmund eine neue Qualität. "Bislang gab es Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten und gewaltsuchenden Fans. Dass sie jetzt hemmungslos auch gegen Frauen und Kinder vorgehen, haben wir bislang noch nicht erlebt", sagt der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jörg Radek, zu tagesschau.de.

Hochgeschaukelter Hass?

Eine Hasskultur, die sich hochgeschaukelt hat? In Dortmund hätten sich viele Jugendliche hinreißen lassen, ihre Wut gegen Leipzig Ausdruck zu verleihen. Sie hätten aber für das Spiel heute gegen Hertha BSC eine große Aktion gegen Rassismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit im Fußball geplant", sagt Thilo Danielsmeyer vom Fan-Projekt Dortmund: "In den Fanszenen treten Prozesse zutage, die uns auch in der Gesellschaft in Atem halten. Das fokussiert sich auf den Fußball noch viel stärker. Die Fanszenen differenzieren sich immer weiter aus, die Politik spielt eine immer größere Rolle", sagt er im ARD-Morgenmagazin. "Die Tribüne ist wie ein Brennglas" - es seien Jugendliche dabei, die sich für Flüchtlinge einsetzten, andere gingen bei Hogesa ("Hooligans gegen Salafisten") mit. "Sie alle sind Fans des BVB und leben in dieser Gesellschaft."

Fankrawalle - Dortmund ist kein Einzelfall: "Das Problem haben wir in allen Stadien, vor allem was die Choreographie angeht. Wenn es nicht der gegnerische Verein ist, ist es die Polizei, die massiv beleidigt wird. Das sind Dinge, die haben im Stadion nichts zu suchen", sagt Fanforscher Pilz. "Bei manchen Ultras hat man den Eindruck, sie glauben, wenn sie sich ein Ticket fürs Stadion kaufen, dann haben sie einen Freibrief für einen rechtsfreien Raum, wo sie tun und lassen können, was sie wollen. Denen muss man ganz klar sagen signalisieren, ihr habt im Stadion nichts zu suchen", so Pilz auf NDR Info.

Randale im Eintracht-Frankfurt-Block nach dem Abpfiff. | Bildquelle: dpa
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Immer wieder kommt es zu Randalen in Fußballstadien.

"Rote Karte für Gewalt"

Was bedeutet das für den Fußball und die Sicherheit in den Stadien? "Wenn wir diese Fußballkultur in Deutschland erhalten wollen, die ja wirklich einmalig ist, dann müssen die Kurven jetzt dafür sorgen, dass die Straftäter, die dort stehen - und das sind nur wenige -, tatsächlich auch benannt werden, dass wir dann insgesamt auch friedliche Spiele haben", sagte NRW-Innenminister Ralf Jäger im Deutschlandfunk. Auch Bundestrainer Jogi Löw will harte Strafen für die Randalierer: "Diese Leute muss man aus dem Verkehr ziehen und drastisch bestrafen." DFB-Chef Reinhard Grindel forderte: "Wer Gewalt ausübt, dem müssen wir die Rote Karte zeigen."

Doch wie kann das gelingen? Mehr Polizei? Immer wieder steht die Polizei vor dem Dilemma: Bewertet sie ein Spiel als Hochrisikospiel und es passiert nichts zwischen den Fanlagern, wird der Einsatz gerne als überzogen bezeichnet. Finden an einem Tag mehrere Bundesligaspiele statt, sind viele der Bereitschaftspolizisten im Einsatz. In Dortmund sind laut Jäger in der Spitze mehr als 320 Beamte im Einsatz gewesen - ein "enormer Aufwand". Dem Innenminister zufolge wurde bereits ein Viertel der Arbeitszeit der Bereitschaftspolizei in NRW gebraucht, um Fußballspiele zu sichern. "Es kann nicht Aufgabe der Polizei sein, neben jeden Fan einen Polizisten zu stellen." Stattdessen müsse man gemeinsam dafür sorgen, dass "solche Krawallmacher, solche Störer, solche Straftäter - das sind keine Fans - aus den Stadien verschwinden."

Seit Jahren bewährtes Sicherheitskonzept

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) sieht hier vor allem den Verein in der Pflicht, der im Stadion verantwortlich ist. "Der Verein muss sich fragen: Haben wir den Ordnerdienst richtig ausgewählt? Wie kamen die Transparente ins Stadion?", sagt GdP-Vize Radek. Das Sicherheitskonzept, so der BVB auf Anfrage von tagesschau.de, sei seit Jahren bewährt, auch gegen Leipzig sei es im Innenraum nicht zu Krawallen gekommen. Die Polizei teilte auf Anfrage mit, dass die Planung für jedes Spiel individuell erfolge. Das Spiel gegen Hertha gilt als "Grünspiel" - mit geringem Risiko.

Was können Vereine tun, um potenzielle Randalierer zu stoppen? Fanforscher Pilz sieht gerade beim BVB eine vorbildliche präventive Arbeit. "Was sie dort vor Ort machen, ist wirklich vorzeigbar und mustergültig." NRW-Innenminister Jäger kritisiert vor allem die Kultur der Ultras, die niemanden verraten, selbst wenn er schwerste Straftaten begeht. "Diese Ultras müssen sich die Frage stellen, ob sie wirklich Fußballfans sind, wenn sie diejenigen schützen wollen, die den Fußball für ihre gewalttätigen Exzesse missbrauchen", so Jäger. Jäger forderte die Fans auf, ihre Videos und Fotos vom Spieltag der Polizei zu geben, um die Täter zu finden.

Spiel ohne Fankurve?

Und wenn diese Randale doch passieren, welche Strafen sind möglich? Vielleicht mal ein Spiel ohne Fankurve austragen? Pilz sieht hier insofern ein Problem, als dass dann viele bestraft würden, die eigentlich nicht beteiligt sind. Er fordert, auch den besonnenen Fans ihre Verantwortung klar zu machen. Wichtig sei, dass sich in den Köpfen der Menschen etwas bewege.

Bei den Fans werde am Abend vieles anders sein, vermutet Thilo Danielsmeyer vom Fan-Projekt Dortmund. Sie wollen vor der Begegnung mit Hertha BSC ein Zeichen setzen - gegen Gewalt. Dafür sollen sich die Fans vorher Flugblätter ausdrucken und zum Einlaufen der Mannschaften hochhalten. "Wenn das Spiel angepfiffen ist, werden sie hinter ihrer Mannschaft stehen. Der Verein ist ihnen wichtig", sagt Danielsmeyer.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. Februar 2017 u.a. um 17:00 Uhr.

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