Eine Hand nimmt eine Euro-Münze aus einem Geldbeutel, in dem sich weitere Münzen befinden.

Armutsbericht Armutsquote auf Rekordhoch

Stand: 13.12.2016 16:31 Uhr

Wann ist jemand arm? Das ist komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint. Am nächsten kommt einer Definition die sogenannte Armutsquote. Und die ist laut jüngstem Armutsbericht der Bundesregierung auf einem Höchststand.

Von Tamara Anthony, ARD-Hauptstadtstudio

Armut zu definieren und zu messen ist nicht einfach. Entsprechend dick ist der Entwurf des Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung: mehr als 600 Seiten. Doch eine Zahl bringt in Deutschland die Armut am ehesten auf den Punkt: die Armutsquote. Hierin wird ausgedrückt, wie viele Personen von sozialem Abstieg bedroht sind. Mit 15,7 Prozent wurde nun ein Rekordhoch erreicht.

Die Armutsquote gibt an, wie hoch der Anteil der Menschen ist, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdienten - dieses liegt deutlich niedriger als das Durchschnittseinkommen. 2015 lag dieser Schwellenwert für eine allein lebende Person in Deutschland bei 942 Euro, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 1978 Euro im Monat.

Mittleres Einkommen und Durchschnittseinkommen

Das mittlere Einkommen, auch Medianeinkommen genannt, ist das Einkommen, das genau in der Mitte liegt, wenn alle Einkommen nach ihrer Höhe angeordnet werden. Es liegt deutlich unter dem Durchschnittseinkommen, das als arithmetisches Mittel aus allen verfügbaren Einkommen gebildet wird.

"Trend zu immer mehr Armut"

Ulrich Schneider | Bildquelle: dpa
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"Die Regierung wirft Nebelkerzen", kritisiert Ulrich Schneider, Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

Doch nicht nur die Zahl an sich sorgt für Ärger bei den Sozialverbänden, sondern auch der Umgang des Ministeriums mit der Zahl: Denn erst auf Seite 543 kommt überhaupt das Kapitel "Armut". Und die Armutsquote nach den Daten des Mikrozensus‘ des Statistischen Bundesamtes geht auch hier fast unter. "Das Ministerium wirft hier mit Nebelkerzen", kritisiert daher der Vorsitzende des Pariätitischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider. "Die Bundesregierung versucht davon abzulenken, dass es hier einen Trend gibt, zu immer mehr Armut." Zwar gilt die Armutsquote als umstritten, denn sie misst nur die relative Armut. "Die Zahl ist aber deshalb wichtig, weil sie zeigt, wie viele Leute am Wohlstandswachstum keinen Anteil haben", begründet Schneider.

Der Armuts- und Reichtumsbericht war in einer ersten Fassung bereits im Oktober öffentlich geworden als das Bundesarbeitsministerium den Entwurf an die anderen Ministerien zur Abstimmung schickte. Nun wird er laufend aktualisiert - die genannten Zahlen zur Armutsquote sind erst in dem heute öffentlich gewordenen Entwurf enthalten. Auch zur Zahl der überschuldeten Bürger gibt es neue Daten in dem Bericht. 4,1 Millionen Personen über 18 Jahre haben bereits juristische oder Mahn-Verfahren wegen Überschuldung, Im Oktober war bereits gemeldet worden, dass im Jahr 2015 insgesamt etwa 6,7 Millionen Menschen in Deutschland überschuldet waren.

Kritische Passagen gestrichen

Überraschend sind auch die Streichungen in der zweiten Fassung des Armuts- und Reichtumsbericht: Unter der Überschrift "Armut und Reichtum und Demokratie" war ursprünglich ein Zusammenhang zwischen Armut und Wahlbeteiligung ausgeführt worden. Es wurden die Ergebnisse einer Studie dargestellt, nach denen "die Wahrscheinlichkeit für eine Politikänderung wesentlich höher ist, wenn die Politikänderung von einer großen Anzahl von Befragten mit höherem Einkommen unterstützt wird".

Alle Passagen, in denen auf eine "Schieflage in den politischen Entscheidungen zulasten der Armen" eingegangen wurde, fehlen nun. Der Armuts- und Reichtumsbereicht soll im Januar in eine zweite Ressortabstimmung gehen und im Frühjahr vom Kabinett verabschiedet werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 13. Dezember 2016 um 17:30 Uhr.

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