Eine Person, die aus grünen Nullen und Einsen besteht | Bildquelle: REUTERS

Daten im Wahlkampf Wähler, wer bist Du?

Stand: 26.08.2017 04:22 Uhr

Den gläsernen Wähler gibt es in Deutschland zwar nicht - aber die Parteien geben sich alle Mühe, möglichst viel über ihre Anhänger zu erfahren. Ihre Strategien unterscheiden sich dabei jedoch deutlich voneinander.

Von Julian Heißler, tagesschau.de

Wenige Tage vor der Wahl im Saarland wurden einige Facebook-Nutzer zwischen Merzig und Saarbrücken von einem unerwarteten Post überrascht. "AfD-Kreis-Chef tritt aus und rät von Wahl der Partei ab", erschien da in den Timelines von Menschen, die lediglich drei Dinge gemeinsam hatten: Sie wohnten im Saarland, waren volljährig - und hatten die Facebook-Seiten der AfD oder des fremdenfeindlichen Netzwerks "Pegida" mit "gefällt mir" markiert.

Abgeschickt hatte die Nachricht die Linkspartei. Die Wahlkämpfer hatten schlicht einen Artikel der "Saarbrücker Zeitung" verlinkt, "Dem schließen wir uns an" darüber geschrieben und einen kleinen Beitrag dafür bezahlt, dass ihn die gewünschte Zielgruppe zu sehen bekommt. Solche Veröffentlichungen werden "Dark Posts" genannt.  "Das war durchaus effektiv", erinnert sich Mark Seibert von der Agentur DiG, die Wahlkämpfe für die Linkspartei entwirft.

Schwerer Start

Seiberts Facebook-Post ist nur eine kleine Episode - doch dass das Internet für Wahlkämpfe immer wichtiger wird, ist spätestens seit 2008 eine Binsenweisheit im politischen Geschäft. Damals gelang Barack Obama auch dank einer gut geölten Social-Media-Maschine der Einzug ins Weiße Haus. Auch deutsche Politiker waren begeistert - waren selbst jedoch hierzulande bislang nicht annähernd so erfolgreich.

Als etwa der damalige (und heutige) SPD-Generalsekretär Hubertus Heil 2008 plötzlich anfing, vom Parteitag der US-Demokraten Twitter-Nachrichten zu verschicken, sahen die wenigsten deutschen Beobachter darin einen taktisch klugen Schachzug. Vielmehr entlud sich Hohn und Spott über den Politiker - was allerdings auch mit dem Inhalt seiner damaligen Tweets zu tun haben könnte ("Mdb muetze hat ein skateboard, mdb annen schuh gekauft. Wir koennen jetzt weiterarbeiten..."). Auf diesem Stand befinden sich die Social-Media-Aktivitäten der Parteien heute natürlich längst nicht mehr. Die Durchschlagskraft, die Twitter, Facebook und Co. in den vergangenen US-Wahlkämpfen erreichten, haben die deutschen Akteure allerdings auch heute noch nicht.

Hubertus Heil @hubertus_heil
Mdb muetze hat ein skateboard, mdb annen schuh gekauft. Wir koennen jetzt weiterarbeiten...

Schreckgespenst Cambridge

Acht Jahre später schreckte eine weitere Entwicklung nicht nur die deutschen Wahlkämpfer auf. Wenige Wochen nach der US-Wahl im vergangenen November legte ein Zeitschriftenartikel nahe, dass die Datenexperten des Unternehmens Cambridge Analytica für den überraschenden Wahlerfolg von Donald Trump verantwortlich sein könnten.

Die Firma brüstete sich, durch die Auswertung riesiger Datenmengen zum Konsumverhalten, Lebensstil oder zur Facebook-Nutzung persönliche Wählerprofile erstellt und den potenziellen Wählern damit speziell auf sie zugeschnittene Wahlnachrichten geschickt zu haben. Dies, so die Lesart, habe potenzielle Trump-Wähler an die Urnen gebracht - und den Kandidaten damit zum Präsidenten gemacht.

Grenzen durch Datenschutz

An dieser Version gibt es jedoch durchaus Zweifel. Von einer "linken Verschwörungstheorie" spricht etwa Mathias Richel, Creative Director der Werbeagentur "Torben, Lucie und die Gelbe Gefahr" und langjähriger Wahlkämpfer für die SPD. Enttäuschte Anhänger von Trumps Gegenkandidatin Hillary Clinton wollten die Verantwortung für die Niederlage auf die Technik schieben, um von den Fehlern der US-Demokraten im Wahlkampf abzulenken, meint er. Unbestritten ist hingegen, dass der Einsatz von Daten in Wahlkämpfen eine durchaus große Rolle spielen kann. Auch in Deutschland.

Personalisierte Wählerprofile, wie Cambridge Analytica sie vermeintlich anbietet, wird es hierzulande allerdings nicht geben. Das lassen die deutschen Datenschutzgesetze - anders als etwa in den USA - nicht zu. Das heißt allerdings nicht, dass die deutschen Wahlkämpfer nichts über ihre potenziellen Wähler wissen. Auch hierzulande kann etwa Facebook genutzt werden, um bestimmte Wählerschichten anzusprechen - wie schon das Beispiel der Linkspartei im Saarland zeigt. Und wer noch mehr Informationen braucht, für den gibt es einen staatsnahen Anbieter, der gern mit großen Datensätzen aushilft: die Deutsche Post.

Amtshilfe der Post

Über ein Tochterunternehmen bietet die Post seit Jahren an, bei ihr Adressen und andere Informationen auszuleihen. Grundlage bietet die Postreferenzdatenbank, die laut Angaben des Unternehmens rund 190 Millionen aktuelle und ehemalige Anschriften enthält. Hinzu kommen "wertvolle Zusatzinformationen", etwa zur Bonität, die laut Datenschutzgesetz zwar nichts über den einzelnen Bürger aussagen dürfen, aber beispielsweise nach Straßenzügen ausgewertet werden können. Potenzielle Werber - und Wahlkämpfer - können so beispielsweise das Durchschnittseinkommen oder das Durchschnittsalter in bestimmten Wohngegenden erfahren - und ihre Kampagnen entsprechend anpassen. Arme Rentner interessieren sich schließlich tendenziell für andere Themen als junge Gutverdiener.

Die Parteien sind in der Vergangenheit sehr unterschiedlich mit dieser Möglichkeit umgegangen. Auch diesmal gibt es Differenzen. Die Linkspartei etwa verzichtet völlig auf die Nutzung solcher gemieteten Daten. "Das würden unsere Wähler nicht akzeptieren", erklärt Wahlkämpfer Seibert. Allerdings seien solche Datensätze für seine Partei auch nicht wirklich notwendig. "Unsere Bereichsleiterin in Friedrichshain-Kreuzberg macht ihren Job seit 25 Jahren. Sie weiß auch so, wo die Studenten und wo die Rentner wohnen", so Seibert. In Ostdeutschland und in den großen Städten im Westen verfüge die Partei über ein umfassendes "Organisationsgedächtnis". Auch die Grünen kaufen oder mieten keine Datensätze. Sie orientieren sich stattdessen an älteren Wahlkreisergebnissen. Die SPD ließ eine Anfrage von tagesschau.de unbeantwortet.

Was ist Big Data?

Unter "Big Data" versteht man große Mengen von unstrukturierten oder kaum strukturierten Daten, die von Unternehmen gesammelt und ausgewertet werden können. Diese systematische Auswertung dieser Daten bezeichnet man als "Analytics".

CDU ante portas

Bei der CDU setzt man hingegen darauf, die vorhandenen Daten noch zu verfeinern. In diesem Wahlkampf will die Partei ihre Wähler vor allem durch eine direkte Ansprache an die Urnen bringen - auch das ist eine Taktik, mit der bereits Obama erfolgreich war. Deshalb sollen Freiwillige in ganz Deutschland an die Haustüren von potenziellen Wählern klopfen. Im Saarland probierte die Partei diese Strategie bereits aus und klingelte an 75.000 Türen. Das entspricht fast 20 Prozent aller Haushalte in Deutschlands kleinstem Flächenland. Auch in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen liefen die Wahlkämpfer erfolgreich die Haustüren ab.

Für dieses Vorgehen sind Datengrundlagen wichtig. Schließlich wollen die CDU-Wahlkämpfer vor allem an den richtigen Türen klopfen. Eine direkte Ansprache motiviere Wähler, auch tatsächlich ihre Stimme abzugeben, glaubt man in der Partei-Zentrale. Klopft man allerdings beim politischen Gegner, erinnere man auch den daran, zur Wahl zu gehen. Deshalb kombiniert die Partei derzeit eine Potenzialanalyse auf Grundlage öffentlich zugänglicher Daten mit dem Wissen der CDU-Funktionäre vor Ort. Dass man später noch auf weitere Datensätze zugreift - etwa sozioökonomische Auswertungen der Post-Tocherfirma - will das Wahlkampfteam im Konrad-Adenauer-Haus nicht ausschließen.

"Es entscheidet die Botschaft"

Um die Ergebnisse der Hausbesuche zu dokumentieren, hat die CDU eine eigene App entwickeln lassen. Dort können die Wahlkämpfer nach jedem Hausbesuch festhalten, ob ein Mann oder eine Frau geöffnet hat, wie alt er oder sie in etwa war - und wie der Wähler in spe zur CDU steht. Exakte Adressen speichert die App nicht ab, doch sammelt die Partei auch für die Zukunft wertvolle Informationen für ihre eigene Datenbank - und kann somit künftig ihre Wähler genauer ansprechen, als wenn sie sich auf öffentlich zugängliche Daten verlassen hätte.

Mit dem Einsatz von Big Data, wie er etwa in den USA durchaus praktiziert wird, hat das allerdings alles sehr wenig zu tun. So rechnet der Wahlkampfstratege Julius van der Laar vor, dass etwa die Kampagne des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Ted Cruz im Vorwahlkampf im vergangenen Jahr über rund 60.000 einzelne Daten pro Wähler verfügte - zusammengesetzt aus Kundendaten, Social Media und öffentlich einsehbaren Informationen. In Deutschland wäre das nicht möglich. Außerdem bremsen die hierzulande deutlich geringeren Wahlkampfbudgets die Entwicklung aus. Denn auch wenn Wahlkämpfer ihre Zielgruppe mikroskopisch genau definieren könnten, müssten sie für jeden potenziellen Wähler noch eigens zugeschnittenes Informationsmaterial erstellen. In den USA ist das angesichts von Milliardenbudgets im Wahlkampf möglich, den deutschen Parteien fehlt hingegen schlicht das Geld dafür.

Van der Laar, Veteran der Obama-Wahlkämpfe von 2008 und 2012, glaubt zudem nicht, dass sich allein mit Daten eine Wahl gewinnen lässt. Auch Cruz musste sich schließlich Trump geschlagen geben. "Zu 95 Prozent entscheidet immer noch die Botschaft", sagt er.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. August 2017 um 09:15 Uhr.

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