Silvester in Köln | Bildquelle: dpa

Bericht aus Berlin Wie sicher ist Deutschland?

Stand: 16.01.2016 18:41 Uhr

Die Silvester-Übergriffe von Köln haben eine Debatte über die Innere Sicherheit ausgelöst. Nicht nur Frauen haben zunehmend Angst in der Öffentlichkeit, auch Flüchtlinge und sogar Polizisten werden Opfer von Aggressionen.

Von Ariane Reimers, ARD-Hauptstadtstudio

Es gibt viele Orte, an denen sich Frauen nicht sicher fühlen. Vor allem wenn es dunkel wird, dominiert das mulmige Gefühl im Bauch. Es sind aber nicht nur Parks und einsame Straßen, in denen Frauen sexuell belästigt werden, sondern auch Orte mit viel Publikumsverkehr. In U- und S-Bahnen sei es besonders schlimm, sagt Julia Brilling, Initiatorin der Internetseite "Hollaback Berlin", auf der Frauen anonym aufschreiben können, was ihnen passiert ist.

Das liest sich dann so: "Plötzlich rutscht er auf dem Sitz hin und her, rückt an mich ran. Guckt mich an. Rückt noch näher und beginnt seine Oberschenkel gegen meine zu drücken. Mir wird flau und ehe ich aufstehen oder etwas sagen kann geht er einen Schritt weiter. Er erhebt sich vom Sitz und beim erneuten Setzen gleitet seine Hand 'aus Versehen' an meinem Oberschenkel in der Nähe meines Schoßes entlang." (Eintrag vom 11. Januar 2016).

Bericht aus Berlin: Sonntag um 18:30 Uhr. Tina Hassel im Gespräch mit Oliver Malchow und Klaus Bouillon
15.01.2016

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Julia Brilling sagt, ein großes Problem sei, dass "diese Dinge, die im Vorbeigehen passieren, Beleidigungen, anzügliche Bemerkungen, aber auch Grabschen. Wahnsinnig schwierig sind Anzeigen, weil es so schnell passiert, weil man den Täter nicht kennt und weil es auch diese Scham gibt, was sexualisierte Gewalt angeht."

Zurück bleibt bei den meisten Frauen ein ohnmächtiges Gefühl und Angst. Angst, dass es wieder passiert. So ist es Julia Brilling selbst ergangen. Sie wurde 2010 in einer voll besetzten S-Bahn Zeugin, wie eine junge alkoholisierte Frau von einer Gruppe junger Männer begrabscht und anzüglich beleidigt wurde - am helllichten Tag, mitten in Berlin.

US-Initiative als Vorbild

Julia Brilling (Foto: Ariane Reimers)
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Julia Brilling von Hollaback Berlin ermutigt Opfer sexualisierter Gewalt, in die Öffentlichkeit zu gehen.

Brilling wusste nicht, was sie tun sollte, sie fühlte sich so hilflos. Einzugreifen hat sie sich nicht getraut. Im Internet fand sie die US-amerikanische Initiative "Hollaback" - übersetzt etwa "Brüll zurück" - und fragte an, ob sie so eine Seite nicht auch für Berlin betreiben könne. Zu sehen, dass man nicht allein ist, dass auch anderen Frauen ähnliche Dinge passieren, dass man sich dafür nicht schämen müsse, das habe ihr am meisten geholfen.

Männer demonstrieren mit sexuellen Belästigungen ihre Macht, sie wollen zeigen, dass sie über die Frauen verfügen können. Für Julia Brilling ist wichtig, jeden dieser Übergriffe ernst zu nehmen und vor allem nicht den Frauen die Schuld dafür zu geben.

Kein Respekt mehr vor der Polizei

Sie sind für die Sicherheit der anderen verantwortlich, Polizisten und Polizistinnen - und doch sind sie selbst oft Zielscheibe von Beleidigungen, Bedrohungen, Aggressionen. Andreas Förster ist seit 1998 bei der Polizei, er hat schon einiges erlebt.

In Berlin ist er zwar auf einem ruhigeren Abschnitt eingesetzt, trotzdem weiß er, wie es sich anfühlt, wenn sein Gegenüber keinen Respekt vor der Polizei hat: "Das äußert sich in Beleidigungen, Treten, Spucken. Das alles habe ich persönlich durchgemacht. Da bleibt einem nichts anderes übrig, als dem entgegenzuwirken, und der Person dann eben den Respekt aufzuzeigen: Man nimmt die fest, schreibt die Anzeige, aber meistens wird das dann wieder eingestellt, und es kommt nichts bei herum."

Harter Dienst, zu wenig Personal

Hamburger Polizisten auf der Großen Freiheit | Bildquelle: dpa
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Auch Polizisten bekommen Respektlosigkeit und Aggressionen zu spüren.

Bei der Polizei stellt sich Frust ein. Die Personaldecke ist dünn, in den letzten Jahren wurden viele Stellen eingespart, der Schichtdienst ist hart. Und so mancher Kampf gegen Kriminalität vergeblich. Andreas Förster kennt es von der Gegend rund um das Brandenburger Tor und den Potsdamer Platz: "Gerade hier im Bereich, wo die Touristen unterwegs sind, da haben wir die ganzen Taschendiebe, Die sind stadtbekannt, die sind in jeder Großstadt unterwegs. Aber die lassen sich von einer Strafanzeige nicht aufhalten, das geht immer weiter."

Trotzdem hat er es besser getroffen als so mancher anderer Kollege. Nicht nur in Berlin, auch in anderen Großstädten Deutschlands gibt es Straßenzüge, in die sich die Polizei nur mit Verstärkung traut. Jeder Einsatz wegen einer Bagatelle gerät dort zu einem Sicherheitsrisiko.

Sündenböcke für Unzufriedenheit mit der Politik

Und nicht nur Polizisten kämpfen mit Gewalt und mangelndem Respekt - auch andere Berufsgruppen haben immer größere Schwierigkeiten, sich durchzusetzen: Lehrer, Sanitäter, Bahn-Angestellte, die Mitarbeiter der Jobcenter. Menschen laden ihren Frust, ihre Aggression und auch ihre Unzufriedenheit mit der Politik bei den vermeintlichen Vertretern des Staates ab.

Zu denjenigen, die in Deutschland auch immer wieder Beleidigungen, Bedrohungen und Gewalt ausgesetzt sind - gehören Menschen mit Migrationshintergrund. Die Zahl der Anschläge gegen Flüchtlingsunterkünfte ist im vergangenen Jahr in die Höhe geschnellt, auch die Zahl der Angriffe gegen Menschen, die nicht deutsch aussehen, wächst stetig.

Angst, auf die Straße zu gehen

Biplab Basu von der Berliner Beratungsstelle "ReachOut" für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt erzählt, dass viele derjenigen, die Hilfe bei "ReachOut" suchen, sich nicht mehr heraustrauen. Und wenn sie auf die Straße gehen, dann nur in Gruppen, damit sie nicht angegriffen werden.

Nach den Ereignissen von Köln hat die Situation sich verkompliziert. Die deutsche Gesellschaft polarisiert sich, positioniert sich für oder gegen Flüchtlinge. Die Angst wächst, dass kriminelle Ausländer nach Deutschland kommen. Manche würden damit auch Angriffe etwa gegen Flüchtlingsunterkünfte legitimieren. "Dann gibt es wenig Widerstand dagegen oder auch wenig Empörung", erklärt Biplab Basu. Die Menschen sagen zwar "so ein Angriff mag nicht gut sein, aber…"

Menschen in Deutschland fühlen sich aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht mehr sicher - unabhängig davon, ob die Gefahr real ist. Sie haben Angst, Opfer von Gewalt oder sexuellen Belästigungen zu werden. Sie meiden bestimmte Plätze, Situationen, Verkehrsmittel, sie gehen anderen Gruppen aus dem Weg, sie suchen selbst Schutz in der Gruppe. Angst schränkt die eigenen Freiräume ein, Angst lähmt. Das Gefühl, sich in Deutschland überall sicher zu fühlen, ist vielen verlorengegangen.

Mehr zu diesem Thema in den Beiträgen sowie in Interviews mit Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, Oliver Malchow, und dem Vorsitzenden der Innenministerkonferenz, Klaus Bouillon, CDU, am Sonntag, 18.30 Uhr, im Bericht aus Berlin.

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