Anschlag Lunzenau Sachsen (Archivbild) | Bildquelle: dpa

BKA-Analyse zu fremdenfeindlicher Gewalt Jung, polizeibekannt und von nebenan

Stand: 21.10.2015 18:00 Uhr

Wer steckt hinter Anschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte? Laut BKA sind die Täter jung, leben in der Nachbarschaft, meist handeln sie in kleinen Gruppen. Ein Drittel gehört zur rechten Szene. Die Polizeibehörde befürchtet weitere schwere Gewalttaten.

Von Lena Kampf und Georg Mascolo

Das Bundeskriminalamt (BKA) warnt im Zusammenhang mit der aktuellen Flüchtlingsdebatte vor weiteren schweren Gewalttaten. Nach Informationen von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" befürchtet die Behörde, dass künftig auch Betreiber von Unterkünften und Politiker ins "Zielspektrum entsprechend fremdenfeindlich motivierter Täterkreise" geraten könnten. Das ergibt sich aus einer vertraulichen Lagebewertung, die wenige Tage vor dem Anschlag auf die inzwischen gewählte Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker entstand.

Angesichts der anhaltend hohen Zahlen von Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, sei davon auszugehen, dass die rechte Szene ihre "Agitation" gegen die Asylpolitik weiter verschärfe, schrieb das BKA. Das ansonsten "sehr heterogene rechtsextremistische Spektrum" finde hier einen "ideologischen Konsens."

Neben den bekannten Gewalttaten rechnet das BKA auch mit neuen Formen - etwa der Blockade von Bahnstrecken und Autobahnen, um die Ankunft weiterer Flüchtlinge in Deutschland zu verhindern. Auch Personen, die nur für Asylbewerber gehalten würden, könnten verstärkt Opfer werden.

Wer sind die Tatverdächtigen?

Laut der BKA-Analyse nehmen die Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte weiter stark zu. In den ersten drei Quartalen waren es demnach 461, bei denen die Behörde einen rechten Hintergrund annimmt. Damit hat sich die Zahl der Delikte gegenüber dem gesamten Vorjahr bereits jetzt mehr als verdoppelt.

Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte 2015
galerie

Die Karte gibt einen aktuellen Überblick über Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte.

Das BKA analysierte den Hintergrund der bisher ermittelten Tatverdächtigen: 228 sind namentlich bekannt, 14 von ihnen begingen gleich zwei oder sogar drei solcher Straftaten. 167 stammen quasi aus der Nachbarschaft, dem gleichen Ort, in dem die Tat begangen wurde. Weitere 38 lebten gerade einmal 20 Kilometer entfernt.

Die Täter seien zumeist zwischen 20 und 25 Jahren alt und stünden nur selten unter Alkoholeinfluss. 42 Prozent handelten allein, in 49 Prozent der Fälle sei es eine Gruppe von zwei bis fünf Tätern. Mehr als die Hälfte von ihnen ist polizeilich bekannt, ein Drittel der Tatverdächtigen fiel bereits dem Staatsschutz auf: Etwa wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen oder Volksverhetzung.

Razzia in Franken verhindert womöglich rechtsextremen Anschlag
tagesschau 17:00 Uhr, 22.10.2015, Michael Reiner, BR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Bezug zur rechtsextremen Szene

In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz konnte das BKA feststellen, dass sich 34,4 Prozent der Tatverdächtigen in eine rechtsextremistische Szene zuordnen lassen. Darunter zählen die Behörden rechte Subkulturen, Autonome Nationalisten und freie Kameradschaften. Bei 18,1 Prozent der Tatverdächtigen gibt es sogar Erkenntnisse über einen Bezug zu einer rechtsextremistischen Organisation, zum Beispiel durch eine Mitgliedschaft oder gar als Funktionär.

Hinweise auf eine bundesweite Steuerung ließen sich bisher aber nicht nachweisen. Auch fänden sich keine Belege, dass rechtsradikale Parteien die Straftaten anordnen oder lenken.

Zwillen, Schwerter, Holzknüppel oder Buttersäure

Die Mehrzahl der Angriffe auf Asylbewerberheime richtet sich nach der Statistik des BKA vor allem gegen bereits bewohnte oder im Bau befindliche Massenunterkünfte. Neben Brandstiftung griffen die Täter auch zu Waffen wie Zwillen mit Stahlkugeln, Schwertern, Hämmern und Holzknüppeln sowie Buttersäure.

Die meisten Angriffe verzeichnete das BKA im August. Nordrhein-Westfalen führt mit 121 Delikten die Statistik an, Sachsen folgt mit 57 Straftaten. Sogar bewachte Heime würden angegriffen. Mit Sorge vermerkt das BKA, dass es angesichts der weiter steigenden Flüchtlingszahlen in Deutschland noch sehr viel mehr solcher Einrichtungen - und damit "Tatgelegenheiten" geben werde.

Recherchekooperation

Die investigativen Ressorts von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" kooperieren unter Leitung von Georg Mascolo themen- und projektbezogen. Die Rechercheergebnisse, auch zu komplexen internationalen Themen, werden für Fernsehen, Hörfunk, Online und Print aufbereitet.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 21. Oktober 2015 um 20:00 Uhr.

Darstellung: