Eine Altenpflegerin arbeitet in einem Seniorenzentrum | Bildquelle: dpa

Pflegenotstand in Deutschland Überlastet, ausgebrannt - und weg

Stand: 21.09.2017 00:11 Uhr

Schreiende Patienten, überfordertes Personal: Der Pflegenotstand ist auf den letzten Metern zum Wahlkampfthema geworden. Wie schwierig ist die Situation und woher sollen die vielen neuen Fachkräfte kommen?

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Stundenlang schallen die Schreie von Patient A. über die Flure der Station für Innere Medizin eines unterfränkischen Krankenhauses. Patient A. ist verwirrt, er weiß nicht, dass er sich im Krankenhaus befindet. Doch bei zwei Pflegekräften für 30 Patienten fehlt die Zeit, sich um den verzweifelten Mann zu kümmern, erzählt eine Krankenschwester im Gespräch mit tagesschau.de. Es müssen Patienten zu Operationen gebracht, Medikamente verteilt, Verbände gewechselt und Schmerzpatienten versorgt werden.

Patient T., ebenfalls dement, bekommt sein Essen. Eine halbe Stunde später wird es wieder abgeräumt, ohne dass der Mann es angerührt hat. Er wusste nicht, dass er den Plastikdeckel heben muss, um essen zu können. Jemand müsste sich zu ihm setzen und ihn füttern.

2030 werden 300.000 Pflegekräfte fehlen

Situationen wie diese gehören zum Alltag von Pflegekräften in ganz Deutschland. Schon jetzt fehlt allerorten Personal, weil in der Vergangenheit - aus wirtschaftlichen Gründen - viele Stellen abgebaut und weniger Pflegekräfte ausgebildet wurden. 70.000 Fachkräfte fehlen laut der Gewerkschaft ver.di bereits jetzt bundesweit in der Krankenpflege. 40.000 zusätzliche Fachkräfte bräuchte es in der Altenpflege.

Und dieses Problem wird sich in Zukunft noch deutlich verschärfen. 300.000 Pflegekräfte werden laut Prognosen des Deutschen Pflegerats bis 2030 fehlen, davon allein 200.000 in der Altenpflege. Und niemand weiß, woher die Tausenden neuen Kranken- und Altenpfleger kommen sollen.

Mehr Menschen erhalten Pflegeleistungen

Nach der Neudefinition der Pflegebedürftigkeit ist die Zahl der Menschen, die erstmals Geld oder Sachleistungen aus der Pflegeversicherung erhalten, laut "Rheinischer Post" stark gestiegen. In der ersten Hälfte dieses Jahres sprach der Medizinische Dienst der Krankenkassen 432.000 Versicherten erstmals einen der neuen fünf Pflegegrade zu - 175.000 Menschen mehr als im Vorjahreszeitraum.
Zum 1. Januar war die zweite Stufe des Pflegestärkungsgesetzes II in Kraft getreten. Kern der Reform ist ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff. Statt bisher drei Pflegestufen gibt es nun fünf Pflegegrade. Von den Menschen, die 2017 begutachtet wurden, erhielten 80 Prozent einen Pflegegrad.
Derzeit leben in Deutschland etwa 2,9 Millionen Pflegebedürftige.

"Ergebnis einer Abwärtsspirale"

"Das ist das Ergebnis einer Abwärtsspirale", sagt ver.di-Sprecher Jan Jurczyk im Gespräch mit tagesschau.de. Durch die immer größere Belastung der einzelnen Pfleger und die zum Teil sehr schlechte Bezahlung habe der Beruf stark an Attraktivität eingebüßt. "Menschen, die einmal mit großem Idealismus diesen Beruf ergriffen haben, leiden sehr darunter, ihn nicht so ausüben zu können, wie sie es gelernt haben - und den Schicksalen der Patienten nicht gerecht zu werden." Die Folge: Viele sind ausgebrannt, werden häufiger krank, wechseln den Beruf oder reduzieren ihre Arbeitszeit. Die Folge: Die Not der verbliebenen Pflegekräfte wird noch größer und der Beruf noch unattraktiver - auch für potentielle Auszubildende.

Altes Thema - neue Forderungen

Dieses Thema ist seit Jahren bekannt, doch erst jetzt - in den letzten Tagen vor der Bundestagswahl - erfährt es eine größere Öffentlichkeit. In der ARD-Wahlarena hatte ein junger Auszubildender Angela Merkel mit den Misständen konfrontiert. Und plötzlich überschlagen sich die Parteien mit Vorschlägen, den Notstand zu beheben. Mehr Stellen, einen verbindlichen Schlüssel, wie viele Patienten eine Pflegekraft zu betreuen hat und 30 Prozent mehr Gehalt, versprach Kanzlerkandidat Martin Schulz in der ARD-Wahlarena.

Alexander Jorde | Bildquelle: dpa
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Alexander Jorde kritisierte die Kanzlerin in der Wahlarena hartnäckig für ihre Pflegepolitik - und brachte damit einen Stein ins Rollen.

Die Grünen kündigten ein Sofortprogramm von 25.000 neuen Pflegekräften an, Linkspartei-Vorsitzende Sahra Wagenknecht macht die Große Koalition für den Pflegenotstand verantwortlich. In ihrem Wahlprogramm fordert die Partei einen Mindestlohn für Pflegekräfte von 14,50 Euro. Und auch Angela Merkel will die Pflegeberufe aufwerten, bleibt aber unkonkreter.

Dabei hat die Politik das Thema schon länger auf der Agenda. "Wir haben die Zahlung von Tariflöhnen in der Pflege gestärkt, unterstützen Pflegeeinrichtungen beim Bürokratieabbau und haben das Schulgeld in der Altenpflegeausbildung abgeschafft", bilanzierte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Auch bei den Personaluntergrenzen tut sich etwas: Die Politik hat Termine gesetzt, bis zu denen Personalschlüssel in Pflegeheimen und Krankenhäusern definiert und eingeführt werden müssen.

Anwerben ausländischer Pflegekräfte

In einem Pflegestellen-Förderprogramm - in zweiter Auflage - stellt die Bundesregierung bis 2018 insgesamt 660 Millionen Euro zur Verfügung. Darüber hinaus soll ab 2019 eine Fördersumme von 330 Millionen Euro jährlich fließen. Für ver.di ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein: "Die zusätzlichen Stellen, die dadurch geschaffen werden können, decken nur ein Zehntel unseres prognostizierten Bedarfs", sagt ver.di-Sprecher Jurczyk.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat zudem das Programm "Triple Win" auf den Weg gebracht, über das Pflegekräfte aus Serbien, Bosnien-Herzegowina und den Philippinen für den deutschen Arbeitsmarkt angeworben werden. 1000 Pflegekräfte konnten darüber bis Ende Juli dieses Jahres gewonnen werden. Doch Experten sehen solche Programme, die es in ähnlicher Weise schon in der Vergangenheit gab, kritisch. Zum einen handle es sich immer nur um einige hundert Fachkräfte, die den Bedarf in Deutschland nicht decken könnten. Zum anderen sei die Hürde der Sprache sehr hoch. Die Pflegekräfte müssten häufig nachgeschult werden oder kämen auf den Stationen und mit den Patienten nicht gut zurecht.

Pflegekräfte nur zehn Jahre im Beruf

Doch das alles wird nicht annähernd reichen, um den Bedarf an Fachkräften zu decken. Und schon gar nicht wird es das Problem beheben, dass ausgebildete Pflegekräfte den Job häufig rasch wieder wechseln: Zehn Jahre arbeiten sie nach Schätzungen des Deutschen Pflegerats im Schnitt in diesem Beruf. Danach streichen sie die Segel.

Eine Lösung des Problems sehen Experten nur dann, wenn die Rahmenbedingungen des Berufes sich deutlich verbessern. "Mitarbeiter durch eine gute Unternehmenskultur zu binden, ist besser als neue Mitarbeiter zu finden", sagt Rolf Höfert vom Deutschen Pflegerat im Gespräch mit tagesschau.de. Das könne nur gelingen, wenn die Bezahlung stimme, die Arbeitsbelastung reduziert werde und familienfreundliche Arbeitszeitmodelle möglich würden. Vor allem in der Krankenpflege sei Letzteres aktuell ein Problem.

"Zehntausende haben den Beruf verlassen"

Wenn das gelingt, würden womöglich auch viele der Zehntausenden ausgebildeten Pflegekräfte wieder zurückkehren, die derzeit nicht in dem Beruf arbeiten", meint Höfert. Er spricht von einem "konstruierten", also selbst verschuldeten Notstand. Um eine Kostendämpfung im Krankenhauswesen zu erreichen, wurden einst die Fallpauschalen eingeführt. Die Krankenkassen zahlten für die Patienten nicht mehr pro Krankenhaustag, sondern nach Diagnose. 70.000 Stellen für Pflegekräfte seien in den Krankenhäusern in den vergangenen zehn Jahren abgebaut worden, 150.000 Fachkräfte weniger ausgebildet, so Höfert. "So wie man diesen Notstand erzeugt hat, kann man diese Spirale auch wieder umkehren."

Dass das nicht zum Nulltarif zu haben sein wird, ist klar. Wie viel Geld dafür allerdings notwendig sein wird, kann derzeit niemand beziffern.

Über dieses Thema berichtete die Rundschau auf BR am 19. September 2017 um 16:00 Uhr.

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