Die Hauptwache an der Hochstaufen-Kaserne in Bad Reichenhall (Bayern)  | Bildquelle: picture alliance / Sven Hoppe/dp

Wehrmachtsandenken in Kasernen Noch "Wehrkunde" oder schon Extremismus?

Stand: 10.05.2017 04:14 Uhr

In allen Bundeswehrkasernen wird derzeit nach Wehrmachtsausrüstung gesucht. Doch ist jeder alte Stahlhelm gleich ein Zeichen von Rechtsradikalismus? Oder gehört er zur militärhistorischen Ausbildung? Soldaten wehren sich gegen Pauschalverdächtigungen.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Eigentlich wäre sie die ideale Kulisse für einen Film über die Nazizeit - die Hochstaufenkaserne in Bad Reichenhall. Dass die Nazis die Garnison 1934 bauen ließen, wird schon am Eingang mehr als deutlich. Der Reichsadler prangt demonstrativ am Wachgebäude, das Hakenkreuz nur durch ein Edelweiß ersetzt. Darüber ein Wandgemälde mit vier Wehrmachtssoldaten.

Als Würdigung von Hitlers Streitkräften will die Bundeswehr diesen skurrilen Wandschmuck nicht gelten lassen. Hier gehe es um politische Bildung, es seien "Sachzeugen unserer wechselvollen Geschichte", ließ das Verteidigungsministerium vor knapp fünf Jahren verlauten. Damals wurde die Kaserne umbenannt. Bis 2012 trug sie den Namen von General Rudolf Konrad, einem fanatischen Antisemiten und Nationalsozialisten. Der Name verschwand, der Reichsadler und das Soldaten-Fresko blieben.

Die Hauptwache an der Hochstaufen-Kaserne in Bad Reichenhall (Bayern) | Bildquelle: picture alliance / Sven Hoppe/dp
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Ein Reichsadler ziert ein Wachgebäude der Hochstaufenkaserne in Bad Reichenhall.

Traditionserlass sollte Klarheit bringen ...

Es gibt in Deutschland viele Kasernen, die einst für die Wehrmacht gebaut wurden und die heute die Bundeswehr nutzt. Und an vielen sind auch Reichsadler, Stahlhelmreliefs oder gar Wandgemälde mit Wehrmachtssoldaten zu sehen. Sie werden geduldet, stehen teils unter Denkmalschutz. Was davon ist also als historisches Mahnmal zu verstehen, was aber als Verherrlichung der Wehrmacht?

Klarheit sollte eigentlich ein Traditionserlass aus dem Jahre 1982 bringen. Der regelt sehr eindeutig, dass Bundeswehr und Wehrmacht in keiner gemeinsamen Tradition stehen. Und er schreibt auch explizit Verbote fest: "Nationalsozialistische Kennzeichen, insbesondere das Hakenkreuz, dürfen nicht gezeigt werden." Doch im gleichen Erlass steht nur wenige Ziffern weiter: "Das Sammeln von Waffen, Modellen, Urkunden, Fahnen, Bildern, Orden und Ausrüstungsgegenständen ist erlaubt. Es dient der Kenntnis und dem Interesse an der Geschichte und belegt, was gewesen ist."

Ein Satz, den Sammler von Wehrmachtsmilitaria unter den Bundeswehrangehörigen durchaus als Ermutigung empfinden könnten. Allerdings, so der Erlass weiter, müsse die Art und Weise, in der "wehrkundliche Exponate" gezeigt würden, "die Einordnung in einen geschichtlichen Zusammenhang erkennen lassen." Heißt das also, die Ausstellung von Wehrmachtsgerät ist in Ordnung, wenn nur ein erklärender Text dabeisteht? Und falls ja, wie lang muss der sein? Ein ziemlicher Gummiparagraph, könnte man meinen.

... sorgt jetzt aber für Verwirrung

Jetzt werden alle Kasernen Deutschlands nach Wehrmachtsandenken durchsucht. Von einem notwendigen "Säuberungsprozess" sprach Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in der ARD. Die Ermittler sind nicht zu beneiden, müssen sie doch unterscheiden, was noch dem Erlass entspricht und was womöglich problematisch ist - eine Gratwanderung. Denn die Übergänge sind fließend, vieles Interpretationssache in einem Umfeld mit Vorliebe für altdeutsche Frakturschrift und schmiedeeisernen Militärkitsch.

Viele aktive und ehemalige Soldaten ärgern sich über von der Leyens Vorgehen. "Ich halte es für skandalös, dass die Truppe nun kriminalisiert wird", schreibt ein früherer Offizier an tagesschau.de und verweist explizit auf den Traditionserlass. Und ein aktiver Soldat sieht sich gar nach dem als pauschal empfundenen Vorwurf von Führungsschwäche, den Ministerin von der Leyen kürzlich erhoben hat, nun einem ebenso pauschalen Verdacht des Rechtsextremismus ausgesetzt.

Eine Frage der Interpretation

Die Bundeswehr hat in der Praxis nur wenig dazu beigetragen, die erforderliche Trennschärfe herzustellen. Zwar sind "dienstliche Kontakte mit Nachfolgeorganisationen der ehemaligen Waffen-SS" laut Traditionserlass untersagt. Aber bis in die 1990er-Jahre gab es immerhin Veranstaltungen, bei denen greise Wehrmachtssoldaten in die Kasernen geladen wurden und zum Teil am örtlichen Schießstand mit aktiven Soldaten um die Wette ballerten. Eine Kontinuität mag auf dem Papier verboten gewesen sein, in der Praxis aber entstand mindestens der Eindruck, es gebe sie doch.

Noch komplizierter wird es im Bereich Ausbildung. So nutzte die Bundeswehr beim Training der Infanterie bis vor wenigen Jahren explizit Erfahrungen der Wehrmacht aus dem Zweiten Weltkrieg als Schulungsmaterial.

Die Vorschriften hat man inzwischen bereinigt. Aber auch andere Nationen wie die USA haben etwa die Panzertaktik von Hitlers General Heinz Guderian auf dem Lehrplan ihrer Truppe. Deutsche Soldaten, die im Ausland stationiert sind, treffen regelmäßig auf amerikanische, britische oder französische Kameraden, die die militärischen Leistungen von Wehrmachtsgenerälen unabhängig von deren fragwürdiger politischer Überzeugung behandeln und oft auch würdigen. Es geht dabei um Professionalität, um das militärische Handwerk und um praktische Lehren, die man für heutige militärische Konflikte daraus ziehen kann - so befremdlich das wirken mag.

Beispiel Rommel-Kaserne

Die Grenze zwischen notwendiger Befassung mit Fragen von Taktik, Strategie und Kriegsgeschichte und der vermeintlichen Verherrlichung der Wehrmacht als williges Instrument einer verbrecherischen Politik ist offenbar nicht leicht zu ziehen. Ein gutes Beispiel dafür steht in Augustdorf im nordrhein-westfälischen Kreis Lippe: die Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne.

Blick auf den Eingangsbereich der General-Feldmarschall Rommel Kaserne in Augustdorf (Kreis Lippe). | Bildquelle: picture-alliance/ dpa
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Eingang der Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne in Augustdorf.

Hitlers populärster General ist nach wie vor Namenspatron der Bundeswehrkaserne. Und das, obwohl er maßgeblich an den Erfolgen der Eroberungskriege der Nazis beteiligt war und sein Verhältnis zum Widerstand des 20. Juli 1944 unter Historikern umstritten ist. Andererseits ist Rommel als militärischer Fachmann weltweit anerkannt, in Großbritannien etwa wird der Feldmarschall, der wegen seines Feldzuges in Nordafrika den Beinamen "Wüstenfuchs" trägt, in Militärkreisen geradezu bewundert.

Aber ist er deshalb der richtige Mann, um eine Kaserne der Bundeswehr nach ihm zu benennen? Wenn von der Leyen nun in den Streitkräften aufräumen will, dann wird sie neben den Soldaten auch ihr Ministerium und dessen Entscheidungen unter die Lupe nehmen müssen.

Bundeswehr will Zwischenbericht zu Wehrmachtsandenken in Kasernen vorlegen
G. Intemann, ARD Berlin
09.05.2017 11:23 Uhr

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Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. Mai 2017 um 09:00 und 11:00 Uhr.

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