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Armutsbericht des Wohlfahrtsverbands
Reicher Süden - armer Norden
Die Armutsgefährdung in Deutschland ist nach einer Studie des Paritätischen Gesamtverbands auf ein Rekordniveau seit der Wiedervereinigung gestiegen. Demnach ist seit 2006 die Armutsgefährdungsquote in Deutschland stetig gestiegen und hat 2011 mit 15,1 Prozent einen neuen Höchststand erreicht. Das sind 12,4 Millionen Menschen - rund eine halbe Million mehr als noch 2010. Konkret heißt das: Mehr als jeder Sechste in Deutschland gilt als armutsgefährdet. Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider machte dafür die Bundesregierung mitverantwortlich.
Der Bericht zeigt auch: Armut in Deutschland ist regional unterschiedlich verteilt. So leben in Baden-Württemberg und Bayern vergleichsweise wenig arme Menschen. Dagegen gelten Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen-Anhalt als Problemregionen mit den meisten Armen in Deutschland.
Mehr als jeder Sechste in Deutschland ist armutsgefährdet
tagesthemen 22:30 Uhr, 20.12.2012, Griet von Petersdorff, RBB
Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Monatseinkommens für seine Lebensführung zur Verfügung hat. Bei einem Single-Haushalt sind dies weniger als 848 Euro, bei einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren weniger als 1781 Euro (Quelle: Mikrozensus. Der Schattenbericht der Nationalen Armutskonferenz kommt zu leicht anderen Zahlen: Hier liegt die Schwelle für Singlehaushalte bei 952 Euro)
Für den Anstieg der Armut macht der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Ulrich Schneider, "Armutslöhne" sowie die Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse verantwortlich, aber auch Einschränkungen bisheriger Sozialleistungen für Wohnen und Heizen. "Viele Menschen haben Arbeit, aber immer weniger können von ihrer Arbeit leben", sagte Schneider. "Die guten statistischen Erfolge in der Arbeitsmarktpolitik wie auch der Rückgang der Hartz-IV-Bezieherzahl werden offensichtlich mit einer Amerikanisierung des Arbeitsmarktes erkauft."
Armes Bremen
Mit Bremen landet erstmals ein westdeutsches Bundesland auf dem letzten Platz des nun zum dritten Mal vom Verband erstellten Länderrankings. Dort gelten 22,3 Prozent der Bewohner als armutsgefährdet. Nicht viel besser sieht es in Mecklenburg-Vorpommern (22,2) und Berlin (21,1) aus. Weit überdurchschnittliche Armutsgefährdungsquoten haben auch Sachsen-Anhalt (20,5) und Sachsen (19,6).
Einen besonders negativen Trend zeigt der Bericht für Berlin und das Ruhrgebiet auf. In Berlin sprang die Armutsgefährdungsquote von 2010 auf 2011 um 1,9 Prozentpunkte auf 21,1 Prozent, im Ruhrgebiet um 1,5 Prozentpunkte auf 18,9 Prozent. Besonders dramatisch ist laut Bericht die Entwicklung in Dortmund, wo die Quote inzwischen bei 24,2 Prozent liegt, gefolgt von Duisburg (23,5).
Vergleichsweise wenig Probleme mit Armut haben die Südländer Baden-Württemberg, Bayern und Hessen. Die Armutsgefährdungsquote liegt hier weit weit unter dem Bundesschnitt von 15,1 Prozent.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband verknüpfte die Präsentation ihres Armutsberichts mit konkreten Forderungen an die schwarz-gelbe Bundesregierung. Ein Sofortprogramm zur Bekämpfung der wachsenden Armut. Dazu zählte Verbandschef Schneider die Einführung eines gesetzlichen Mindestlohnes und einer Mindestrente sowie die Anhebung der Hartz-IV-Regelsätze. Schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose sollten durch ein öffentlich gefördertes Beschäftigungsprogramm eine Perspektive erhalten. Kosten würde dies "mindestens zehn Milliarden Euro". Schneider sagte: "Aber Armutsbekämpfung ist ohne Umverteilung schlechterdings nicht möglich."
Ulrich Schneider (Paritätischer Wohlfahrtsverband) im Gespräch mit Christiane Meier
ARD-Morgenmagazin, 20.12.2012
Für die Opposition ist der Bericht eine Steilvorlage im beginnenden Bundestagswahlkampf. SPD-Chef Sigmar Gabriel sieht in dem Bericht einen Beleg dafür, "wie zynisch und verlogen die 'Alles ist gut-Rhetorik' der Koalition von Union und FDP ist". Die Armut wachse trotz guter Wirtschaftslage und positiver Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt dramatisch.
Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen widersprach. Die Entwicklung sei nicht alarmierend. "Man sollte die Probleme weder dramatisieren noch kleinreden. Armut ist in einem reichen Land wie Deutschland relativ", sagte die CDU-Politikerin.
Stand: 20.12.2012 16:27 Uhr
