AKW Biblis | Bildquelle: dpa

AKW-Rückbau in Biblis Demontage von innen nach außen

Stand: 31.08.2017 15:37 Uhr

In fünf Jahren soll in Deutschland der letzte AKW-Meiler abgeschaltet werden. Seit Juli dieses Jahres läuft der Abbau des AKW im hessischen Biblis - 15 Jahre soll dies dauern.

Von Jan-Peter Bartels, HR

Vor dem Abbau muss erst einmal aufgebaut werden. Hammerschläge klingen in diesen Tagen über das Gelände des Atomkraftwerks in Biblis, Männer in blauen Latzhosen mit weißen Bauarbeiterhelmen diskutieren. Zwischen den großen Strommasten steht verloren aber unübersehbar ein orangener Baukran. Eine Lagerhalle mit massiven Betonwänden wächst hier aus dem Boden. Wenigstens bewegt sich was, meint Kraftwerksleiter Horst Kemmeter: "Unsere Aufgabe ist es, die Blöcke hier sicher zurückzubauen, das wollen wir tun. Und wir sind froh, dass es jetzt losgeht. Darauf haben wir gewartet. Wir wollen am Tagesende die Früchte unserer Arbeit sehen."

Den eigenen Arbeitsplatz demontieren

Die Früchte ihrer Arbeit, das war einmal: Strom. Inzwischen ist ihre Aufgabe, den eigenen Arbeitsplatz zu demontieren. Und die Energie dafür kommt aus anderen Kraftwerken. Früher konnten sie mit Abwärme heizen, heute müssen sie Gas nutzen. "Klar weckt der Rückbau Emotionen. Bei mir selbst und natürlich auch bei den Mitarbeitern. Wir haben über Jahrzehnte hinweg das Kraftwerk sicher und auch zuverlässig betrieben. Aber nun steht die Entscheidung seit einigen Jahren fest - und wir haben uns damit arrangiert, denke ich."

Abbau von Biblis A | Bildquelle: dpa
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Ein Spezialcontainer wird von Block A des AKW in Biblis abgelassen. Derzeit arbeiten dort nur noch 300 Mitarbeiter - von einst 1000.

Nur noch wenige Hundert Mitarbeiter

Wer sich nicht arrangieren konnte, wechselte den Job oder den Standort: Die Zahl der Mitarbeiter sinkt, auch weil für den Rückbau weit weniger Personal gebraucht wird als für den Betrieb. Früher arbeiteten hier 1000 Menschen. Heute gibt es nur noch ca. 300 RWE-Mitarbeiter, ergänzt durch einige Mitarbeiter von Fremdfirmen, die auf Rückbau spezialisiert sind. "Dieser Situation muss man sich erstmal stellen. Aber diesen Zeiten trauern wir heute nicht mehr nach. Wir haben eine neue Aufgabe", sagt Kemmeter.

Rückbau des Atomkraftwerks in Biblis
nachtmagazin 00:20 Uhr, 31.08.2017, Jan-Peter Bartels, HR

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In diesem Jahr haben sie die Genehmigung für den Rückbau erhalten. Endlich geht es los - Jahre nach der Entscheidung, dass die beiden Blöcke in Biblis stillgelegt werden sollen. Die Atomkatastrophe von Fukushima 2011 bedeutete das Aus für die beiden Blöcke in Hessen, die Mitte der 70er-Jahre ans Netz gegangen waren.

Bald müssen 17 Meiler zurückgebaut werden


Neun deutsche Meiler wurden seit Fukushima abgeschaltet, acht weitere sollen in den kommenden Jahren folgen. Am 31. Dezember 2022 sind die letzten drei Atomkraftwerke an der Reihe: Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland. Dann ist es vorbei mit der Atomenergie in Deutschland, dann müssen 17 strahlende Erbschaften abgebaut werden.

Der Rückbau - ein komplizierter Prozess

Der "Rückbau kerntechnischer Anlagen" ist ein durchaus komplizierter Prozess. Nicht nur technisch: Jeder Schritt muss einzeln beantragt und genehmigt werden, auch deshalb dauert es in Biblis seine Zeit. Aktuell verpacken sie die abgebrannten Brennelemente in Castoren, 102 werden am Ende hier stehen. In die Lagerhalle, die neben den Reaktoren gebaut wird, soll der schwach- und mittelstark radioaktive Abfall aus dem Rückbau. Eine Zwischenlösung, noch gibt es kein Endlager in Deutschland.

Abbau von Biblis A | Bildquelle: dpa
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Abbau von Biblis A: Die Baustelle für das Zwischenlager für schwach bis mäßig radioaktives Material

Zerlegt, verpackt und eingelagert

Mindestens 15 Jahre soll der Abbau dauern, Biblis wird von innen nach außen demontiert. Radioaktiv belastete Teile des Kraftwerks werden dazu demontiert und falls nötig dekontaminiert. Was zu stark belastet ist, wird zerlegt, verpackt und eingelagert. Die mit 98 Prozent große Masse des Bauwerks aber wird den Plänen nach kaum strahlen, und könnte deshalb "freigemessen" werden. Das heißt: Solange das Material unterhalb des gesetzlichen Grenzwertes liegt, gilt es als ungefährlich, könnte also auf einer normalen Deponie landen.

Zweifel am Grenzwert

Umweltverbände sehen das kritisch, zweifeln am Grenzwert und fordern eine getrennte Lagerung - zur Sicherheit. "Verstehen Sie mich nicht falsch: Wir sind froh, dass Biblis abgebaut wird“, sagt Werner Neumann vom BUND: "Und es ist ja schwach radioaktives Material. Aber eben eine immense Menge. Und das sollte nicht in die Umgebung kommen. Dann weiß man nicht, wo es ist. Es kann in einer Deponie sein, in die Müllverbrennung kommen - oder Metall wird eingeschmolzen und dann taucht Radioaktivität in Alltagsgegenständen wieder auf. Das wollen wir nicht."

Die Probleme beim Rückbau

Welche Risiken bringt der Rückbau wirklich, wie kann man ihn noch sicherer machen? Vielleicht auch schneller und sauberer? Das Ende der Atomkraft in Deutschland hat neue Fragen gebracht und das Forschungsfeld von Sascha Gentes wichtiger gemacht. Er hält den Lehrstuhl für "Rückbau konventioneller und kerntechnischer Bauwerke" am Karlsruher Institut für Technologie und sieht beim Rückbau vor allem zwei Probleme: die Entsorgung der freigemessenen Betonabfälle und die ungeklärte Endlager-Frage. Dass Deutschland gezwungen sei, sich mit den Rückbau-Fragen zu beschäftigen, lasse sich auch positiv sehen: "Was den Rückbau angeht, ist Deutschland technisch weltweit in einer Vorreiter-Rolle. In keinem Land wird soviel geforscht und so intensiv an Rückbau-Methoden gearbeitet wie bei uns. Und da gibt es sicherlich ein Potenzial für deutsche Unternehmen, im Ausland aktiv zu werden und Geld zu verdienen."

Den eigenen Arbeitsplatz abbauen

In Biblis wird derweil weiter abgebaut. Werksleiter Horst Kemmeter kennt jeden Meter des Kraftwerkgeländes, er hat quasi sein ganzes Berufsleben in Biblis verbracht. Vor 35 Jahren hat er hier angefangen. Seinen eigenen Arbeitsplatz abzubauen, ein wenig schmerzt das schon: "Bei mir bleibt hängen, dass es eine spannende Zeit war: Als ich hier angefangen habe, war das Kraftwerk noch jung. Und jetzt habe ich quasi den gesamten Lebenszyklus des Kraftwerks von Bau über Betrieb bis zum Rückbau begleitet."

Das Ende des Rückbaus wird er nicht als Werksleiter erleben, in einigen Jahren geht er in Rente. Kritik oder Trauriges kommt nicht über seine Lippen. Er hat sein Leben der Kernkraft gewidmet, aber den Rückbau will er positiv sehen: "Das ist eine herausfordernde Aufgabe, dabei wenden wir ja auch Hochtechnologie an. Wir betreiben zwar kein Kraftwerk mehr und produzieren auch keinen Strom, aber die Aufgabe ist fast genauso spannend."

Über dieses Thema berichtete das nachtmagazin am 30. August 2017 um 00:50 Uhr.

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