Stimmzettel für die Bundestagswahl 2017 | Bildquelle: dpa

Taktisches Wählen Spekulieren mit dem Stimmzettel

Stand: 20.09.2017 11:25 Uhr

Die FDP wählen, um die SPD vor einer Großen Koalition zu bewahren? Die Grünen schwächen, um "Jamaika" zu verhindern? Wer taktisch wählt, muss Frust einkalkulieren. Da hilft nur, sich den Strategien der Parteien anzupassen.

Von Moritz Rödle, ARD-Hauptstadtstudio

War das früher einfach! Eine Stimme für Rot oder Grün erhöhte die Chance auf dieses Regierungsbündnis. Wählte man dagegen Schwarz oder Gelb, unterstützte man eben eine mögliche Koalition aus Union und FDP. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Die alten Lagergrenzen sind längst nicht mehr klar definiert. Die SPD wirbt um die FDP, die CDU um die Grünen. Deren Spitzenkandidat Cem Özdemir wiederum machte am vergangenen Sonntag auch der FDP Avancen. Auf den ersten Blick scheint vielen Wählern deshalb klar: Der Wahlakt bedarf in diesem Jahr umfangreicher taktischer Überlegungen.

Stimmabgabe gegen bestimmte Koalitionen?

SPD-Anhänger bekunden zum Beispiel, dass sie dieses Mal FDP wählen wollten, um die Sozialdemokraten vor einer weiteren "selbstzerstörerischen" GroKo-Teilnahme zu bewahren. Konservative Fans der Großen Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel denken darüber nach, ob nicht doch die Stimme bei der SPD besser aufgehoben wäre, um "Jamaika" zu verhindern.

Linksgerichtete Grüne können sich plötzlich für Kleinparteien begeistern, weil das grüne Realo-Spitzenduo ihnen zu unionsfreundlich auftritt. Der Gedanke dahinter: Erreichen die Grünen ein schlechtes Ergebnis, werden sie sich kaum auf das Abenteuer "Jamaika" einlassen und für Schwarz-Grün reicht es dann sowieso nicht.

1/24

ARD-DeutschlandTrend vom 14. September 2017

Sonntagsfrage

Sonntagsfrage

Taktisches Wählen könnte zum Gegenteil führen

Doch die Gefahr ist groß, dass all diese taktischen Wähler enttäuscht werden. Wahrscheinlich gab es seit vielen Jahren keine Bundestagswahl mehr, deren Ergebnis so unvorhersehbar war. Selbst erfahrene Spitzenpolitiker aus allen Parteien geben in Hintergrundgesprächen zu, ihnen sei das Gefühl für den Ausgang der Wahl abhanden gekommen. Und so ist es völlig unklar, wie es nach dem 24. September weiter gehen könnte.

Ausgeschlossen haben alle eigentlich nur eine mögliche Zusammenarbeit mit der AfD. Ansonsten ist vieles denkbar. Egal welche taktischen Überlegungen letztendlich hinter einer Wahlentscheidung stehen würden, es ist also möglich, dass genau das Gegenteil des erwünschten Effektes eintritt.

Verschiedene Effekte denkbar

Es gibt Szenarien, in denen eine gedemütigte 20-Prozent-SPD trotzdem wieder in eine Große Koalition gehen müsste - zum Beispiel, falls ansonsten Neuwahlen drohen würden. Das Gleiche gilt aber auch, wenn die Sozialdemokraten doch stärker abschneiden als erwartet.

Eine starke FDP wiederum könnte dieses Szenario wahrscheinlicher machen. Und zwar so: Mit einem großen Wahlsieg im Rücken wäre sie wohl ein harter Brocken für Grüne und Union in "Jamaika"-Verhandlungen. Daran könnten die Verhandlungen über diese sogenannte schwarze Ampel scheitern. Genauso gut könnte ein starkes FDP-Ergebnis aber auch für klare Verhältnisse und die schnelle Bildung einer schwarz-gelben Regierung sorgen.

Eine taktische Zweitstimme an die Grünen könnte die Bildung einer schwarz-grünen Regierung unterstützen. Theoretisch denkbar - wenn auch sehr unwahrscheinlich - ist aber auch noch die Bildung einer rot-rot-grünen Regierung. Grundsätzlich bietet taktisches Wählen im Jahr 2017 deshalb ein großes Frustrationspotenzial. Dem entgehen kann nur, wer sich an die Strategie der Parteien anpasst.

Entscheidung nach Inhalten

Die Parteien wiederholen mantraartig, es gehe um Inhalte. Man wolle möglichst viele eigene Ideen umsetzen - egal, in welcher Koalition. Deshalb empfiehlt es sich, die eigenen politischen Präferenzen zu prüfen. Wer zum Beispiel findet, dass die Mietpreisbremse nicht funktioniert und ausgeweitet werden müsste, dessen Stimme wäre bei SPD, Linkspartei oder Grünen gut aufgehoben. Ist man dagegen der Meinung, sie funktioniert, oder möchte man sie sogar abschaffen, liegt die Wahl von Union, FDP oder AfD auf der Hand.

Es gibt natürlich noch viele weitere Beispiele. Egal, ob die Parteien nachher in der Regierung oder der Opposition sind, sie werden ihre Ideen vertreten. Inhaltliche Fragen als Grundlage der Wahlentscheidung könnten also persönliche Enttäuschungen verhindern. Nur wer nach Inhalt wählt, stärkt damit die Wahrnehmung der eigenen Interessen in der künftigen Bundesregierung oder der Opposition.   

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 18. September 2017 um 19:10 Uhr.

Darstellung: