Politik debattiert über Familienpolitik Was hindert die Deutschen am Kinderkriegen?

Stand: 17.12.2012 15:16 Uhr

Die Deutschen haben nicht so recht Lust auf Nachwuchs - das geht zumindest aus einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hervor, deren Ergebnisse heute bekannt wurden. Die Gründe für den Verzicht auf Kinder sind demnach vielschichtig, bei vielen junge Menschen spielt vor allem die problematische Vereinbarkeit von Beruf und Nachwuchs dabei eine große Rolle.

Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (Bildquelle: dapd)
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Ministerpräsidentin Lieberknecht will Barrieren für potenzielle Eltern abräumen.

Einige führende CDU-Politiker forderten deshalb, mehr für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu tun. Vor einer Präsidiumssitzung sagte die thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, es gebe gesellschaftlich noch viel zu tun. Viele junge Leute wünschten sich Kinder, würden dann aber in ihrer Ausbildung schon so stark gefordert, dass dieser Wunsch in den Hintergrund gerate. Es seien viele Barrieren im Weg. "Die müssen wir abräumen." Dazu gehöre es auch, Studienpläne wieder zu entfrachten. "Wir dürfen unsere jungen Leute nicht permanent überfordern, dass dann am Ende für Kinder wirklich keine Zeit mehr zu sein scheint."

Die rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Julia Klöckner betonte, auch Mütter seien auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Mit Blick auf das beschlossene Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder zuhause erziehen, fügte sie hinzu: "Ich glaube kaum, dass eine bestausgebildete Mutter sechs Jahre zuhause bleibt, wenn sie zwei Jahre lang 150 Euro bekommt."

Studie sieht gesellschaftliches Klima als Grund für niedrige Geburtenrate
ARD-Morgenmagazin 06:30 Uhr, 18.12.2012, Axel John, ARD Berlin

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Familienministerium verweist auf die Wirtschaft

Das zuständige Bundesfamilienministerium wies hingegen zurück, dass die Politik für rückgängige Geburtenzahlen die Schuld trage. Kindertagesstätten würden weiter ausgebaut, das Elterngeld werde nicht gekürzt und das Betreuungsgeld werde eingeführt. Nun müsse die Wirtschaft mehr Engagement zeigen, hieß es aus dem Ministerium. Dabei hat es bereits feste Vorstellungen: "Mehr Betriebskindergärten, mehr Anerkennung von Teilzeitarbeit - das müssen die Unternehmen als Investition und nicht als Belastung wahrnehmen", sagte eine Sprecherin des von der CDU-Politikerin Kristina Schröder geführten Ministeriums.

Auch der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier betonte, dass "die Politik das Kinderkriegen nicht selbst übernehmen" könne. Er glaube aber auch nicht, dass Kinderkriegen in Deutschland nicht mehr attraktiv sei.

SPD fordert ausgedehnten Rechtsanspruch

Auch die Opposition reagierte bereits auf die Ergebnisse der Studie. Die SPD forderte, die beruflichen Rückkehrmöglichkeiten für Frauen nach der Geburt eines Kindes zu verbessern. Es sei "nicht realistisch, dass die Frauen nach einem Jahr in Vollzeit zurückwollen", sagte Generalsekretärin Andrea Nahles. Der Anspruch müsse ausgedehnt und ein flexiblerer Wiedereinstieg in den Beruf ermöglicht werden. Bislang werde Teilzeit für Frauen oft zur Falle. "Deswegen fordert die SPD einen Rechtsanspruch auf Rückkehr in eine Vollzeitstelle", so Nahles.

Hinderliches Leitbild der "guten Mutter"

Eine Kindergartengruppe (Bildquelle: AP)
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Deutschland rangiert bei der Geburtenquote seit Jahrzehnten auf den hinteren Plätzen. (Archiv)

Die schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Kindern ist laut der BIB-Studie der Hauptgrund für freiwillige Kinderlosigkeit. Hinzu komme fehlende gesellschaftliche Anerkennung für berufstätige Mütter. So sei das Leitbild von der "guten Mutter", die mindestens bis zum dritten Lebensjahr des Kindes zu Hause bleibt, vor allem in den westlichen Bundesländern noch weit verbreitet. Wählen Frauen nicht diesen Weg, gelten sie dort schnell als "Rabenmütter", wie es in der Studie heißt. Entscheidungen gegen Kinder würden so begünstigt.

In Ostdeutschland ist die Kinderlosigkeit insgesamt etwas geringer. Das liegt laut Studie zum einen an den besseren Kinderbetreuungsangeboten für unter Dreijährige. Dort werde aber auch viel stärker akzeptiert, wenn die Mutter arbeitet und ihr Kleinkind in die Krippe gibt.

Deutschland gehört bereits seit Mitte der 1970er Jahre weltweit zu den Ländern mit der niedrigsten Geburtenziffer. Die durchschnittliche Kinderzahl liegt statistisch derzeit bei 1,39. Europaweit hat Deutschland damit das elftniedrigste Geburtenniveau.

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