Horst Seehofer | Bildquelle: dpa

Horst Seehofer Poltern. Lächeln. Siegen.

Stand: 20.08.2017 00:16 Uhr

Sein Führungsstil gilt als mitunter brachial, seine Wendemanöver in politischen Sachfragen sowie seine eigene Zukunft betreffend, sind legendär. Der Polit-Stratege Horst Seehofer - ein Porträt.

Von Sebastian Kraft, BR

Seit ein paar Tagen hängen sie nun also in Bayern - Plakate mit dem Bild von Angela Merkel und dem Konterfei der CSU. "Klar für Stabilität" prangert in großen Buchstaben unter dem Bild der Bundeskanzlerin.

Bei manch einem an der CSU-Basis dürfte das Stirnrunzeln hervorrufen, einige werden wohl auch die Faust in der Tasche ballen - galt es doch vor rund einem Jahr noch für nahezu ausgeschlossen, dass die Kanzlerin von der CSU plakatiert wird. Zu tief die Kluft zwischen Merkel und Seehofer in der Flüchtlingsfrage, zu offen trat der Konflikt auf dem denkwürdigen CSU-Parteitag im November 2015 zu Tage.

Bayerns Ministerpräsident Seehofer und Kanzlerin Merkel auf dem CSU-Parteitag im November 2015. | Bildquelle: dpa
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Gestern und heute: Auf dem CSU-Parteitag Ende 2015 kanzelte er Merkel öffentlich ab ...

Angela Merkel und Horst Seehofer | Bildquelle: dpa
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...inzwischen bezeichnet Seehofer sein Verhältnis zur CDU-Chefin als gekittet. Es ist Wahlkampf.

Als ob nichts gewesen wäre

Aalglatte Wendigkeit ist das wohl prägnanteste politische Charaktermerkmal von CSU-Chef Horst Seehofer. Auf die Frage, ob die CSU im Wahlkampf Merkel plakatiere oder nicht, bricht vor einigen Wochen ein "Ja, natürlich" aus ihm förmlich heraus und der Fragesteller bekommt noch einen kritisch-fassungslosen Blick hinterher, wie er denn überhaupt auf so eine Frage kommen könnte. Als ob nichts gewesen wäre.

Streit um die von Seehofer geforderte Obergrenze von jährlich 200.000 Flüchtlingen? Die klare Absage von Merkel an diese Bedingung Seehofers? Dazu dann wieder die Drohung Seehofers, ohne Obergrenze keinen neuen Koalitionsvertrag zu unterschreiben?

Feuerwerk an Wahlkampfversprechen

Der 68-jährige Ingolstädter lächelt das in diesen Wahlkampftagen alles mit dem ihm eigenen Charme weg und hat seine CSU auf Geschlossenheit getrimmt. Die Partei folgt. Um den Konflikt mit Merkel in der Flüchtlingsfrage zu übertünchen, zündet Seehofer ein Feuerwerk an Wahlkampfversprechen unter dem Motto "Klar für unser Land": Steuerentlastung, Kindergelderhöhung, Abschaffung Soli, Baukindergeld, Mütterrente. Alles zusammen sehr teuer. Ob alles zusammen dann auch kommt, ist ungewiss.

Dies ist nur eines von vielen strategischen Manövern, seitdem Horst Seehofer die CSU nach der Landtagswahl 2008 in ihrer tiefsten Krise als Parteichef und bayerischer Ministerpräsident übernommen hat.

Brachialer Führungsstil und wendig bei Standpunkten

Sein Führungsstil gilt als brachial und manchmal kommen gar seine wenigen Getreuen nicht hinterher, wenn Seehofer seine Standpunkte wechselt. Aktuell zu beobachten beim Dauerstreit um die dritte Startbahn am Münchner Flughafen. Nach einem Besuch vor Ort schien er sich erst gegen diese immer klare CSU-Position zum Flughafenausbau zu wenden, jetzt nach einer Studie zu den Flugbewegungen ist er wieder eher dafür. Die Entscheidung ist freilich noch offen.

Bei der Wehrpflicht, der Abkehr von der Atomenergie, dem Donau-Ausbau oder dem neunjährigen Gymnasium kippte er schon eigentlich unumstößliche Positionen seiner Vorgänger. Was seine eigene Zukunft betrifft, hieß es lange: 2018 ist Schluss. Im April dieses Jahres verkündete Seehofer dann bei den bayerischen Landtagswahlen 2018  noch einmal antreten zu wollen.

Seine Wendemanöver schaden ihm nicht

Das Echo ist geteilt, der CSU-Chef polarisiert seine Partei immer wieder neu. Die Konservativen sehen den Markenkern in Gefahr, die Liberalen freuen sich über eine Modernisierung der Partei. Seehofer selbst will sich in keinem Lager verorten. Er spricht lieber von der "Koalition mit der Bevölkerung". Wobei die Bevölkerung am liebsten seiner Meinung sein sollte.

Das mitunter Erstaunlichste: Wirklich geschadet haben Seehofer diese Wendemanöver nie, die bayerische Bevölkerung hat ihn dafür in Wahlen bisher nicht abgestraft. Im Landtagswahlkampf 2013 entwarf die Bayern-SPD sogar eine eigene Homepage unter dem Titel "Drehofer" - der Effekt war überschaubar. Und wenn der CSU-Chef auf öffentlichen Veranstaltungen deswegen kritisiert wird, packt er eine seiner Lieblingsgeschichten aus: Die Bayern hätten sich im 19. Jahrhundert auch erst Napoleon angeschlossen und viele Landgewinne erzielt. Als dessen Stern dann sank, liefen sie blitzschnell zu Österreich über und seien wieder auf der Seite der Sieger gewesen.  

Seehofer hat auch rote Linien

Doch Seehofers Wendigkeit hat auch klare Grenzen: Wenn es um Grundsatzfragen geht, steht er zu seinen Überzeugungen. Im Streit mit Merkel um die Kopfpauschale trat er einst sogar als stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zurück. Nach seinem Comeback stritt er dann wieder mit Merkel über Ausländermaut und Betreuungsgeld. Alles Sachfragen.

Dann kam die Forderung nach der Obergrenze - wie die Kopfpauschale eine Grundsatzfrage, bei der Seehofer eigentlich nicht einknicken kann. Der Konflikt mit Merkel könnte nach der Bundestagswahl wieder neu aufbrechen.

CSU-Chef Horst Seehofer stellt sich am Sonntag ab 18.30 Uhr im Sommerinterview des Berichts aus Berlin den Fragen von Tina Hassel und Thomas Baumann. Bereits um 13.45 Uhr stellt er sich den Fragen der Zuschauer im ARD-Format "Frag selbst".

"Frag selbst" - die Termine

  • Katrin Göring-Eckardt (Grüne): 2. Juli
  • Sahra Wagenknecht (Die Linke): 13. Juli
  • Peter Altmaier (CDU): 16. Juli
  • Frauke Petry (AfD): 13. August
  • Horst Seehofer (CSU): 20. August, 13.45 Uhr
  • Martin Schulz (SPD); 27. August
  • Christian Lindner (FDP): 30. August

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. August 2017 um 22:00 Uhr.

Korrespondent

Sebastian Kraft  | Bildquelle: BR, Julia Müller Logo BR

Sebastian Kraft, BR

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