Neue Studie

Armutsrisiko steigt mit jedem Kind

Stand: 07.02.2018 10:33 Uhr

Die Bertelsmann-Stiftung hat eine Studie veröffentlicht, nach der das Armutsrisiko für Familien höher ist als bislang angenommen. Grundlage ist eine neue Methodik - diese ist allerdings umstritten.

Eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, dass sich das Armutsrisiko für Familien in Deutschland mit jedem weiteren Kind erhöht. Vor allem alleinerziehende Eltern seien davon betroffen: Im Jahr 2015 war laut der aktuellen Studie jedes achte Paar mit einem Kind von Armut bedroht (13 Prozent). Bei Paaren mit zwei Kindern steigt der Wert auf 16 Prozent - bei Paaren mit drei Kindern auf 18 Prozent. Als "arm" gelten Haushalte, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte beträgt.

Kinderhilfswerk fordert Grundsicherung

Das Deutsche Kinderhilfswerk fordert angesichts der Ergebnisse der Studie eine Kindergrundsicherung, die das Existenzminimum von Kindern unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten der Familie, der Familienform und dem bisherigen Unterstützungssystem gewährleiste. Neben dieser Kindergrundsicherung bedürfe es eines Gesetzes, das Kindern und Heranwachsenden aus Familien in prekären Lebenslagen einen Rechtsanspruch auf Förderung und Teilhabe gibt, sagte Holger Hofmann, Bundesgeschäftsführer des Kinderhilfswerks.

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Kinderreport 2018: Es wird zu wenig gegen Kinderarmut getan

tagesschau 16:00 Uhr, 02.02.2018, Robert Holm, RBB

"Realistischerer Blick" dank neuer Methode?

Grundlage der Bertelsmann-Studie ist eine neue Methode, die die Forscher der Ruhr-Universität Bochum angewandt haben. Diese Methode soll nach Angaben der Stiftung einen "realistischeren Blick auf die Einkommenssituation von Familien ermöglichen". Bisher seien die Einkommen armer Haushalte durch die Anwendung der sogenannten OECD-Skala systematisch überschätzt und jene reicher Familien unterschätzt worden, hieß es.

Beispielsweise geht die Studie davon aus, dass 68 Prozent der Alleinerziehenden im Jahr 2015 armutsgefährdet waren. Zum Vergleich: Nach der herkömmlichen OECD-Methodik liegt diese Quote bei lediglich 46 Prozent. Die Differenz ist der Berechnung der sogenannten Äquivalenzskalen geschuldet, die Wissenschaftler nutzen, um Haushalte verschiedener Größe vergleichen zu können.

Diskussionen seit den 1990er-Jahren

Bei der OECD-Methode wird für jedes Haushaltsmitglied über 14 Jahre ein Äquivalenzgewicht von 0,5 und für jedes unter 14 Jahren von 0,3 angenommen wird. Die Forscher der Ruhr-Universität haben für die neue Studie nun zusätzlich das verfügbare Haushaltseinkommen der einzelnen Haushaltsmitglieder berücksichtigt.

Die Anwendung dieser neuen Berechnung stößt teilweise auf Kritik: "Die Diskussion um die Methodik wird seit den 1990er-Jahren geführt", sagt der OECD-Experte Michael Förster. Nun wieder methodische Diskussionen zu führen, sei ein Rückschritt. Die OECD-Skala sei nötig - etwa, um Ländervergleiche zu ermöglichen.

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Kinderreport sucht nach Wegen aus der Kinderarmut
A. Fünffinger, ARD Berlin
02.02.2018 14:46 Uhr