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Umfrage offenbart große Unzufriedenheit
Armee der Enttäuschten
Verteidigungsminister de Maizière reformiert die Armee - leise und unaufgeregt. Die Mehrheit der Führungskräfte ist mit dieser Neuausrichtung äußerst unzufrieden. Dies zeigt eine Umfrage des Bundeswehrverbandes. Vor allem über "weiche" Faktoren gibt es viele Beschwerden.
Von Christian Thiels, SWR, ARD-Hauptstadtstudio
Sie sind das Rückgrat der Armee: lang gediente Feldwebel, die als "Spieße" den täglichen Dienst ihrer Kompanien organisieren, Offiziere, die als Kompaniechefs bis zu 250 Soldaten führen und Kommandeure, die Verantwortung für ein ganzes Bataillon mit bis zu 1000 Soldaten haben. Ihnen gemeinsam ist der unmittelbare Kontakt zu den Soldaten, zu deren Nöten und Sorgen. Und sie sind sich auch einig in ihrer teils dramatischen Kritik an der Bundeswehrreform ihres obersten Dienstherrn, Verteidigungsminister Thomas de Maizière.
Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die der Bundeswehrverband (als berufsständische Vertretung eine Art Gewerkschaft der Soldaten) gemeinsam mit der TU Chemnitz unter diesen Führungskräften der Armee gemacht hat. 4000 Fragebögen wurden dafür verschickt, rund die Hälfte kam ausgefüllt zurück.
Unzufrieden mit "weichen" Faktoren
Rund 88 Prozent der Befragten glauben, dass de Maizières Reform einer baldigen Korrektur bedarf und nicht von Dauer sein werde. Dabei ist es schon die sechste Reform der Streitkräfte in den vergangenen 20 Jahren. Eine siebte sei kaum zu verkraften, befürchtet der Chef des Bundeswehrverbandes, Oberst Ulrich Kirsch. Er sieht Nachbesserungsbedarf vor allem bei sogenannten "weichen" Faktoren: So lasse die Vereinbarkeit von Dienst in der Armee und Familienleben immer noch sehr zu wünschen übrig.
Zu diesem Ergebnis kommt auch die Befragung der Soldaten. Doch ein schnelles Umsteuern, wie es der Bundeswehrverband anmahnt, ist nicht abzusehen. Das befürchten auch die befragten Führungskräfte der Armee. Rund drei Viertel von ihnen nehmen die Bundeswehrreform nicht als gemeinsames Projekt der Bundesregierung wahr. "Die Enttäuschung ist riesig", sagt Verbandschef Kirsch im Gespräch mit dem ARD-Hauptstadtstudio. "Jetzt muss dringend mit den Soldaten gesprochen werden, um zu ergründen, warum sie zu einem so harten Urteil kommen." Bislang geschehe dies nicht in ausreichendem Maße, kritisiert Kirsch. Dabei könnte die Bundeswehr-Führung aus der Einbindung der Soldaten auch wertvolle Erkenntnisse erzielen, woran es genau krankt und wie sinnvoll umgesteuert werden könne.
De Maizière blickt aufs große Ganze...
Der Verteidigungsminister ist eher ein Freund der ganz großen Linien und suchte diese Woche das Gespräch mit Honoratioren der Berliner Republik. Mit den Präsidenten des BDI, Hans-Peter Keitel, des Zentralkomitees deutscher Katholiken, Alois Glück, und der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, sprach er bei einem Kolloquium der Bundesakademie für Sicherheitspolitik über die Wahrnehmung der Armee in der Öffentlichkeit. De Maizière bemängelt dort zu wiederholtem Mal das Ausbleiben einer sicherheitspolitischen Debatte in Deutschland, dabei gebe es doch genug Stoff für Diskussionen: "Es geht um Leben und Tod, um deutsche Interessen, um ziemlich viel Geld."
Führungskräfte bewerten Reform laut Umfrage negativ
tagesschau 20:00 Uhr, 06.09.2012, Christian Thiels, ARD Berlin
... und wirkt eher abgehoben und verkopft
Doch die ganz grundsätzlichen Fragen der Sicherheitspolitik bewegen die Truppe selbst nur am Rande. Angesichts der Auflösung vieler Standorte, von ungewissen Zukunftsperspektiven und den alltäglichen Problemen durch Pendelei und Auslandseinsätze nehmen viele Soldaten de Maizières Diskussionshaltung als eher akademisch, abgehoben und verkopft wahr. Der leisen und unaufgeregten Art, in der der Minister die Neuausrichtung der Armee bislang durchgezogen hat, kann auch der Bundeswehrverband inzwischen immer weniger abgewinnen: "Die Reform muss viel stärker kommuniziert werden. Es muss endlich Tacheles geredet werden", sagt Verbandschef Kirsch.
Mahnung des DGB
Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Michael Sommer, mahnt derweil die politische Führung der Armee, sich mehr um den Nachwuchs für die Truppe zu bemühen. Beim Kolloquium an der Sicherheitsakademie erzählt er von einem Gespräch mit jungen Offizieren, die ihm gesagt hätten, dass sie zwar wüssten, warum "sie den Soldatenberuf ergreifen und eben bewusst nicht in die Industrie gehen, aber die genauso klar gesagt haben, dass sie auch eine Familie ernähren müssen."
Die Bundeswehr müsse sich darüber im Klaren sein, dass sie auch Teil einer Debatte um Fachkräfte sei, mahnte Sommer. Das müsse sich auch in der Besoldung niederschlagen. Und deren Höhe ist - auch das kann aus der Befragung des Bundeswehrverbandes geschlossen werden - für viele Soldaten nach wie vor ein heikles Thema.
Stand: 06.09.2012 21:39 Uhr
