Gutachten: Altersarmut kein Massenphänomen - aber bald?

Armut in Deutschland

Gutachten zur Renten- und Einkommenspolitik

Altersarmut kein Massenphänomen - aber bald?

Die Berater des Wirtschaftsministers sehen in Altersarmut derzeit kein großes Problem. Kirchen, Verbände und Gewerkschaften wollen das so nicht stehen lassen. Sie warnen, Einkommensarmut im Alter werde bald dramatisch zunehmen. Beide Seiten legten ihre Gutachten vor.

Von Arne Meyer, NDR, ARD-Hauptstadtstudio

Fast wirkte es so, als wäre den Vertretern des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundeswirtschaftsministerium klar, wie provokativ die Kernthese ihres Gutachtens klingt: Altersarmut, so das Gremium, dem 39 Vertreter aus den Bereichen Wirtschaft und Recht angehören, sei in Deutschland momentan kein Problem, das auf der Prioritätenliste ganz oben stehe.

Axel Börsch-Supan vom Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München hat das Gutachten federführend betreut und rechnet vor: "2,6 Prozent der über 65-Jährigen beziehen Grundsicherung im Alter und sind von daher 'arm' laut Definition. Das sind dreimal weniger als in der Gesamtbevölkerung." Allerdings schränkte Börsch-Supan sofort ein, für die von Altersarmut Betroffenen sei das Problem natürlich groß. Aber bei den jetzigen Rentnern könne noch längst nicht von einem Massenphänomen die Rede sein.

Armutskonferenz mit ihrer Sicht der Dinge
A. Meyer, ARD Berlin
18.12.2012 15:17 Uhr

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Lage bei Alleinerziehenden und Jugendlichen dramatischer

Viel dramatischer ist die Lage in Alleinerziehenden-Haushalten und bei Jugendlichen, vor allem wenn diese einen Migrationshintergrund haben. Nach den Worten von Achim Wambach, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates, besteht die Ursache darin, dass die Leute in ihrem Erwerbsleben nicht genügend erwirtschaftet hätten: "Man muss schauen, inwieweit man da an Symptomen herumdoktert und wie weit man zum Kern des Problems vordringt."

Um an diesen Kern des Problems zu gelangen, um ihn dann zu beseitigen, ist nach Meinung des Beirates ein Dreiklang notwendig. Börsch-Supan erläutert, man müsse den Arbeitsmarkt so gestalten, dass er die Bevölkerung aufnehmen kann, und darüber hinaus die Bildung erhöhen sowie insbesondere die Integration von Migranten erleichtern.

Ein Drittel der Deutschen fürchten Altersarmut
tagesthemen 21:20 Uhr, 18.12.2012, Norbert Carius, ARD Berlin

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"Mindestlöhne und Zuschussrente helfen nicht"

Was aus Sicht des Beirates nicht hilft, sind Mindestlöhne und die von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) bzw. von der SPD favorisierte Zuschuss- oder Garantierente. Um beispielsweise auf eine Monatsrente in Höhe von 850 Euro zu kommen, müsste der Mindestlohn im Westen bei 14,40 Euro pro Stunde und im Osten bei 16,20 Euro liegen. Eine wie auch immer geartete und genannte Zusatzrente belaste die Beitragszahler und sorge zudem dafür, dass Beschäftigte, die 40 Jahre und länger Beiträge abführen, keinen Anreiz mehr zum Weiterarbeiten haben, ergänzte der Beirat.

Die Nationale Armutskonferenz, die heute quasi parallel ihren Schattenbericht vorgelegt hat, kommt bei dem Thema zu ähnlichen, in Details aber auch zu anderen Schlüssen. So ist die Vereinigung aus Kirchen, Verbänden, Betroffeneninitiativen und Gewerkschaften der Meinung, dass in dem Gutachten des Beirates ein entscheidender Hinweis fehlt: In den kommenden Jahren werde es eine "dramatische Zunahme der Einkommensarmut im Alter" geben, sagt Walter Hanesch, Sozialwissenschaftler von der Hochschule Darmstadt. Der Anstieg sei einerseits Folge des Strukturwandels im Beschäftigungssystem und der Auswirkungen auf Erwerbs- bzw. Beitragsbiographien, führt Hanesch aus, andererseits sei er Ergebnis der Rentenpolitik dieser und der vergangenen Bundesregierungen.

"Immer schwerer, sich aus der Armut herauszuarbeiten"

Hanesch betont darüber hinaus, weitere Effekte kämen hinzu: Für Betroffene in Deutschland werde es nämlich immer schwerer, sich aus der Armut im wahrsten Sinne des Wortes herauszuarbeiten. Außerdem liege die Armutsrisikoquote seit Jahren konstant bei 14 bis 16 Prozent. Die Armutskonferenz hält fest: Genau das rede die Bundesregierung generell schön.

Stand: 18.12.2012 16:54 Uhr

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