Assyrische Christen in Deutschland Endlich frei

Stand: 23.12.2015 03:15 Uhr

Borken und Saarlouis - für viele Assyrer klingen diese Ortsnamen wie das verheißene Land. Hier dürfen sie so leben, wie es in ihrer Heimat nicht möglich ist: als praktizierende Christen. Glücklich sind sie trotzdem nicht.

Von Michael Heussen, WDR

In der Mar Odisho & Mar Qardagh-Kirche gibt es zunächst eine Kurzeinführung in die Grundlagen der Assyrischen Kirche. Das Gotteshaus, eine ehemalige evangelische Kirche, liegt im westfälischen Borken, nur ein paar Kilometer von der niederländischen Grenze entfernt. Sie seien keine orthodoxen Christen, deshalb feiern sie Weihnachten genau wie Katholiken und Protestanten am 25.12., erklärt Kirchenvorstand Achour Givargis.

Alle hier kommen ursprünglich aus Syrien. Untereinander sprechen sie aber nicht Arabisch, sondern das auf das Aramäische - die Sprache Jesu Christi – zurückgehende Assyrisch. Achour Givargis war vor rund 30 Jahren einer der ersten assyrischen Christen, die als Gastarbeiter nach Borken gekommen sind. Seit dem Ausbruch des Krieges in Syrien ist die Gemeinde auf mehr als 100 Familien angewachsen. Und es werden immer mehr.

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In Borken fanden viele Assyrer ein neues Zuhause

Denn Christen haben es in Syrien besonders schwer. Sie werden vom IS, aber auch von anderen islamischen Gruppen verfolgt. Die Dörfer im Khabur-Tal im Nordosten Syriens, aus denen die meisten der assyrischen Familien aus Borken stammen, wurden immer wieder überfallen. Hunderte assyrische Christen wurden als Geiseln genommen.

"Wir wollen nichts mehr mit den Muslimen zu tun haben"

In der Gemeinde kursiert ein Video, das die Hinrichtung von drei Männern zeigt. Der IS will damit wohl seinen Forderungen nach Lösegeld Nachdruck verleihen, denn wenn gezahlt wird, werden Geiseln freigelassen. Über das genaue Prozedere wollen sie in Borken nicht reden. Ein paar Dinge erzählen sie dann aber doch: Der Bischof spiele eine wichtige Rolle, immer wieder würden Emissäre zum IS geschickt werden, um Verhandlungen zu führen. Doch welche Summen dann tatsächlich fließen und woher das Geld stammt - darüber herrscht absolutes Stillschweigen.

In Borken wohnt inzwischen eine freigelassene Geisel, ein älterer Mann. Er will über das Erlebte nicht mehr reden, auch, weil er Angst um Angehörige hat, die immer noch gefangen sind. In der assyrischen Gemeinde von Saarlouis sprechen sie dagegen offen darüber, was ihnen der IS angetan hat. Rund 20 ehemalige Gefangene durften direkt nach ihrer Freilassung ins Saarland ausreisen. Drei von ihnen arbeiten in einer Werkstatt der Diakonie.

Assyrische Christen in Deutschland
ARD-Morgenmagazin, 18.12.2015, Michael Heussen, WDR

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Ismail Ismail, Elias und Nabil Merza bauen gerade ein Regal zusammen. An der Werkbank nebenan arbeiten auch Flüchtlinge. Sie kommen ebenfalls aus Syrien, sind aber Muslime und sprechen Arabisch miteinander. Man bleibt auf Distanz. Selbst hier im Saarland, ein paar tausend Kilometer entfernt von den Kampfherden, ist das Misstrauen groß. "Wir wollen nichts mehr mit den Muslimen zu tun haben und wollen nie mehr nach Syrien zurück", sagen die assyrischen Christen. Denn einige, die sie beim IS gesehen haben, seien ehemalige muslimische Nachbarn. Und auch einige, die nicht beim IS sind, hätten ihre Häuser geplündert.

Traurige Weihnachten

Völkermord, Vertreibung, Flucht und Wiederaufbau gehören zu ihrer Familiengeschichte, erzählen sie. Ihre Vorfahren mussten 1915 vor den Osmanen flüchten, die nicht nur die Armenier, sondern auch andere Christen verfolgten. Die Assyrer wurden im britischen Mandatsgebiet im Irak aufgenommen, nur um dort 1933 wieder Opfer eines Genozids zu werden. Die Franzosen siedelten die Assyrer dann in ihrem damaligen Mandatsgebiet im Nordosten Syriens an. Was Türken und Iraker nicht geschafft haben, könnte nun dem IS gelingen: Die Geschichte der assyrischen Christen im Nahen Osten nach fast 2000 Jahren zu beenden. Und der Westen schaue nahezu tatenlos zu.

In Saarlouis wollen sie nicht schweigen, sondern die Öffentlichkeit aufrütteln, sagt Charli Kanoun von der Assyrischen Gemeinde. Er kam 1988 ins Saarland und hat ein kleines Restaurant mit großer Schnitzelkarte und saarländischen Spezialitäten in der Altstadt – und er hält für seine Landsleute den Kontakt zur Politik. Denn es geht ihnen nicht nur um die Freilassung der verbliebenen Geiseln, sondern auch um den Nachzug ihrer Familien.

„Nur wer selbst Gefangener des IS war, durfte nach Deutschland ausreisen. Die Ehefrauen und Kinder warten in Beirut auf einen Termin bei der deutschen Botschaft. Und der erste ist erst im September 2016“, erklärt Kanoun. Seine drei Landsleute an der Werkbank nicken. Sie danken dem lieben Gott, dass sie mit dem Leben davon gekommen sind. Aber dieses Weihnachtsfest ohne ihre Familien wird das traurigste, das sie je erlebt haben,  sagen sie.

Dieser Beitrag lief am 18. Dezember 2015 im Moma

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