Flüchtlingskinder in der Schule | Bildquelle: dpa

Bildung von Flüchtlingskindern "Ein Jahr lang ohne Unterricht"

Stand: 08.10.2015 17:01 Uhr

Die schulischen Angebote für Flüchtlingskinder lassen zu wünschen zu übrig. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Mercator-Instituts, die erstmals einen bundesweiten Überblick gibt. Es fehlt an belastbaren Daten, Lehrern und Konzepten.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

In einem sind sich alle einig: Der wichtigste Schlüssel zur Integration ist die Sprache. Alle Flüchtlinge und Asylsuchende müssten deshalb von Anfang an Zugang zu Bildung bekommen, mahnt die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, in Berlin: "Bildung kann nicht warten."

Die Realität ist in vielen Bundesländern aber eine andere. Oft gehen Flüchtlingskinder erst dann zur Schule, wenn sie von einer Erstaufnahmeeinrichtung in eine Kommune oder einen Landkreis überwiesen werden. Und darauf müssen die Minderjährigen meist lange warten.

"Das Verfahren kann derzeit mehrere Monate, teilweise länger als ein Jahr dauern. Auch wenn in diesem Zeitraum ein Recht auf Schulbesuch besteht, sind die Kinder und Jugendlichen häufig faktisch vom Schulbesuch ausgeschlossen", kritisiert Mona Massumi, Lehrerin am Zentrum für LehrerInnenbildung. Sie ist Mitautorin einer Studie des Mercator-Instituts, die erstmals die schulische Situation von Asylsuchenden bundesweit untersucht hat. Allerdings ist die Studie fast schon wieder veraltet, denn sie legt Daten aus dem Jahr 2014 zugrunde.

Deutschland verstößt gegen UN-Kinderrechtskonvention

Die rechtlichen Regelungen in den einzelnen Bundesländern sind laut Studie sehr uneinheitlich. Eine gesetzliche Schulpflicht gilt nur in Berlin und im Saarland von Anfang an. In vielen anderen Ländern greift die Schulpflicht erst mit der Zuweisung zu einer Kommune oder einem Landkreis. Zwar räumen einige Länder wie Brandenburg, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz oder Sachsen auch schon in einer Erstaufnahmeeinrichtung ein Recht auf Schulbesuch ein. In der Praxis funktioniert das aber häufig nicht. Es mangelt an Unterrichtsräumen und Lehrkräften.

Die Autoren der Studie sehen hier großen Nachholbedarf. Sie fordern, dass zwischen Ankunft und Schulbesuch nicht mehr als drei Monate liegen dürfen. Für den Zeitraum davor sollten zudem außerschulische Lernangebote geschaffen werden. Denn: Deutschland verstoße hier gegen die UN-Kinderrechts- bzw. die Genfer Flüchtlingskonvention. Die Verträge, die Deutschland beide ratifiziert hat, sehen ein Recht jedes Kindes auf Bildung und Förderung vor. Unabhängig davon, ob es sich um ausländische Kinder handelt oder welchen Aufenthaltsstatus sie haben.

Simone Peter, Grüne, zu den Herausforderungen der Integration
ARD-Morgenmagazin, 09.10.2015

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300.000 schulpflichtige Flüchtlingskinder

An dieser Stelle setzt auch die Kritik der GEW an. Kitas, Schulen, Berufsschulen, Hochschulen und Weiterbildungseinrichtungen müssten besser ausgestattet werden. 300.000 zusätzliche schulpflichtige Flüchtlingskinder prognostiziert die Gewerkschaft in den nächsten zwölf Monaten. "Um diesen Kindern und Jugendlichen ein qualitativ gutes Schulangebot zu machen, sind gut 8000 Lehrkräfte je 100.000 Schüler zusätzlich notwendig", sagt die Vorsitzende Tepe. Insgesamt müssten bundesweit also 24.000 neue Lehrerstellen hinzukommen.

Flüchtlingskinder in der Schule | Bildquelle: dpa
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Insbesondere an weiterführenden Schulen braucht es Schulplätze.

Ähnlich sieht das der Deutsche Philologenverband. "Wenn wir jetzt 300.000 Flüchtlingskinder zählen, von denen 150.000 dauerhaft bleiben, brauchen wir sofort 20.000 neue Lehrer bundesweit und für die nächsten Jahre jeweils 10.000 zusätzlich", sagt der Vorsitzende des Verbands, Heinz-Peter Meidinger gegenüber Medien. Und das sei konservativ geschätzt. Die am Donnerstag und Freitag in Berlin tagende Kultusministerkonferenz fordert er deshalb dazu auf, "schnell die Weichen zu stellen", damit "Fehler der Vergangenheit mit einer schlechten Integration von Migranten nicht wiederholt werden".

Vor allem an Berufsschulen fehlen Kapazitäten

Die Studie des Mercator-Instituts sieht insbesondere bei den weiterführenden Schulen große Herausforderungen. Mehr als zwei Drittel der zugewanderten Flüchtlingskinder seien zwischen zehn und 18 Jahren alt, die 18-Jährigen stellen sogar 14 Prozent aus. Insbesondere an Berufsschulen seien deshalb zusätzliche Kapazitäten notwendig. Und gerade hier fehle es an passgenauen Sprachförderkonzepten beziehungsweise -materialien und Fortbildungen.

Ein großes Problem sehen die Autoren der Studie darin, dass viele Bundesländer Daten zur schulischen Situation von Flüchtlingskindern überhaupt nicht durchgängig erheben. Belastbare Erkenntnisse über die Situation an den Schulen wären jedoch die Voraussetzung für eine zielgerichtete Planung. Beispielsweise gibt es keine einheitliche Regelung und auch keinen Überblick darüber, wann Flüchtlingskinder aus Willkommens- oder Übergangsklassen in den regulären Unterricht integriert werden und wie ihre weitere Entwicklung verläuft.

Die Kritik der Studie ist schonungslos: Die Herausforderungen seien vorhersehbar gewesen - "wenn auch nicht in der Dimension der letzten drei Monate", meint der Wissenschaftler Michael Becker-Mrotzek. Die Frage, wie neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im Bildungssystem aufgenommen werden könnten, sei jahrelang vernachlässigt worden. Jetzt fehlten die nötigen Informationen, Konzepte seien in Vergessenheit geraten.

Bundesweite Mindeststandards gefordert

Dadurch wissen viele Länder schlichtweg nicht, welche Kapazitäten in den Schulen vorhanden sind und wie gut beispielsweise die Sprachförderung ist. Um die Qualität der Bildungsangebote überprüfen und gegebenenfalls anpassen zu können, fordern die Studienautoren deshalb eine bundesweit einheitliche Datenerfassung und Mindesstandards für den Unterricht von Flüchtlingskindern. Das könnte beispielsweise eine bestimmte Anzahl von Förderstunden sein oder eine Überprüfung der Qualifikation von Lehrern.

Ministerin Wanka will Bildungsangebote für Flüchtlinge fördern
tagesschau 12:00 Uhr, 30.09.2015, Moritz Rödle, ARD Berlin

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Weil auch das Bundesbildungsministerium Handlungsbedarf sieht, hat Ministerin Johanna Wanka in der vergangenen Woche ein Bündel an Maßnahmen vorgestellt, mit denen der Bund die Länder bei der Bildung von Flüchtlingen unterstützen will. 130 Millionen Euro umfasst das Paket. Finanziert wird damit beispielsweise die Entwicklung einer Sprachlern-App für Flüchtlinge. Außerdem sollen ehrenamtliche Vorlese- und Lernpaten qualifiziert werden, damit Kinder schon in den Erstaufnahmeeinrichtungen mit der deutschen Sprache in Berührung kommen. Und die Zahl der KAUSA-Servicestellen zur Beratung von Firmen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund soll verdoppelt werden. Angesichts der massiven Herausforderungen bei der schulischen Integration von Flüchtlingen dürften das allerdings nur Tropfen auf den heißen Stein sein.

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