Blumen und ein Zettel am Tatort in Barmbek | Bildquelle: dpa

Messerattacke in Hamburg Erst Selbstbezichtigung, dann Schweigen

Stand: 30.07.2017 19:10 Uhr

Ahmad A. bezeichnete sich in der Untersuchungshaft erst selbst als "Terrorist", dann schwieg er zu seinen Motiven. Die Ermittler prüfen, ob seine Tat mit einer psychischen Erkrankung zusammenhängen könnte.

Von Andreas Braun, WDR, und Georg Mascolo, WDR/NDR

Schon vor Monaten hatten die Sicherheitsbehörden Hinweise darauf erhalten, dass Ahmad A. sich plötzlich sehr religiös zeige. Allerdings blieben bei den Behörden auch nach einer Prüfung Zweifel bestehen, ob der 26-jährige Palästinenser tatsächlich radikalisiert oder vielmehr psychisch auffällig sei. Der Hamburger Verfassungsschutz regte deshalb an, dass A. vom Sozial-Psychiatrischen Dienst begutachtet werden solle - dies blieb aber offenbar aus.

Ein Rückblick: Am 3. November des vergangenen Jahres hat Ahmad A. einen Termin bei der Ausländerbehörde in Hamburg. Schon da zeichnet sich ab, dass er einer derjenigen sein werde, die man zurück in die Heimat schicken will. Die palästinensische Autonomiebehörde wird dafür Pass-Ersatzpapiere ausstellen müssen. Ahmad A. ist im Amt beliebt. Er gilt als freundlich und verbindlich, er verschleiert seine Identität nicht, und er gibt sich kooperationsbereit.

Später wird er erklären, er wolle schnell nach Gaza zurück, das Haus seiner Familie sei zerstört worden, und es fehle an Baumaterial. Er müsse beim Wiederaufbau helfen, sein Vater warte.

Polizisten stehen vor der Flüchtlingsunterkunft, in der Ahmad A. lebte. | Bildquelle: dpa
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Polizisten bei einer Durchsuchungsaktion in der Flüchtlingsunterkunft, in der Ahmad A. lebte.

Anzeichen von Radikalisierung

An diesem Tag aber geht es nicht um Asyl oder Rückkehr. Der Hamburger Verfassungsschutz wartet schon auf ihn. Die Behörde ist von der Polizei informiert worden, dass Ahmad A. sich auffällig verhalte: Religion spiele plötzlich eine große Rolle in seinem Leben, er zitiere Koran-Verse, trinke keinen Alkohol mehr und ziehe sich zurück.

Ein Hinweisgeber hat das der Polizei am Hauptbahnhof geschildert, und auch wenn es Probleme mit Namen und Schreibweisen gibt, ist nach einiger Zeit klar, dass Ahmad A. gemeint sein muss. Solche Wesensveränderungen können die ersten Anzeichen einer Radikalisierung sein, aber andererseits ist religiös zu werden nichts Verwerfliches. In den Akten wird A. danach als "Verdachtsfall Islamismus" geführt.

Verwirrt und wenig stabil

Das Gespräch in der Ausländerbehörde am 3. November findet auf Schwedisch und Englisch statt, in den Sprachen, die A. auf seiner langen Reise am besten gelernt hat. Ägypten, Norwegen, Schweden und Spanien sind die Stationen seiner Irrfahrt. Der Verfassungsschützer will wissen, warum sich Ahmad A. verändere. A. weint, legt die Hand aufs Herz. Ja, Religion spiele eine große Rolle in seinem Leben, aber er tue nichts Böses. Er wirkt verwirrt und wenig stabil.

Dann erzählt A. noch, dass er der Fatah nahestehe und sich frage, ob es Probleme mit der Hamas gebe, wenn er nach Gaza heimkehrt. Nach dem Gespräch kehrt er zurück in seine Unterkunft, eine Container-Siedlung im Hamburger Randbezirk Langenhorn. Von dort erreichen die Polizei weitere Hinweise. Er bete zum Beispiel laut auf dem Flur. In einem Café für Flüchtlinge taucht er in traditioneller Kleidung auf.

Kein Gefährder

Ahmad A. gilt trotzdem nicht als unmittelbare Bedrohung. Die Suche in Sozialen Netzwerken hat keinen Facebook-Account zu Tage gefördert, auf dem sich radikales Gedankengut findet. Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass er in die Hamburger Salafistenszene eingebunden ist. A. ist nach jeder Definition kein "Gefährder", nicht einmal eine sogenannte relevante Person. Aber irgendetwas stimmt auch nicht mit ihm. Ein "Schwellen-Typ" nennt ihn ein Hamburger Staatsschützer. 

Im Januar 2017 übersendet der Hamburger Verfassungsschutz einen Vermerk zurück an die Polizei. Man habe es bei Ahmad A. vermutlich eher mit einer psychisch labilen Person zu tun als mit einem überzeugten Islamisten. Man empfehle, ihn zur Begutachtung dem Sozial-Psychiatrischen Dienst vorzustellen. Aber das geschieht dann offenbar nie.

Messer aus dem Supermarkt

Der Fall ist nach dem, was bisher bekannt ist, in vielen Punkten ungewöhnlich. Der Täter brachte seine Waffe nicht von zu Hause mit, sondern nahm das Messer von einem Tchibo-Stand im Edeka-Markt. Anders als bei früheren Einzeltätern gibt es bisher keinen Hinweis darauf, dass er über Nachrichten-Dienste von Hintermännern angeleitet wurde. In einzelnen Fällen - etwa beim Anschlag auf ein Stadtfest in Ansbach im Juli 2016 - scheint die drohende Abschiebung einen Tatentschluss befördert zu haben.

Aber Ahmad A. kooperierte: Er fuhr im März freiwillig zur palästinensischen Vertretung nach Berlin und später noch ein zweites Mal, weil es Nachfragen gab.

Terror oder Amoklauf?

Ahmad A. sitzt jetzt in Untersuchungshaft. Zunächst hatte er dort erklärt, er lege Wert darauf, "Terrorist" zu sein. Dann aber schwieg er. Er habe Kopfschmerzen. Als Passanten ihn nach der Tat überwältigten, verletzte einer ihn am Kopf. Seither bemühen sich die Behörden herauszufinden, ob dies überhaupt ein Akt des Terrorismus war oder eher eine Art Amoklauf in einer psychischen Ausnahmesituation.

Staatsschützer haben Sorge, dass andere psychisch auffällige Personen versucht sein können, die Ideologie als Rechtfertigung für persönliche Wut oder Verzweiflung zu nutzen. Darum stellt sich im Fall von Ahmad A. umso mehr die Frage, warum es nicht, wie vorgeschlagen, schnelle psychologische Hilfe gab.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. Juli 2017 um 14:00 Uhr.

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