Polizei und Feuerwehr am Ort des Brandanschlags auf eine Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf | Bildquelle: AP

Brandanschläge auf Flüchtlingsheime Die Täter aus der Mitte

Stand: 29.11.2015 17:00 Uhr

Mehr als 700 Angriffe auf Flüchtlingsheime gab es bereits in diesem Jahr: Die Täter stammen oft aus der Mitte der Gesellschaft, waren nie zuvor straffällig. Recherchen von NDR, WDR und "SZ" zeigen, wie ein vielerorts rassistisches Klima in Gewalt umschlägt.

Von Britta von der Heide, Lena Kampf und Christian Baars

Am 28. August 2015 wurde Dennis L. festgenommen. Er war damals 30 Jahre alt, gelernter Tischler, hatte einen ordentlichen Job und war zuvor nie straffällig geworden. Nun gestand er, einen Molotow-Cocktail in ein Haus geschleudert zu haben, in dem Flüchtlinge leben. Wie konnte es dazu kommen?

Er versteht es offenbar selbst nicht. In einem Brief an eine Reporterin der Recherchekooperation von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" äußerte er sich zu der Tat. Auf die Frage, wie er zu dem Geschehenen stehe, antwortete Dennis L., er "verabscheue diese Tat zutiefst" und schäme sich. Er wolle sich bei den Betroffenen und allen Flüchtlingen entschuldigen. Er habe niemanden ums Leben bringen wollen. Ohne den Konsum von Alkohol wäre ihm die Tat nicht passiert.

Dennis L., der einen Molotow-Cocktail in ein Haus in Salzhemmendorf geschleudert hat.
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Dennis L. hat zugegeben, einen Molotow-Cocktail in eine Flüchtlingsunterkunft geschleudert zu haben.

In diesem Brief erklärt Dennis L., seine Tat "zu tiefst" zu verabscheuen.
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In diesem Brief erklärt Dennis L., seine Tat "zutiefst" zu verabscheuen.

Rassistische Sprüche und Molotow-Cocktails

Am Abend des 27. August hatte sich Dennis L. mit Sascha D. und Saskia B. getroffen. Die beiden Männer tranken reichlich Alkohol. Irgendwann seien sie auf das Thema Flüchtlinge zu sprechen gekommen, berichteten sie später. Rassistische Sprüche seien gefallen, sagte Saskia B. nach ihrer Festnahme aus. Und irgendwie seien sie dann auf die Idee gekommen, einen Molotow-Cocktail zu bauen und diesen in das Haus in dem wenige Kilometer entfernten Ort Salzhemmendorf in Niedersachsen zu werfen. Alle drei sitzen jetzt in Untersuchungshaft wegen des Verdachts des versuchten Mordes.

In Salzhemmendorf zeigte sich der Bürgermeister, Clemens Pommerening, nach der Tat vollkommen überrascht. Es habe nichts auf diesen Anschlag hingedeutet. Im Gegenteil: In dem kleinen, idyllischen Ort im Weserbergland engagierten sich viele Einwohner für Flüchtlinge. Im Sommer demonstrierten Schüler gegen eine geplante Abschiebung von zwei Mitschülern. Von verbreitetem Fremdenhass oder einer organisierten rechten Szene keine Spur.

Bürgermeister von Salzhemmendorf, Clemens Pommerening | Foto: ARD
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Es habe nichts auf den Anschlag hingewiesen, so der Bürgermeister von Salzhemmendorf, Pommerening.

Rechte Parolen gehörten zum Alltag

Allerdings gehörten bei Sascha D., Dennis L. und Saskia B. rechte Sprüche offenbar zum Alltag. Das zeigen Auswertungen von Handy-Chats der drei mutmaßlichen Täter und weiterer Beteiligter. Dennis L. schrieb demnach in einer WhatsApp-Gruppe Sätze wie "Ich bin der neue Adolf! ...nix Zyklon B.!!! Erhängt wird das Pack!!!". Dazu drei Hakenkreuz-Symbole.

Andere antworteten: "Hängt dem Adolf Hitler den Nobelpreis um!!!" und "Sieg Heil Sieg heil". Außerdem schrieb ein Freund: "Die Grundschule wird ein Asylheim...", eine Freundin antwortete: "Hoffentlich wird die bald abgefackelt!"

Mutter und Bruder von Dennis L. sagen jetzt, sie könnten nicht verstehen, warum Dennis dies getan habe, er sei nicht fremdenfeindlich. Auch der Ortsbrandmeister der Freiwilligen Feuerwehr von Salzhemmendorf, in der Sascha D. aktiv war, sagt, er habe von den rechten Umtrieben nichts mitbekommen. Er hätte so etwas nicht geduldet.

Auch Sascha D. sitzt wegen des Verdachts des versuchten Mordes in Untersuchungshaft. | Foto: ARD
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Auch Sascha D. sitzt wegen des Verdachts des versuchten Mordes in Untersuchungshaft.

Saskia B. soll die Tat gemeinsam mitgeplant haben. | Foto: ARD
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Saskia B. soll die Tat mitgeplant haben.

Zuvor nie straffällig geworden

Der Fall verdeutlicht das Problem, von dem Ermittler seit Monaten sprechen, wenn es um die zahlreichen Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte geht: Die Täter stammen oft aus der Mitte der Bevölkerung, sind nie zuvor straffällig geworden. Damit ist auch oft der Kreis der möglichen Tatverdächtigen extrem groß. Das zeigen auch die Lagebilder, die das Bundeskriminalamt (BKA) regelmäßig zu den Anschlägen auf Flüchtlinge in Deutschland erstellt. Darin wird nicht nur das Ausmaß deutlich, sondern auch, dass viele Menschen rassistische Straftaten begehen, die den Ermittlungsbehörden nie zuvor als Rechtsextreme aufgefallen sind.

Nach Einschätzung vieler Ermittler gibt es mittlerweile ein fremdenfeindliches, rassistisches Klima, geschürt durch einige Gruppen und Internet-Beiträge, das den Bodensatz für derartige Anschläge bereitet. Mehr als 700 Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte hat es laut BKA in diesem Jahr bereits gegeben, davon etliche Brandanschläge. 177 Angriffe waren es im vorigen Jahr.

Viele der Anschläge konnten bislang nicht aufgeklärt werden. Doch wenn Tatverdächtige ermittelt werden konnten, stammten sie meist nicht aus der organisierten rechtsextremen Szene. Lediglich ein Drittel von ihnen ordneten die Staatsschützer dieser zu.

Angst vor Flüchtlingen als Grund für Gewalt

In Altena in Nordrhein-Westfalen gestand beispielsweise ein Feuerwehrmann, Anfang Oktober dieses Jahres einen Brand zusammen mit einem Bekannten gelegt zu haben. Angst vor den Flüchtlingen habe er gehabt, sagte Dirk D. bei der Polizei aus, und dass seine Freundin nicht mehr bei ihm geschlafen hätte, wenn im Nachbarhaus welche wohnen würden.

Die Flüchtlingskrise sei bei seinem Mandanten medial nur noch als Bedrohung angekommen, sagt sein Verteidiger Andreas Trode. D. habe kein Ventil gehabt für den inneren Druck, den er empfunden habe. "Es war eine Art Kurzschlussreaktion im weitesten Sinne, die ihm heute sehr leid tut." Er hatte den Dachstuhl eines Hauses in Brand gesteckt. Kurz zuvor waren hier zwei syrische Familien eingezogen. Sie bemerkten das Feuer und konnten sich in Sicherheit bringen.

Während sich in Altena und Salzhemmendorf die meisten anschließend vollkommen überrascht zeigten, war der Anschlag in Groß Lüsewitz in Mecklenburg-Vorpommern im Oktober vergangenen Jahres durchaus vorhersehbar. Im Herbst 2013 hatte der Bürgermeister angekündigt, dass in einem Haus, das jahrelang leer stand, demnächst Flüchtlinge einziehen sollten.

Kurz darauf wurde die Fassade beschmiert: ein Hakenkreuz und der Schriftzug "Dieser Bock wird brennen". Gemeint war "Block", doch der Täter hatte das "l" vergessen. 2014 wurde das Haus renoviert, 40 Menschen aus Tschetschenien, Eritrea und dem Kosovo zogen ein. Nur kurz darauf flogen zwei Molotow-Cocktails.

Flüchtlingsunterkunft Groß-Lüsewitz bei Rostock in Mecklenburg-Vorpommern | Bildquelle: dpa
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Auch auf das Flüchtlingsheim in Groß Lüsewitz bei Rostock wurden Molotow-Cocktails geworfen.

Lange Zeit erfolglose Ermittlungen in Groß Lüsewitz

Doch trotz der Drohung im Vorfeld verliefen die Ermittlungen der Polizei lange erfolglos. Dabei ahnten offenbar viele in dem Ort, wer hinter der Tat steckte. Doch niemand sagte etwas. Erst im Februar 2015, vier Monate nach dem Anschlag, verriet ein Bewohner einem befreundeten Polizisten den Namen: Thomas H.

Die Ermittler schauten sich daraufhin das Facebook-Profil von Thomas H. an. Darin fanden sich Videos von Neonazi-Bands. Ihm gefielen die Gruppe "Gegen Asylmissbrauch" und die NPD. In einem Eintrag diskutierte er mit Freunden über das Flüchtlingsheim in Groß Lüsewitz: "Also man sagt ja die größte Scheiße schwimmt in Gülle immer oben, aber in diesem Fall wohnt sie oben."

Im August dieses Jahres wurde Thomas H. festgenommen, wenige Tage später auch der mutmaßliche Mittäter Florian H. aus dem Nachbarort Broderstorf. Florian H. ist 30 Jahre alt, Abrisshelfer, wie Thomas H. hat er ein kleines Kind. Während Florian H. die Tat bislang bestreitet, hat sie Thomas H. gegenüber dem Ermittlungsrichter als eine "Protestaktion" bezeichnet. Man habe die Öffentlichkeit darauf hinweisen wollen, dass sie es nicht richtig fänden "in Ausländerfragen Entscheidungen über die Köpfe der Bürger hinweg zu treffen".

Salzhemmendorf, Altena, Groß Lüsewitz - in allen drei Fällen wird deutlich, wie rechtsradikales Gedankengut und Fremdenfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft blühen konnte und viel zu lange unbeachtet blieb. Nach bisherigem Ermittlungsstand war keiner der Tatverdächtigen in einer organisierten rechten Szene aktiv. Doch rechte Gedanken und ausländerfeindliche Äußerungen gehörten bei ihnen offenbar zum Alltag. Und entweder bemerkte niemand etwas oder keiner sagte etwas.

Die Täter von Salzhemmendorf
tagesthemen 22:45 Uhr, 29.11.2015, Britta von der Heide/Marco Heuer, NDR

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Die Sendung "hart aber fair" befasst sich am Montag um 21.00 Uhr im Ersten unter dem Titel "Vom Wutbürger zum Brandstifter - woher kommt der rechte Hass?" auch mit diesem Thema.

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