Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.
Weitere ARD Online-Angebote.

21.11.2009

ARD-Logo

Suche in tagesschau.de

Hauptnavigation
Multimedia
  • VideoLivestream.tagesschau 12:00 Uhr
  • Videotagesschau24.
  • VideoLetzte Sendung.tagesschau 10:00 Uhr
Inhalt
Ausland

Heute vor 20 Jahren: DDR-Botschaftsflüchtlinge in Budapest

Vor 20 Jahren in Budapest

Nie mehr zurück in die DDR

Vor 20 Jahren begann für viele die sichtbare Auflösung der DDR: Tausende Ostdeutsche flüchteten damals nach Ungarn, viele von ihnen in die Botschaft der Bundesrepublik in Budapest. Die Zustände waren chaotisch, die Angst groß - doch es gelang, die Menschen sicher in den Westen zu bringen.

Von Andrea Mühlberger, ARD-Hörfunkstudio Wien

Heute vor 20 Jahren: Budapest im Ausnahmezustand. Überall haben Ostdeutsche ihre Zelte aufgeschlagen. Mehrere Zehntausend Flüchtlinge belagern die Parks der ungarischen Hauptstadt. Trabis und Wartburgs werden zu Schlafstätten umfunktioniert, die westdeutsche Botschaft zum Flüchtlingslager: In den Büros steht ein Stockbett neben dem anderen.

Statt ihren Dienst zu verrichten, organisieren die Botschaftsmitarbeiter Essen und frische Windeln für rund 180 Ostdeutsche, die dort mit Kind und Kegel Zuflucht gesucht haben. Nur eines wollen diese auf keinen Fall: Zurück in die DDR. "Wir warten hier alle und werden sehen, was sich entscheidet. Wir können auf kein Fall zurück und das wissen wir alle, und wir haben es uns vorgenommen und dazu stehen wir. Auf jeden Fall gehen wir nicht zurück in die DDR", sagte eine junge Ostdeutsche damals.

Die Flüchtlinge hoffen auf eine schnelle politische Entscheidung. Ungarns Reformregierung hat mit dem systematischen Abbau der Grenzanlagen zu Österreich seit Mai eine Lawine ins Rollen gebracht, die sich nicht mehr aufhalten lässt. Immer mehr DDR-Touristen entscheiden sich spontan zur Flucht und sammeln sich in Budapest. "Es war so, dass wir vor dem Konsulat täglich bis zu 2000 Personen stehen hatten. Es war ein enormer Ansturm", erinnert sich der frühere Botschafter Alexander Arnot.

DDR-Bürger flüchten über die ungarisch-österreichische Grenze (Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb) [Bildunterschrift: Tausende Bürger der DDR flüchteten 1989 über die ungarisch-österreichische Grenze in den Westen. ]

Dramatische Szenen in der Botschaft

Mit zunehmender Sorge beobachtet er damals, was sich in seiner westdeutschen Vertretung abspielt. Die Botschaft droht aus allen Nähten zu platzen. 30 Kleinkinder müssen versorgt werden. Die hygienischen Bedingungen werden immer schlechter. Die Flüchtlinge quält vor allem die Angst um ihre Zukunft. Und sie misstrauen einander, denn die DDR hat überall ihre Spitzel eingeschleust: "Sie können sich das vorstellen bei über hundert Leuten. Es gehen Gerüchte um. Jeden Tag ist die Presse da. Die Leute machen sich verrückt. Es wird Zeit, dass wir hier rauskommen", so ein Flüchtling damals.

Auch das Auswärtige Amt sieht das so. Nachdem sich zwei hohe Beamte aus Bonn vor Ort über die Zustände in Budapest informiert haben, wird die westdeutsche Botschaft am 14. August geschlossen. Die Mitarbeiter kümmern sich weiter um die Flüchtlinge in ihrem Gebäude. Wie die DDR-Bürger geheim nach Österreich gebracht werden sollen, darüber gibt es heute verschiedene Drehbücher: In Bussen, getarnt als westdeutsche Touristen. In verplombten Wagons.

Massenandrang von ausreisewilligen DDR-Bürgern vor der bundesdeutschen Vertretung (Foto: picture-alliance / dpa) [Bildunterschrift: Massenandrang von ausreisewilligen DDR-Bürgern am 14.8.1989 vor der bundesdeutschen Vertretung in der ungarischen Hauptstadt Budapest. ]

Bis zuletzt Angst vor der Stasi

Wieder ist die Angst groß, das DDR-Regime könnte versuchen, die Flucht zu verhindern, erinnert sich Ex-Botschafter Arnot: "Es waren hier Hunderte von Agenten der Stasi, und die ungarische Regierung ließ denen freien Lauf, zu unserem Erstaunen." Dabei hatten die Reformkommunisten in Budapest schon im Mai erklärt, es sei nicht Ungarns Aufgabe, die Grenzen fremder Staaten zu schützen.

Am 23. August gibt die ungarische Regierung Grünens Licht für die Ausreise der Botschaftsflüchtlinge. Aber nicht alle steigen in die Busse zum Budapester Flughafen. Rund 70 bleiben zurück - aus Angst vor einer Falle der Stasi. Doch der geheime Fluchtplan funktioniert. Ein Schweizer Privatflugzeug bringt die Botschaftsflüchtlinge nach Wien. Am 24. August wird eine Gruppe von 108 Flüchtlingen im Aufnahmelager Nürnberg empfangen: "Viele Tränen sind erstmal geflossen vor Glück. Wir haben gestern Abend auf keinen Fall damit gerechnet. Dann ging alles recht schnell. Wir mussten packen, Zimmer räumen. Dann ging's ab in den Bus", beschreibt einer bei seiner Ankunft im Westen das Geschehen.

Christliche Nächstenliebe von weltpolitischer Tragweite

In Budapest herrschen weiter chaotische Zustände. Die Nachricht von der Schließung der westdeutschen Botschaft lässt viele Hoffnungen sinken. Trotzdem kommen immer mehr DDR-Bürger an. Viele von ihnen finden Unterschlupf bei Imre Kozma, der als Flüchtlingspfarrer von Budapest in die Geschichtsbücher eingehen wird. "Der Herr Botschafter hatte uns um Hilfe gebeten. Also starteten wir gemeinsam diese nicht ungefährliche Aktion. In dieser Lage war das die einzige Möglichkeit", erinnert sich Kozma.

Zelte im Park neben der Kirche von Budapest-Zugliget (Foto: picture-alliance/ ZB) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Zelte im Park neben der Kirche von Budapest-Zugliget. ]
Über die Bedeutung der Hilfsaktion für die spätere Wiedervereinung denkt der hemdsärmelige Pfarrer damals nicht nach. Für Imre Kozma steht die akute Not der Flüchtlinge im Vordergrund. Noch in der Nacht, in der die Botschaft schließt, erreicht er mit seinen Leuten vom Malteser Hilfsdienst mehrere Zelte im Kirchgarten. Der Rest erledigt sich - nach seiner Erinnerung - fast von selbst: "Nachbarn kamen zum Tor des Kirchgartens und wollten helfen. Sie boten an, ihr Bad mitzubenutzen. Ich habe verschiedene Restaurants, Hotels und Großküchen angerufen, die uns Essen geliefert haben. Und keiner hat gefragt, ob er das irgendwann bezahlt bekommt."

Christliche Nächstenliebe von weltpolitischer Tragweite. Fast 50.000 DDR-Flüchtlinge finden bis Mitte November in Kozmas Kirchengemeinde "Zur Heiligen Familie" und bei seinen freiwilligen Helfern Schutz. Erst als die Mauer am 9. November schließlich fällt, werden die letzten Zelt-Planen zusammengerollt.

Stand: 14.08.2009 01:37 Uhr
 

© tagesschau.de

tagesschau.de ist für den Inhalt externer Links nicht verantwortlich.

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW