Kommentar

Äußerungen über Jerome Boateng Das Schlimme ist, was Gauland nicht gesagt hat

Stand: 30.05.2016 13:49 Uhr

Alexander Gauland legitimiert mit seinen Äußerungen über Jérôme Boateng Fremdenfeindlichkeit. Das Gute daran ist, dass er damit die Maske der AfD so weit herunterreißt, dass die Fratze darunter endlich auch für die sichtbar wird, die sie bisher nicht erkannt haben.

Ein Kommentar von Daniel Pokraka, ARD-Hauptstadtstudio

Die Solidaritätsbekundungen für Jérôme Boateng sind und waren richtig und nötig, aber oberflächlich. Denn bisher geht die Debatte über den perfiden Satz von Alexander Gauland am Kern des Problems vorbei. Das Entscheidende ist nämlich nicht, was Gauland gesagt hat, sondern: was er nicht gesagt hat. Es ist nämlich ganz sicher so, dass eine leider nicht besonders kleine Minderheit in Deutschland nur ungern dunkelhäutige Nachbarn hätte. Am besten überhaupt niemanden, der nicht weiß ist und nicht seit drei Generationen einen rein deutschen Stammbaum hat.

Sehnsucht nach der Zeit, als alle Nachbarn weiß waren

Der Hinweis darauf ist nicht das Entscheidende an Gaulands Äußerung. Das Schlimme ist, dass er diesen Befund nicht zum Problem erklärt und dass er die latente bis deutliche Fremdenfeindlichkeit in Teilen der deutschen Gesellschaft damit legitimiert. Und das aus gutem Grund. Die Wählerschaft der AfD kommt ja zu einem großen Teil aus genau diesem Spektrum: aus dem leider nicht kleinen Anteil der Deutschen, die sich zwar niemals selbst als fremdenfeindlich oder gar rechtsradikal bezeichnen würden, die aber Sehnsucht nach der vermeintlich guten, alten Zeit haben, als alle Nachbarn noch weiße Hautfarbe hatten, als deutsche Nationalspieler Rahn, Seeler oder Beckenbauer, aber nicht Boateng, Özil oder Mustafi hießen, und als dunkelhäutige Sportler höchstens olympisches Gold über 100 Meter gewannen.

Ein großer Teil der Gesellschaft schreit auf

Ja. Diesen Teil der Bevölkerung gibt es. Früher haben diese Leute die Union gewählt oder die SPD, wenn sie Arbeiter waren. Oder später, vor allem, wenn sie keine Arbeit hatten, die Linke. Inzwischen, und das ist das Problem, gilt es nicht mehr als gesellschaftlich unfein, eine rechtspopulistische Partei zu wählen. Eine Partei wie die AfD, die vorgibt, gesellschaftliche Befindlichkeiten im Gegensatz zu anderen offen anzusprechen und sie in Wahrheit nur benutzt, um Menschen herabzusetzen.

Das Gute an der Äußerung von Alexander Gauland ist, dass sie die Maske der AfD so weit herunterreißt, dass die Fratze darunter endlich auch für die sichtbar wird, die sie bisher nicht erkannt haben oder nicht erkennen wollten. Die Solidaritätsbekundungen für Jérôme Boateng zeigen, dass ein großer Teil der Gesellschaft aufschreit, wenn ein Idol mit dunkler Hautfarbe persönlich herabgesetzt wird. Der nächste Schritt muss sein, Solidarität auch all denen zu zeigen, die Deutschland nicht zum Fußball-Weltmeister gemacht haben.

Redaktioneller Hinweis

Kommentare geben grundsätzlich die Meinung des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 29. Mai 2016 um 23:00 Uhr.

Darstellung: