Vor 80 Jahren: Studenten verbrennen "undeutsche" Bücher

Bücherverbrennung vor 80 Jahren

Als das Kulturerbe in Flammen stand

Heute vor 80 Jahren warfen Nazis unzählige Bücher ins Feuer. Nicht allein jüdische Schriftsteller, sondern alle, die politisch links oder liberal waren, sollten aus dem kulturellen Leben verschwinden. Treibende Kraft waren die Studenten.

Von Wolfgang Müller, NDR

Was in einer Rundfunkübertragung vom Berliner Opernplatz "Unter den Linden" geschildert wird, ist aus der historischen Distanz betrachtet eigentlich unfassbar: Studenten schleppen Bücher aus ihren Uni-Bibliotheken heran, manchmal auch aus dem eigenen Regal. Mit so genannten "Feuersprüchen" werden die Bücher in die Flammen geworfen "...gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebensauffassung. Ich übergebe dem Feuer die Schriften von Karl Marx und Kautsky", bekennt ein Student.

Bücherverbrennung (Bildquelle: dpa)
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Nach der Machtübernahme ließen Nationalsozialisten in Universitätsstädten die Bücher verfemter Autoren verbrennen (Archivfoto vom 10.05.1933).

Wirtschaftskrise verunsicherte Studenten

Es war kein Zufall, dass ausgerechnet Studenten die treibende Kraft bei der Bücherverbrennung waren. Gerade in dieser jungen, durch die Wirtschaftskrise verunsicherten Generation, hatte die Nazi-Bewegung ihre ersten großen Erfolge. Ohnehin aber kannten Hitlers Anhänger kaum Respekt vor dem kulturellen Erbe. NDR-Journalist Axel Eggebrecht erzählt: "Die Nazis haben sich nie davor gefürchtet, als Barbaren zu gelten." Und er zitiert ein damals vielgespieltes Nazi-Drama: "Und da kommt der berühmte Satz vor: Wenn ich das Wort 'Kultur' höre, entsichere ich meinen Revolver. Das war die geistige Haltung dieser Leute."

Obwohl manche, allen voran der studierte Germanist Joseph Goebbels, es durchaus besser wussten. Seine Doktorarbeit hatte er bei einem jüdischen Professor geschrieben - jetzt erklärte er, während im Hintergrund die Bücher noch brannten: "Meine Kommilitonen! Deutsche Männer und Frauen! Das Zeitalter eines überspitzten jüdischen Intellektualismus ist nun zu Ende, und der Durchbruch der deutschen Revolution hat auch dem deutschen Weg wieder die Gasse freigemacht." In diesem Stil ging es weiter. Goebbels selbst las übrigens bis in den Krieg hinein verbotene Literatur, verrät Eggebrecht.

Liste eines Provinzbibliothekars

So massiv die Bücherverbrennung in die deutsche Kultur eingriff, so dilettantisch war sie organisiert. Das erste Problem war, dass es zunächst überhaupt keine Liste der unerwünschten Literatur gab. Das war die große Chance für einen jungen Bibliothekar, der schon eine solche Liste angelegt hatte. 

Der Publizist Volker Weidermann, der die Hintergründe für sein "Buch der verbrannten Bücher" erforscht hat, erzählt: "Dann plötzlich kamen die Studenten, die diese Bücherverbrennung organisierten, auf diese Liste, sie hatten keine bessere, und plötzlich war dieser Provinzbibliothekar der Mann, der entscheiden sollte, wer für die nächsten tausend Jahre mindestens, so war es ja geplant, als deutsch und wer als undeutsch zu gelten hatte."

Groteske, die zu Chaos führte

Es kam dabei zu einigen kuriosen Entscheidungen. Sogar ein rechtslastiger Autor wie Waldemar Bonsels landete auf der Liste: "Außer die Biene Maya", haben die Nazis draufgeschrieben, die wollten sie doch im Land behalten.

Bücherverbrennung (Bildquelle: dpa)
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Zunächst gab es keine Liste der unerwünschten Literatur.

Der Bibliothekar war eine Woche nach der Bücherverbrennung seinen Posten schon wieder los, weil er auf einer seiner früheren Listen Adolf Hitlers "Mein Kampf" als intellektuell wenig ergiebig gebrandmarkt hatte. Im Grunde war es eine einzige Groteske. Für die verfolgten Autoren aber bedeutete sie Schreibverbot oder Exil. Und für manche, wie für Carl von Ossietzky, bedeutete es auch den Tod.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Mai 2013 um 20:00 Uhr.

Stand: 10.05.2013 09:57 Uhr

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