Sexismus-Vorwürfe gegen Brüderle sorgen für Diskussion

Brüderle (Bildquelle: dpa)

"Stern" berichtet über angebliche Zudringlichkeiten

Debatte über Sexismus-Vorwürfe gegen Brüderle

Der frisch nominierte Spitzenkandidat der FDP, Rainer Brüderle, sieht sich mit Sexismus-Vorwürfen konfrontiert. Das Hamburger Magazin "Stern" berichtet in seiner aktuellen Ausgabe über angebliche anzügliche Äußerungen und zudringliches Verhalten des Fraktionschefs gegenüber einer jungen Journalistin im Januar 2012.

Mehrere FDP-Politiker kritisierten die Veröffentlichung. Diese komme zu dem Zeitpunkt, wo Brüderle als Spitzenkandidat zur Bundestagswahl "eine neue herausragende Position" eingenommen habe, sagte der Bundestagsabgeordnete Rainer Stinner. Das sei "durchsichtig und primitiv". Thüringens FDP-Generalsekretär Patrick Kurth ließ im Kurznachrichtendienst Twitter leicht ironisch verlauten, er werde künftig nur noch mit "alten grauen Redakteuren" sprechen.

"Tabubruch" oder "rege Phantasie"?

In die gleiche Richtung ging eine Meldung des stellvertretenden Landesvorsitzenden der Jungen Liberalen in Rheinland-Pfalz, Tobias Huch. Er schrieb, die Autorin habe "halt 'ne rege Phantasie. Da ist der Wunsch der Vater des Gedankens". Der hessische Justizminister Jörg-Uwe Hahn sprach laut "Spiegel Online" von einem "Tabubruch".

Außenminister Guido Westerwelle (Bildquelle: dpa)
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Nennt die Berichterstattung über Brüderle "zutiefst unfair": Außenminister Westerwelle

Auch Außenminister Guido Westerwelle nahm Brüderle in Schutz. "Diese Art der Berichterstattung ein Jahr nach einem angeblichen Vorfall ist zutiefst unfair", sagte Westerwelle der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Zudem sei es "unmöglich", Brüderles Ehefrau Angelika in die Berichterstattung hineinzuziehen. FDP-Präsidiumsmitglied Elke Hoff sprach von einem "rücksichtslosen Schlag unter die Gürtellinie".

"Sie können ein Dirndl auch ausfüllen"

In dem Beitrag mit dem Titel "Der Herrenwitz" berichtet die heute 29-jährige Journalistin Laura Himmelreich von einer Begegnung mit Brüderle an einem Abend des Dreikönigstreffens 2012, bei dem der FDP-Politiker anzügliche Bemerkungen gemacht habe. So habe er ihr auf die Brüste geschaut und gesagt: "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen." Nach Mitternacht habe sich Brüderle von anderen Gästen der Hotelbar verabschiedet und "mit seinem Gesicht sehr nah auf mein Gesicht" zugesteuert. Brüderles Sprecherin habe ihn schließlich aus der Bar geführt und sich bei ihr entschuldigt.

Edathy: "Merkwürdiges Berufsverständnis"

Auch der SPD-Politiker Sebastian Edathy kritisierte den Bericht. "Es zeugt für mich von einem merkwürdigen Berufsverständnis, als Journalistin um Mitternacht an einer Hotelbar ein offizielles Gespräch mit einem Politiker führen zu wollen", sagte er der Berliner "tageszeitung". Dass das ein nicht-öffentliches Gespräch gewesen sei, liege auf der Hand. "Wenn die betroffene Journalistin das Geschehen als übergriffig empfunden hat, hätte sie das schon vor einem Jahr öffentlich machen können", erklärte Edathy.

Osterkorn: "Wiederkehrendes Verhalten"

"Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn verteidigte die Schilderung seiner Mitarbeiterin. "Der erste Eindruck, den Laura Himmelreich vor einem Jahr von Brüderles Umgang mit Frauen gewonnen hatte, bestätigte sich im Laufe der Zeit bei weiteren Beobachtungen und Begegnungen", erklärte er auf "stern.de". Er halte die Berichterstattung für legitim. "Denn es scheint ein wiederkehrendes Verhalten von Brüderle zu sein." Himmelreich selbst schrieb per Twitter über den Zeitpunkt der Veröffentlichung: "Warum kommt erst jetzt die Geschichte? Weil es relevant ist, wenn das 'neue Gesicht' der FDP veraltete Klischees lebt."

Koch-Mehrin: "Das Thema ist größer als die FDP"

Silvana Koch-Mehrin (Bildquelle: AP)
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"Das Thema ist größer als die FDP", sagt Silvana Koch-Mehrin.

Die FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin nahm den "Stern" in Schutz: "Ich finde es gut, dass Frau Himmelreich den Mut hat, das Thema Anzüglichkeiten so offen zu benennen", sagte Koch-Mehrin der Nachrichtenagentur Reuters. Angesichts der Relevanz des Themas sei es aber wichtig, es "aus der Nische FDP-Kritik" herauszubringen. "Das Thema ist größer als die FDP und geht über diese hinaus." Viele Journalistinnen, Praktikantinnen und auch die eine oder andere Politikerin hätten sicher ähnliche Erfahrungen gemacht.

"Besonders schmerzlich für Altherrenrunden"

Auch die Vorsitzende des Journalistinnenbundes, Andrea Ernst, hält den Bericht für einen wichtigen Anstoß dazu, "dass das Verhältnis zwischen traditionsreichen Parteien und Presse verändert wird", sagte sie. Allzu große Nähe, Anzüglichkeiten und Übergriffe würden nun öffentlich. "Für die Altherrenrunden der politischen Macht ist das besonders schmerzlich. Sie müssen ab nun professionelle Distanz lernen", betonte Ernst und ergänzte: "Der Qualität der politischen Berichterstattung wird das auf jeden Fall gut tun."

Unterstützung kam auch von anderen Journalistinnen. "Bei allen politisch-gesellschaftlichen Debatten, die in Deutschland über Frauen geführt wurden - ob Gleichberechtigung, Abtreibung, Herdprämie, Frauenquote - eine fehlte bisher: die große Debatte um alltäglichen Sexismus", bemerkte Patricia Dreyer bei "Spiegel Online". In der Stuttgarter Zeitung kritisierte Katja Bauer: "Die wenigsten reden jetzt darüber, ob ein Politiker sich eigentlich so verhalten darf, wie es Rainer Brüderle vorgeworfen wird. Sexismus ist immer noch derart salonfähig, dass die Frau, die ihn öffentlich macht, im Zentrum der Kritik steht."

Sexismus-Vorwürfe auch gegen Piraten

Vor knapp zwei Wochen hatte die "Spiegel-Online"-Redakteurin Annett Meiritz eine Debatte über Sexismus in der Politik ausgelöst, als sie für den Print-"Spiegel" ihre Erfahrungen mit der Piratenpartei aufschrieb. Die baden-württembergische Piraten-Poltikerin Julia Probst sieht in den Reaktionen auf die Vorwürfe gegen Brüderle eine Verharmlosung des mutmaßlichen Vorfalls: "Warum wird der #Sexismus bei #Brüderle relativiert, der bei den #Piraten aber als viel schlimmer angesehen? #Sexismus ist überall!", twitterte sie.

Grüne fordern Erklärung von Brüderle

Brüderle selbst hat sich noch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Genau das fordern aber die Grünen: "Brüderle muss sich zu den Vorwürfen erklären", sagte Grünen-Fraktionsvize Kerstin Andreae zu "Handelsblatt Online". "Es ist völlig egal, ob diese jetzt oder zu einem anderen Zeitpunkt veröffentlicht wurden". Die Vorwürfe stünden im Raum und sollten schnell aufgeklärt oder ausgeräumt werden.

Kommentar: Sexismus-Vorwürfe gegen Brüderle sind gerechtfertigt
V. Herb, DLF
24.01.2013 19:26 Uhr

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Stand: 25.01.2013 04:21 Uhr

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