Polizeiwagen vor Weihnachtsmarkt in München | Bildquelle: AFP

Anschlag auf Weihnachtsmarkt Die Suche nach Antworten

Stand: 20.12.2016 15:37 Uhr

Zwölf Tote, Dutzende Verletzte - ist der Täter aber womöglich noch auf der Flucht? Während Ermittler Zweifel an der Täterschaft des Festgenommenen äußern, verstärkte die Berliner Polizei ihre Präsenz auf den Straßen der Hauptstadt.

Nach dem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin mit zwölf Toten gehen Ermittler von einem terroristischen Hintergrund aus. Generalbundesanwalt Peter Frank sagte, dafür spreche die Vorgehensweise des Täters, die an den Anschlag in Nizza erinnere. Auch das symbolträchtige Ziel Weihnachtsmarkt zählte er zu den Indizien. Frank betonte aber auch, dass es derzeit noch kein Bekennervideo gebe, weswegen es verfrüht wäre, von einer islamistischen Tat zu sprechen.

Gegen einen islamistischen Hintergrund spreche zudem, dass der Täter, der offensichtlich in Besitz einer Waffe war, nicht versucht habe, nach seiner Todesfahrt weiteren Schaden anzurichten, sondern versucht habe, unterzutauchen. Man müsse daher weiter in alle Richtungen ermitteln.

Der Generalbundesanwalt bestätigte auch, dass es Zweifel an der Täterschaft des noch am Montagabend festgenommenen Pakistaners gebe. Dieser hatte eine Tatbeteiligung von Beginn an abgestritten. Man müsse sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass er nicht der Täter sei oder zur Tätergruppe gehöre, sagte Frank. Denn Passanten und Polizei hätten den Mann, den Zeugen aus dem Tatfahrzeug hätten springen sehen, nicht lückenlos verfolgen können. Der Attentäter sei möglicherweise noch auf der Flucht, sagte Berlins Polizeipräsident Klaus Kandt. Die Polizei rief die Berliner erneut zur Wachsamkeit auf.

"Keine Burgen bauen"

Man wisse noch nicht abschließend, ob es sich um einen oder mehrere Täter handele, allerdings sei es "nicht zwingend notwendig", dass mehr als ein Mensch an dem Anschlag beteiligt war. Die Tat sei logistisch "nicht so anspruchsvoll" gewesen, so Kandt. Er betonte aber auch, dass die allgemeine Terrorgefahr heute bundesweit nicht größter sei als vor der Tat, sie habe sich nur manifestiert. "Ich bin der Überzeugung, dass wir weiterhin unser freies Leben leben sollten", fügte er hinzu. Man könne Weihnachtsmärkte nicht zu Burgen ausbauen.

Die Bundesanwaltschaft hat den Angaben zufolge wegen der besonderen Bedeutung des Falls bereits am Montagabend ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachtes auf mehrfachen und versuchten Mord eingeleitet.

Münch warnt vor weiteren Anschlägen

Unterdessen warnte der Chef des Bundeskriminalamts, Holger Münch, vor möglichen Folgeanschlägen. In zeitlicher Nähe zu einem solchen Anschlag sei mit "erheblichen weiteren Attentats-Risiko" zu rechnen, erklärt Münch.

Am Tatort gedachte Bundeskanzlerin Angela Merkel der Opfer des Anschlags. Gemeinsam mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller weiße Rosen nieder. Danach gingen die Politiker auf dem Areal des geschlossenen Marktes weiter und sprachen mit Polizisten. In der Kirche trug sich Merkel in ein ausliegendes Kondolenzbuch ein.

Zahlreiche Menschen lebensgefährlich verletzt

Auf den Straßen der Hauptstadt verstärkte die Polizei ihre Präsenz. "Wir haben vorsorglich die Zahl der Streifen in Berlin erhöht", teilte die Polizei auf Twitter mit. Die Beamten sind demnach "wie in allen Bundesländern" mit Schutzwesten und Maschinenpistolen ausgestattet. Bundesinnenminister Thomas de Maizière ordnete für heute bundesweite Trauerbeflaggung an. Wie sein Ministerium mitteilte, gilt die Weisung für sämtliche Behörden unter Bundesaufsicht. Dies geschehe "als Zeichen der Anteilnahme nach der Gewalttat auf einem Weihnachtsmarkt in Berlin am gestrigen Abend".

Am Montagabend war ein Lastwagen auf einen Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast. Dabei wurden mindestens zwölf Menschen getötet. 49 Menschen wurden verletzt, 30 davon schwer. Mittlerweile konnten 24 Verletzte das Krankenhaus wieder verlassen. "Das macht uns Hoffnung", schrieb die Berliner Polizei auf Twitter.

Die Fakten - die Fragen

Die Fakten
* Am Montagabend gegen 20 Uhr rast ein Sattelschlepper auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz in Berlin.
* Zwölf Menschen sterben, 49 werden teils lebensgefährlich verletzt. Die Bundesregierung spricht seit Dienstag von einem Terroranschlag, der Generalbundesanwalt hat die Ermittlungen übernommen. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" reklamiert die Tat für sich.
* Auf dem Beifahrersitz des Lkw wird ein Toter entdeckt. Es ist der ursprüngliche Fahrer aus Polen. Er wurde erschossen.
* Der Lkw gehört einer polnischen Spedition mit Sitz in Gryfino bei Stettin.
* Nach der Tat wird in der Nähe der Berliner Siegessäule ein Mann festgenommen. Da kein dringender Tatverdacht besteht, wird er wieder freigelassen.
* Am Mittwoch wird bekannt, dass die Polizei bundesweit nach einem Tunesier fahndet. Dessen Ausweispapiere sollen im Fußraum des Lkw gefunden worden sein. Der Mann hat laut ARD-Recherchen Verbindungen zu Salafisten in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.
Die Fragen
* Die Identität des Fahrers: Wer fuhr den Lkw und flüchtete dann vom Tatort?
* Die Anzahl der Täter: Waren mehrere Menschen an dem Attentat beteiligt?
* Wo wurde der Lkw gestohlen?
* Die Stunden vor der Tat: Wurde der Lkw, wie der Spediteur unter Verweis auf GPS-Daten sagt, am Nachmittag mehrmals gestartet?

Beifahrer erschossen

Der dunkle Lastwagen mit polnischem Kennzeichen fuhr laut Polizei gegen 20 Uhr auf einer Strecke von 50 bis 80 Metern über den Markt und zerstörte dabei mehrere Stände. Ein weiterer Mann, der auf dem Beifahrersitz saß, starb laut Polizei vor Ort. Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter sagte, er sei erschossen worden. Er berief sich auf Erkenntnisse der Ermittlungsbehörden. Bei dem Erschossenen handelt es sich demnach vermutlich um den polnischen Kraftfahrer, der den Lastwagen aber nicht gesteuert haben soll.

Nach der Tat wurde ein 23-jähriger Mann festgenommen, der als mutmaßlicher Täter bezeichnet wurde. Doch die Ermittler sind sich inzwischen nicht mehr sicher, ob es sich um den Fahrer des Lkw handelt.

Chronologie der Terroranschläge in Deutschland
tagesschau 09:00 Uhr, 20.12.2016, Frank Bräutigam, SWR

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Sattelschlepper in Polen gestohlen?

Der Lastwagen gehörte einer polnischen Spedition, wie deren Eigentümer Ariel Zurawski dem polnischen Sender TVN 24 sagte. Der eigentliche Fahrer war laut Speditionseigentümer seit etwa 16.00 Uhr nicht mehr zu erreichen gewesen. "Er ist mein Vetter, ich kenne ihn seit meiner Kindheit. Ich bürge für ihn", sagte Zurawski der Nachrichtenagentur AFP am Telefon. Der Lastwagen hatte Stahlkonstruktionen aus Italien nach Berlin transportiert. Wegen einer Verzögerung habe der Fahrer bis zum Dienstag warten müssen und den Lastwagen in Berlin geparkt, so Zurawski.

Der Lastwagen könnte polnischen Medien zufolge am Montagnachmittag in Berlin entführt worden sein. GPS-Daten hätten gezeigt, dass der Wagen ab etwa 16 Uhr mehrmals gestartet worden sei, berichtete der Sender TVN24 unter Berufung auf die betroffene polnische Spedition bei Gryfino in der Nähe von Stettin. Dabei könnte es sich um Versuche eines mutmaßlichen Entführers gehandelt haben, den Lkw zu steuern, vermuteten polnische Medien. Gegen 19.45 Uhr habe der Wagen seinen Standort in Berlin endgültig verlassen, hieß es.

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Dezember 2016 von 12:00-15:10 Uhr und 17:00 Uhr.

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