Eine junge Frau hält ein Dokument in der Hand | Bildquelle: SWR

"Dieses bunte Deutschland" Samihas Traum - Ingenieurin

Stand: 31.05.2017 03:56 Uhr

Deutsch zu sprechen, fällt Samiha immer noch schwer. Sie flüchtete vor dem Krieg in Syrien und möchte in Deutschland ein neues Leben beginnen. Aber das ist nicht einfach. Ein ARD-Team hat die 26-jährige ein Jahr lang begleitet.

Von Martin Schmidt, SWR, für tagesschau.de

"Sie waren einige Monate bei einem Tochterunternehmen von Nokia, in welchem Bereich haben Sie dort gearbeitet?" Samiha Aldakkak weiß nicht, was sie antworten soll. Sie sitzt in einem Konferenzzimmer, ihr gegenüber zwei Männer im schwarzen Anzug, Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens am Bodensee. "Waren sie in der Fertigung, also in der Leiterplattenbestückung, oder in der Endmontage der Geräte tätig?", fragen sie weiter.

Statt etwas zu sagen, schaut die Syrerin fragend zurück. Samiha versteht die Männer nicht. Erst vor wenigen Monaten ist sie nach Deutschland gekommen und dachte, dieses Vorstellungsgespräch sei auf Englisch. Mit ihrem Deutsch kommt die 26-Jährige über die einfache Alltagssprache noch nicht hinaus. "Haben Sie mich verstanden?" "Hm, nein." Samiha hat den Kopf gesenkt. Die beiden Geschäftsführer schauen in ihre Unterlagen, wirken selbst ein wenig ratlos.

Eine Frau und zwei Männer sitzen an einem Tisch | Bildquelle: SWR
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Das Vorstellungsgespräch läuft für Samiha Aldakkak zunächst nicht so gut, aber sie hat dann doch Glück.

Eine Zukunft - unmöglich

"Die Firmen in Deutschland sind doch auch an Englischkenntnissen interessiert", ärgert sich Samiha nach dem Gespräch. Sie will dieses Praktikum unbedingt haben. In ihrer Heimat Damaskus hat sie Maschinenbau studiert, 2014 den Bachelor-Abschluss gemacht. Doch dort wollte sie nicht bleiben. Immer wieder waren Bomben in ihrer Nähe eingeschlagen. Eine Zukunft in Syrien - für sie durch den Krieg unmöglich.

Vor rund zwei Jahren flüchtet Samiha, wie viele andere Syrer auch, über den Libanon in die Türkei, mit dem Boot weiter nach Griechenland und erreicht so ihr Ziel: Deutschland. "Ich versuche zu vergessen, was in Syrien passiert ist. Auch wenn ich dort viel Gutes erlebt habe. Aber in dem Moment, als ich nach Deutschland aufgebrochen bin, wollte ich ein neues Leben beginnen." Dieses neue Leben fängt für Samiha in Leutkirch im Allgäu an, tief im Süden Baden-Württembergs.

Zu dritt auf zehn Quadratmetern

Anfangs lebt sie in einer provisorischen Gemeinschaftsunterkunft. C9, das ist ihr Zimmer. Knapp zehn Quadratmeter teilt sie sich mit drei anderen Frauen. Die dünnen Wände sind aus Plastik - wie es eben möglich ist in einer Sporthalle. An die Tür hat sie ihr Lieblingsmotto geklebt: "Mut ist Widerstand gegen die Angst", steht in verwaschenen Buchstaben auf einem verknitterten Zettel. In der Ecke ein kleiner Tisch - dort sitzt Samiha, so oft es geht, und lernt deutsche Vokabeln.

Eine Frau befestigt einen Zettel an einer Tür. | Bildquelle: SWR
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"Mut ist Widerstand gegen die Angst", steht auf dem verknitterten Zettel, den Samiha an die Tür in ihrer Unterkunft geklebt hat.

Denn sie hat einen Traum: Noch einmal zur Universität gehen, einen Masterabschluss machen und dann Ingenieurin werden, in Deutschland. Sie weiß, dass das nur mit guten Deutschkenntnissen gelingen kann. Und es gibt noch eine Hürde. Jeden Tag geht Samiha aufgeregt ins Büro der Unterkunftsleitung und spricht die deutschen Worte, die sie mit als erstes gelernt hat:  "Haben sie Post für mich?" Die Antwort auch heute ein mitleidiges Kopfschütteln. Samiha wartet auf ihren Bescheid, der die Asylbewerberin anerkennt - ohne kommt sie ihrem Traum keinen Schritt näher.

Syrer ist nicht gleich Syrer

In den ersten Monaten in Deutschland hat sie mit vielen Vorurteilen zu kämpfen. "Oh, Du bist Maschinenbauingenieurin - und das aus Syrien, wirklich?", ist eine Frage, die sie immer wieder zu hören bekommen hat. Dass hier keiner zu wissen scheint, dass Frauen in Syrien tatsächlich auch studieren dürfen, darüber kann sie anfangs noch schmunzeln. Nerviger findet sie dafür, dass die Deutschen alle Syrer in einen Topf werfen. "Wir kommen auch aus unterschiedlichen Kulturen, haben auch untereinander Probleme."

Samiha mit Patin Lisa | Bildquelle: SWR
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Samiha (r.) mit ihrer Patin Lisa

In der Flüchtlingsunterkunft freundet sich Samiha mit Lisa Zwerger an, einer Mitarbeiterin des Deutschen Roten Kreuzes, des Betreibers der Unterkunft. Sie übernimmt eine Flüchtlingspatenschaft für Samiha, hilft ihr beim Ausfüllen der Anträge auf dem Amt oder beim Bewerbungen schreiben. Mit Erfolg: Trotz des holprigen Vorstellungsgesprächs bekommt die syrische Studentin das Praktikum beim schwäbischen Mittelständler. Die großen Maschinen, mit denen hier technischer Zwirn, Garne oder Nähfäden hergestellt werden, sind für Samiha zwar noch Neuland, aber sie will ihre Erfahrungen sammeln - in ihrem Traumberuf und in einer deutschen Firma.

"Du bist sicher, wirklich für drei Jahre"

Acht Monate nach ihrer Flucht, acht Monate nach ihrem Ankommen in Süddeutschland, hat sie den Termin auf dem Amt, auf den sie so lange gewartet hat. Sie muss pünktlich dort sein, das weiß sie schon. In ihrer alten Heimat Syrien nehme man es mit Zeitangaben nicht so genau. Dann bekommt sie endlich die kleine Plastikkarte überreicht, darauf ihr Portrait.

Samihas Aufenthaltstitel. Es scheint, als wolle sie ihn nie mehr aus ihren Händen legen. Für drei Jahre darf sie in Deutschland bleiben und arbeiten. "Du bist sicher, wirklich für drei Jahre", flüstert Samiha sich selbst noch ein wenig ungläubig zu, nachdem sie so lange auf diesen Moment gewartet hat. Immer wieder waren ihr Zweifel gekommen, ob die Deutschen sie tatsächlich aufnehmen würden. Und doch muss sie trotz all der Freude auch an die denken, die so weit weg in Syrien sind. "Ich vermisse meine Familie, das ist auch …" Samiha fällt es schwer, darüber zu sprechen und die richtigen Worte zu finden.

"Ich bin eine Deutsche"

Ein paar Wochen später sitzt sie bei strahlendem Sonnenschein an einem Gartentisch und muss schon wieder lernen. Ein ehrenamtlicher Helfer hat sich ihr angeboten, gemeinsam die Fragen für den Integrationstest durchzugehen. Wie viele Bundesländer die Bundesrepublik Deutschland hat - sie weiß es nicht. "16, das musst Du leider behalten, auswendig lernen", sagt ihr deutscher Helfer und macht schnell mit der nächsten Frage weiter.

"Wie heißt die deutsche Verfassung?" Dieses Mal muss Samiha nicht lange überlegen. "Grundgesetz", überrascht sie mit der richtigen Antwort. "Warum weißt du das denn?" Samiha muss laut lachen, dann sagt sie selbstbewusst: "Ich bin eine Deutsche."

Über dieses Thema berichtete die ARD am 31. Mai 2017 um 22:45 Uhr.

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