Interview

10 Jahre Bologna | Bildquelle: dpa

Zehn Jahre Bachelor und Master - DIHK zieht Bilanz "Die Hochschulen vergessen ihr Kerngeschäft"

Stand: 14.08.2012 15:41 Uhr

Groß waren die Erwartungen an die Studienreform 2002. Aber die Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse hat die Unternehmen nicht zufriedener gemacht. Im Interview mit tagesschau.de erklärt Kevin Heidenreich vom DIHK, was sich an deutschen Hochschulen ändern müsste.

tagesschau.de: Zehn Jahre Bachelor und Master - haben sich Ihrer Meinung nach der Aufwand und die Anstrengung der Umstellung gelohnt?

Kevin Heidenreich: Grundsätzlich sind wir mit der Einführung des Bologna-Prozesses sehr zufrieden. Es war eine gute Entscheidung, international vergleichbare Abschlüsse einzuführen und die Beschäftigungsfähigkeit sowie die Mobilität der Studierenden zu erhöhen. Auch die Zweistufigkeit macht Sinn: Wer will, kann direkt nach dem Bachelor anfangen zu arbeiten und Berufserfahrung sammeln und später vielleicht noch seinen Master machen. Es gibt aber auch die Möglichkeit, direkt weiter zu studieren. Die Unternehmen brauchen sowohl Bachelor- als auch Masterabsolventen.

alt Kevin Heidenreich | Bildquelle: privat

Zur Person

Seit 2009 leitet Kevin Heidenreich das Referat Hochschulpolitik beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag DIHK. Die Dachorganisation vertritt die 80 deutschen IHK und damit die Interessen der gewerblichen Wirtschaft. Ausgenommen sind Handwerksbetriebe, Freie Berufe und landwirtschaftliche Betriebe.

"Die großen Probleme haben mit Bologna nichts zu tun"

tagesschau.de: Dennoch reißt die Kritik am Bologna-Prozess ja nicht ab…

Heidenreich: Die großen Probleme vieler Hochschulen - schlechte Ausstattung, mangelhafte Lehre - haben mit dem eigentlichen Bologna-Prozess nichts zu tun. Solche Probleme gab es auch schon vor Bologna. Und wenn sich die Studierenden über zu viele Prüfungen beklagen: Dies liegt einzig und allein in der Verantwortung der Hochschulen. Die Erklärung von Bologna schreibt nicht vor, wie groß Module sein müssen. Also müssten die Hochschulen anpacken und die Lehre entrümpeln.

tagesschau.de: Die Unternehmen sind mit den Absolventen der Diplom- und Magisterstudiengänge ähnlich zufrieden wie jetzt mit denen nach Bachelor und Master. Das jedenfalls sagt eine Ihrer Umfragen. Warum ließ sich durch den Bologna-Prozess keine größere Zufriedenheit erzielen?

Studierende in einem Hörsaal der Universität Leipzig | Bildquelle: dpa
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Nach dem Studium können viele ihr Wissen nicht anwenden.

Heidenreich: Die Umsetzung des Prozesses bleibt problematisch. So hat sich die Qualität der Lehre und der Absolventen nicht oder nur kaum verbessert. Die Professoren und die Studieninhalte sind vielerorts gleich geblieben. Da hat man sich eine Riesenchance entgehen lassen. Die Unternehmen beklagen vor allem mangelnde Praxistauglichkeit. Viele Absolventen sind fachlich sehr gut vorbereitet und verfügen über das nötige theoretische Hintergrundwissen. Aber oft genug können sie dieses Wissen nicht anwenden. Die Studiengänge orientieren sich zu wenig an den Erfordernissen des späteren Berufslebens. Deshalb fordern wir, die Studiengänge durch Planspiele und Praktika unternehmensnah auszurichten.

Lüneburg: Beispiel für unternehmensnahes Studieren

tagesschau.de: Ist die Hochschule dafür der richtige Ort?

Heidenreich: Absolut. Wissenschaftliches, analytisches Denken und Berufsbefähigung schließen sich nicht aus. Die Unternehmen erwarten keine perfekte Ausbildung, aber sie erwarten einen deutlichen Berufsbezug. Schließlich bleiben die wenigsten Absolventen an der Hochschule. Manche Hochschule nimmt darauf bereits Rücksicht.

An der Leuphana Universität in Lüneburg zum Beispiel lernen alle Bachelor-Studierende im ersten Semester wissenschaftliche Methoden kennen und arbeiten dazu in Projekten. Erst ab dem zweiten Semester werden Fachinhalte gelehrt. Dadurch werden die Studierenden auf wissenschaftliches Arbeiten vorbereitet und können sich orientieren, bevor es dann in die eigentlichen Inhalte von Jura, BWL oder Ingenieurwesen geht.

10 Jahre Bologna: Kritik an der Hochschulreform
ARD-Morgenmagazin, 15.08.2012, Axel John, ARD Berlin

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tagesschau.de: Welche Rolle spielt das Alter der Absolventen?

Heidenreich: Es war richtig, die Ausbildung in Deutschland zu verkürzen. So lag die Regelstudienzeit bei neun bis zehn Semestern, die durchschnittliche Studienzeit sogar bei zwölf Semestern. Da stellte sich schon die Frage, ob man diese Zeit effizienter nutzen kann. Das war vor allem ein Wunsch der Politik und nicht der Unternehmen. Das Alter der Absolventen spielte bei dieser Überlegung eine eher untergeordnete Rolle. Ob jemand 23 oder 25 Jahre alt ist, macht keinen Unterschied, wenn er oder sie gut ist.

Klar ist aber: Im Durchschnitt hat ein Bachelor-Absolvent weniger gelernt als einer, der einen Master hat. Da sind die Unternehmen mehr gefordert. Die steigende Zahl von Trainee-Programmen in Unternehmen spricht schon eine deutliche Sprache. Die Unternehmen reagieren aber damit auch auf den wachsenden Fachkräftemangel oder auf höhere Anforderungen, was zum Beispiel soziale Kompetenzen angeht.

Der Bologna-Prozess

Die Einführung der Bachelor- und Master-Studiengänge geht auf die im Jahr 1999 unterzeichnete Bologna-Erklärung zurück. Darin verständigten sich europäische Staaten, einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Dafür soll es vergleichbare Abschlüsse und eine höhere Mobilität der Studenten geben.

In Deutschland wurde die Hochschulreform mit Einführung der Bachelor- und Masterabschlüsse im August 2002 durch eine Änderung des Hochschulrahmengesetzes auf den Weg gebracht. Der Bachelor soll in der Regel nach drei Jahren abgeschlossen werden. Darauf baut der ein- bis zweijährige Master-Studiengang auf. Im vergangenen Wintersemester waren laut Bundesbildungsministerium 85 Prozent der mehr als 15.000 Studiengänge umgestellt.

tagesschau.de: Der Bologna-Prozess hatte unter anderem zum Ziel, eine größere internationale Vergleichbarkeit zu erreichen und Auslandsaufenthalte möglich zu machen. Wurde diese Erwartung erfüllt?

Ein Mann hält seinen Reisepass in automatische Passkontrolle am Flughafen. | Bildquelle: dpa
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Ein Auslandssemester passt oft nicht in den Studienplan.

Heidenreich: Innerhalb des Bachelors ist es schwieriger geworden, ins Ausland zu gehen. Oft fällt das geplante Auslandssemester in die Zeit kurz vorm Abschluss. Wir sind aber davon überzeugt, dass die Mobilität langfristig zunehmen wird, weil der Master eben auch im Ausland gemacht werden kann. An vielen Hochschulen steuert man auch nach, um Auslandsaufenthalte möglich zu machen, indem man versucht, die Studiengänge zu entrümpeln und zu entzerren. Auf der anderen Seite hat etwas mehr Ordnung gerade auch den Geisteswissenschaften gut getan.

Was müssen die Absolventen später können?

tagesschau.de: Was würden Sie nachbessern wollen?

Heidenreich: Bisher wurden die Studiengänge aus Sicht der Lehrenden konzipiert. Diese Konzepte orientierten sich an den Professoren, ihren Inhalten und Vorlesungen. Das kann es nicht sein. Ein Studium zu konzipieren bedeutet, die Sache vom Ende her zu durchdenken: Was müssen die Absolventen später können? In wissenschaftlichen Karrieren? In beruflichen Karrieren? Die Hochschulen vergessen ihr Kerngeschäft: die Ausbildung junger Menschen.

Wünschenswert wäre außerdem ein Mix aus klassischen Vorlesungen und neuen praktischen und motivierenden Lehrformen. Die Uni Maastricht verfolgt konsequent das Konzept des "problem-based-learning". Die Studierenden lernen, indem sie konkreten Fällen und Problemen ausgesetzt werden. Das ist übrigens nicht teurer als die klassische Lehre, da sich die Studierenden viel selber und in Gruppen aneignen. Die Professoren nehmen mehr eine moderierende und unterstützende Rolle ein.

Das Interview führte Ute Welty, tagesschau.de

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