Soldatenausbildung in Mecklenburg-Vorpommern     | Bildquelle: dpa

Zustand der Bundeswehr "Wer meldet, ist ein Nestbeschmutzer"

Stand: 05.05.2017 16:45 Uhr

Alkoholexzesse, Schikane, sexuelle Belästigung - wie verbreitet ist Fehlverhalten in der Bundeswehr? Das soll nun der Kriminologe Pfeiffer herausfinden. Im Gespräch mit tagesschau.de berichten Soldatinnen von erschreckenden Erlebnissen.

Von Christan Thiels, tagesschau.de

Für sie ist es kein Beruf, sondern eine echte Berufung. Nach dem Studium meldet sich eine junge Frau, nennen wir sie Stefanie B., voller Enthusiasmus freiwillig zum Dienst in der Bundeswehr. Doch was sie dort erlebt, ist eine massive Enttäuschung. "Es gibt oftmals - gerade auch unter den Mannschaftsdienstgraden - bestimmte Riten unter dem Banner Kameradschaft, die eigentlich nicht in die Bundeswehr gehören und auch nicht mit der Inneren Führung vereinbar sind", erzählt sie im Gespräch mit tagesschau.de.

Bundesverteidigungsministerin von der Leyen, im Hintergrund zwei Bundeswehrsoldaten. | Bildquelle: AFP
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Bundesverteidigungsministerin von der Leyen will nun genau wissen, wie es um den inneren Zustand der Streitkräfte bestellt ist - sie gab eine Studie in Auftrag.

Vielen Vorgesetzten sei das alles bekannt, aber "man sagt dann auch oftmals: So ist es schon immer gewesen und das tut der Gemeinschaft gut." Nicht nur von Alkoholexzessen weiß die junge Frau zu berichten - mit dabei selbst Offiziere und Stabsoffiziere, die eigentlich ein Vorbild sein sollten. Untergebene würden auch regelmäßig angemacht oder angepöbelt. Ein - nüchterner - Vorgesetzter habe ihr gar seinen Wohnungsschlüssel aufdrängen wollen, berichtet die Mittzwanzigerin.

Wer Meldung macht, wird abgestraft

Erfahrungen, die Marion Glück bestätigen kann. Zwölf Jahre diente sie in der Marine, zuletzt als Kapitänleutnant. Sie erlebte sexuelle Belästigungen, Führungsversagen und Mobbing. Beide Frauen taten nicht an irgendwelchen Provinz-Standorten Dienst, sondern waren in herausgehobenen Institutionen der Bundeswehr tätig, an Orten, wo das Prinzip der Inneren Führung und tadelloses Verhalten eigentlich gelebt und vorgelebt werden müssten.

Glück wollte die Zustände nicht akzeptieren und machte Meldung: "Im Endeffekt ist man dann, wenn man so etwas meldet, der Böse. Man ist ein Nestbeschmutzer, so wird das wahrgenommen. Wenn man als Offizier an den Wehrbeauftragten schreibt, dann geht das gar nicht und dann ist man von einem top-beurteilten Soldaten auf einmal ganz unten", erinnert sie sich im Gespräch mit tagesschau.de.

Studie mit 20.000 Teilnehmern

Christian Pfeiffer kennt diesen Mechanismus. Der frühere Leiter des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen soll im Auftrag von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen den inneren Zustand der Streitkräfte in einer groß angelegten Studie mit rund 20.000 Teilnehmern ermitteln. Ihm geht es darum, Führungs- und Kommunikationsstrukturen in den Einheiten zu erfassen.

Pfeiffer will untersuchen, wie Misstöne entstehen und aufklären, was passiert, wenn jemand Meldung macht: "Ist der dann eine Petze und ist gleich unten durch und wird von allen geschnitten? Oder wird er ernsthaft angehört und muss nicht das erleben, was wir Wissenschaftler die sekundäre Viktimisierung nennen: erst einmal Opfer durch irgendeinen Übergriff und dann noch einmal Opfer, weil alle ihn schneiden."

Eine Soldatin steht in einer Kaserne vor einem Plakat, das die Tugenden der Soldaten erklären soll. | Bildquelle: dpa
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Eine Soldatin steht in einer Kaserne vor einem Plakat, das die Tugenden der Soldaten erklären soll.

Wehrbeauftragter glaubt nicht an Einzelfall

Beschwerden über Fehlverhalten von Vorgesetzten, über sexuelle Belästigung oder Schikane, sie landen häufig auf dem Tisch des Wehrbeauftragten. Hans-Peter Bartels glaubt nicht an die These vom bedauerlichen Einzelfall, die das Verteidigungsministerium jahrelang bemühte, wenn solche Fälle ans Tageslicht kommen: "Die Bundeswehr ist - wie andere Organisationen, wo besondere Gewaltverhältnisse gelten - besonders anfällig für den Missbrauch von Befugnissen", sagt er. Die Arbeitsbelastung vieler Vorgesetzter sei groß, die Personaldecke knapp und auch die Klientel, die den Weg in die Streitkräfte wählt, habe sich geändert: "Die Mischung, wird mir heute oft gesagt bei Truppenbesuchen, ist zunehmend schwieriger zu handhaben."

Vorgesetzte wohnen nicht mehr in der Kaserne

Nach Dienst seien sich die Rekruten weitgehend selbst überlassen. Während früher die Vorgesetzten in der Kaserne wohnten, gibt es nun keine Unterkünfte mehr für sie. Nach Dienstschluss ist also auch Schluss mit einer gewissen informellen Kontrolle. "Man mutet da jungen Leuten eine Art Selbsterziehung oder gegenseitige Erziehung zu, die nicht gut ist", kritisiert der Wehrbeauftragte.

Viele Soldaten mit schwierigem Werdegang?

An der Wand eines Zimmers der Kaserne in Illkirch sieht man eine Zeichnung eines Soldaten, daneben hängt eine Maschinenpistole MP40. | Bildquelle: dpa
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An der Wand eines Zimmers der Kaserne in Illkirch sieht man eine Zeichnung eines Soldaten, daneben hängt eine Maschinenpistole MP40.

Auch Kriminologe Pfeiffer sieht das kritisch. Er befürchtet, dass es in der Bundeswehr einen gewissen Prozentsatz von Menschen geben könnte, "die selber in ihrem bisherigen Leben nicht so viel Selbstvertrauen tanken konnten, und daraus entsteht dann leider der Wunsch, andere zu unterdrücken, um auf diese Weise das eigene Ego zu stabilisieren." Er will herausfinden, ob es in der Truppe allgemein "eine erhöhte Macho-Kultur im Vergleich zur Normalbevölkerung gibt, also ein männliches Dominanzgehabe und auch ein Kräftemessen und eine Kultur der Ehre." Für ihn sei aber das Hauptanliegen, "dass durch dieses Projekt die Bundeswehr ein Stückchen besser wird und dass die Folgerungen vermittelt werden können", so der Kriminologe.

"Dann wird nicht so genau auf den Charakter geguckt"

Auf einen anderen, konsequenteren Umgang mit Exzessen hofft auch Stefanie B. Sie bezweifelt, dass die Bundeswehr schon den richtigen Weg gefunden hat: "Mittlerweile ist es so geworden, dass die Fehlerkultur der Politik auf das Militär abgefärbt hat und somit einzelne Köpfe rollen, bestimmte Leute werden entfernt ohne das grundlegende Problem zu behandeln."

Marion Glück hat in ihrer Bundeswehrzeit die Erfahrung gemacht, dass es bei etlichen Vorgesetzten schlicht an der Eignung zum Führen von Menschen fehle. Das sei ein strukturelles Problem. Oft gehe es eben nicht nach Eignung, Leistung und Befähigung, sondern angesichts der Personalknappheit auch um Verfügbarkeit. "Und dann wird vielleicht auch nicht so genau auf den Charakter geguckt oder auf das Führungsverhalten, das an den Tag gelegt wird."

Stefanie B. würde sich heute anders entscheiden

Für die Bundeswehr ist der Umgang mit Fehlverhalten nicht nur eine interne Angelegenheit von Disziplin und Ordnung, sondern auch eine Image- und damit Zukunftsfrage. Das Klima innerhalb der Streitkräfte entscheidet über ihre Attraktivität. Doch die dürfte überschaubar sein, wenn die Bundeswehr weiter mit Skandalen von sich reden macht.

So sieht das auch Stefanie B., die desillusionierte Soldatin, die einst mit so viel Engagement und Überzeugung in die Bundeswehr eingetreten war: "Ich denke, dass die Bundeswehr sich damit viele Chancen auf gutes Personal verbaut, einfach dadurch, dass Leute mit zivilen Vorkenntnissen und aus anderen sozialen Umfeldern davon abgeschreckt werden können. Hätte ich es vorab gewusst, hätte ich mich nicht so entschieden."

Weitere Beiträge zum Thema hören Sie am Samstag, 6. Mai um 19:20 Uhr in der Sendung "Streitkräfte und Strategien" auf NDR Info.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 05. Mai 2017 um 15:00 Uhr.

Korrespondent

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Christian Thiels, SWR

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