Christian Lindner | Bildquelle: dpa

FDP-Chef Lindner Politik ist sein Rauschmittel

Stand: 30.08.2017 03:57 Uhr

Im Bundestag spielt die FDP seit vier Jahren keine Rolle mehr - im Wahlkampf perfektioniert sie deshalb die Vermarktung ihres Spitzenkandidaten. Und tatsächlich gewannen die Liberalen mit Christian Lindner wieder Oberwasser. Und er genießt diese Rolle sichtlich.

Von Ariane Reimers, ARD-Hauptstadtstudio

Er ist die FDP. Der Wahlkampf ist perfekt auf ihn zugeschnitten, sein Gesicht prangt von vielen Wahlplakaten, der Wahlspot zeigt vor allem seine Person: Mit modernem Großstadtstyle und viel Schwarz-Weiß-Ästhetik hat Christian Lindner es geschafft, zu einer Art Stilikone des Internets zu werden. Zuletzt kursierten etwa unter dem Hashtag #Thermolindner zahlreiche Lindner-Memes auf Twitter, die den FDP-Vorsitzenden als Küchengeräte-Vertreter zeigten. Das klingt zwar auch nach "hat keine Inhalte und verkauft eine Ware", aber ist gleichzeitig kostenlose Werbung und Gesprächswert.

Lindner auf einem FDP-Plakat. | Bildquelle: AFP
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Die FDP setzt im Wahlkampf großflächig auf Lindner.

Selbstvermarktung - eine Säule der FDP-Kommunikation

Und Linder selbst? Macht mit. Besser als alle anderen Spitzenpolitiker weiß er mit den sozialen Medien zu spielen. Damit hat er aus der Not eine Tugend gemacht. Ausgeschlossen aus dem Routinebetrieb des parlamentarischen Berlin ist Selbstvermarktung zu einer Säule der FDP-Kommunikation geworden. Kaum ein soziales Medium, auf dem Lindner nicht aktiv wäre. Kurze Videos zum Teilen, griffige Botschaften, FDP-Inhalte in allen Darreichungsformen.

Seine Kampagne, sein Stil sind bejubelt, aber auch umstritten: Werbe-Chichi, selbstverliebt, formschön, aber inhaltsleer. Und immer kommt wieder der Vorwurf, die FDP habe sich mitnichten verändert. Nur die Verpackung sei moderner und ästhetischer geworden.

Von einer derartigen Präsenz hat Lindner vor ein paar Monaten nur träumen können. Blickt man noch weiter zurück, war die Situation sehr viel verzweifelter. 2014 lag die FDP am Boden und ihr junger Chef stand vor der schwierigen Aufgabe, die scheinbar überflüssig gewordene Partei zu motivieren, sie aufzubauen und am Ende auch noch die Wähler zu überzeugen, ihr Kreuz (wieder) bei der FDP zu machen.

Seine Positionen: Gegen Merkels Flüchtlingspolitik ...

Der Versuchung, die Partei in ein rechtes, populistisches Fahrwasser zu lenken, hat Lindner widerstanden. Seine Kritik an der Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel klammert sich an den Begriff der Rechtsstaatlichkeit. Seine Position in dieser Sache ist konservativ. Wie Innenminister Thomas de Maizière will er die Mittelmeerroute schließen und Flüchtlinge zurückschicken - sobald das rechtlich möglich ist. Auch das Wort "Obergrenze" nimmt Lindner in den Mund, auch wenn er keine feste Zahl damit verbinden will.

... für Deutschland als Einwanderungsland ...

Eine pauschale Islamkritik aber lehnt er ab, und im Gegensatz zu Seehofers CSU oder gar der AfD sieht er Deutschland als Einwanderungsland. Ein Einwanderungsgesetz ist für Lindner ein Prüfstein für eine mögliche Koalitionsbildung nach der Wahl.

... für "weltbeste Bildung"

Eine der lautesten FDP-Botschaften ist "weltbeste Bildung" - eine Reform des Bildungsförderalismus, mehr Investitionen in Schulen, in Aus-und Weiterbildung, in digitales Lernen, in frühkindliche Bildung, in bessere Unis. Letzteres wollen die Liberalen etwa durch "nachgelagerte Studiengebühren" finanzieren, also einem Geldbetrag, der nach Abschluss des Studiums und erfolgreicher Berufstätigkeit erhoben wird. In seinem Bundesland Nordrhein-Westfalen konnte Lindner sich damit gegen die CDU zwar nicht durchsetzen, dafür gibt es dort jetzt Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer (mit einigen Ausnahmeregelungen).

Diese Entscheidung war im NRW-Koalitionsvertrag frisch verankert, als Lindner im Juli an der Uni Bochum einen Vortrag hielt. Dem FDP-Chef dürfte klar gewesen sein, dass er dort auch studentische Proteste zu erwarten hatte. So kam es auch, Lindner wurde als "Rassist" beschimpft, Demonstranten stürmten das Podium mit Transparenten, forderten "gebührenfreie Bildung für alle" und versuchten die Veranstaltung zu verhindern.

Vielleicht ist es seine Fähigkeit, so eine Situation zu seinen Gunsten zu drehen, die ihn auch auf der großen politischen Bühne Erfolg haben lässt. Lindner hörte sich die Proteste an, forderte dann Toleranz ein und eroberte sich so das Rederecht zurück. Am Ende konnte er mit seinen Argumenten brillieren, die Gegenseite war schnell ausgekontert, ihm rhetorisch nicht gewachsen.

Christian Lindner und Armin Laschet bei einer Pressekonferenz kurz nach der Wahl in NRW | Bildquelle: dpa
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Lindner im Mittelpunkt: Nach dem FDP-Erfolg bei der Landtagswahl in NRW stellt er sich gemeinsam mit CDU-Spitzenkandidat Armin Laschet der Presse.

Lindner redet frei - und zieht die Menschen in seinen Bann

Linder ist ein hervorragender Redner. Unterhaltsam und witzig. Seine Reden hält er frei, ein kleiner Notizzettel die einzige Stütze. Er vermag es, einen ganzen Saal in seinen Bann zu ziehen. Und er weiß, dass er gut ist, besser als die meisten seiner politischen Gegner. Dieses Bewusstsein lässt ihn manchmal auch arrogant oder zumindest selbstverliebt wirken.

Vor ein paar Tagen in Halle: Die FDP Sachsen-Anhalt überträgt live auf Facebook. Der Platz vor dem Saline-Museum ist voll, es herrscht eine entspannte Biertisch-Atmosphäre. Lindner verzichtet auf eine klassische Wahlkampfrede (die könne man ja auch auf Youtube angucken), sondern geht spontan auf drei aktuelle Themen ein: den Terroranschlag in Barcelona ("die Menschen haben sich nicht einschüchtern lassen"), die Diesel-Affäre ("wenn das Software-Update nicht reicht, müssen die Hersteller auch den Motor umrüsten") und Gerechtigkeit ("wer mehr Stunden arbeitet, soll am Ende auch mehr verdienen").

Mit Merkels CDU - oder in der Opposition gegen die GroKo

Christian Lindner auf einer Wahlkampfveranstaltung am Nürburgring | Bildquelle: AFP
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Lindner redet frei - wie hier auf Wahlkampftour am Nürburgring.

Am Ende fragt Lindner in die Menge, wer noch daran glaube, dass das Rennen um die Bundestagswahl nicht gelaufen sei. Er würde 20 Euro wetten, dass auch nach dem 24.9. die Kanzlerin Angela Merkel heiße. Lachen, Kopfschütteln - am Ende finden sich zwei, die gegenhalten wollen. Lindner ruft Platz 3 als Ziel der FDP aus. Damit würde man entweder die Opposition gegen eine Große Koalition anführen oder aber an der Regierung beteiligt werden. Sollte letzteres der Fall sein, verspricht er, dass die FDP-Mitglieder über einen potenziellen Koalitionsvertrag abstimmen dürften - wie gerade in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein geschehen. Und schließlich ein bisschen gespielte Demut und Koketterie: Ja, die FDP habe Fehler gemacht, sie werde auch wieder Fehler machen. Aber sie werde immerhin nicht wieder dieselben Fehler machen.

"Sie sind zu überheblich"

Applaus. Dann ist die Fragerunde eröffnet. Koalitionspartner, Gesundheitspolitik, vereinfachte Steuererklärung. Lindner ist in seinem Element, erklärt, scherzt, spitzt zu. Ein bisschen eckt er aber auch an. Im Frage-Antwort-Spiel überreicht ihm ein Mitt-Dreißiger ein Papier, statt eine Frage zu stellen. Lindner und zögert, trägt dann aber doch einen Punkt vor: "Sie sind zu überheblich, da verlieren Sie Stimmen", steht auf dem Zettel. Nur wenige Minuten vorher hatte Lindner die Veränderung der Arbeitswelt durch die Digitalisierung skizziert: "Altenpflegerinnen werden wir in Zukunft brauchen, Handwerker auch, aber den mittelmäßigen Juristen, den brauchen wir nicht mehr. Das, was der macht, schafft bald eine Künstliche Intelligenz."

"Mittelmäßiger Jurist" - mit dieser Beschreibung hatte Lindner offensichtlich die eigene Klientel getroffen. Nun rechtfertigt er sich: "Vielleicht wird der mittelmäßige Jurist dann ein toller Berufsschullehrer." Und fügt hinzu: "Diese immer nur in Watte gepackte Kommunikation, davon gibt es viel zu viel. Wir müssen auch die Realität aussprechen."

Jetzt, kurz vor der Bundestagswahl, pendelt die FDP in den Umfragewerten zwischen acht und zehn Prozent. Ein großer Erfolg, für den vor allem Lindner verantwortlich ist. Ein Erfolg, der aber auch schnell zu Kopf steigen kann. Es wird nicht einfach sein, vom süßen Honig des "immer-im-Mittelpunkt-Stehens" zu lassen. Politik ist sein Rauschmittel.

"Frag selbst" - die Termine

  • Katrin Göring-Eckardt (Grüne): 2. Juli
  • Sahra Wagenknecht (Die Linke): 13. Juli
  • Peter Altmaier (CDU): 16. Juli
  • Frauke Petry (AfD): 13. August
  • Horst Seehofer (CSU): 20. August, 13.45 Uhr
  • Martin Schulz (SPD); 27. August
  • Christian Lindner (FDP): 30. August

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 31. August 2017 um 00:15 Uhr.

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