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13 Prozent der Bundesbürger arm - das ist jeder achte. Das ist das Ergebnis des jüngsten Armuts- und Reichtumsbericht der Regierung, den die Bundesregierung heute billigte. Das Fazit lautet: Die Kluft zwischen Arm und Reich in Deutschland hat sich weiter vertieft. Der Bericht basiert auf Zahlen aus dem Jahr 2005 und wird deshalb auch als "veraltet" kritisiert. Doch wer wird in Deutschland als arm bezeichnet? Wie viele Menschen betrifft das? Die Statistik hilft bei dieser Frage - Armut bleibt am Ende aber immer Definitionssache.
Von Wolfram Leytz, tagesschau.de
[Bildunterschrift: 585 Euro beträgt der BAföG-Höchstsatz - das Studium, Armut auf Zeit? ]
Schon im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2005 hieß es: "Hinter jeder Interpretation des Armuts- und auch des Reichtumsbegriffs und hinter jedem darauf beruhenden Messverfahren stehen Wertüberzeugungen. Deshalb ist auch die Aufgabe, Armut ,messbar‘ zu machen, im streng wissenschaftlichen Sinn nicht lösbar." Kein Wunder, dass sich auch in der Armuts-Debatte Statistiken zum Erhitzen politischer Süppchen eignen.
[Bildunterschrift: Ein Kind arbeitet auf einem Feld in Südniger. Über eine Milliarde Menschen muss mit weniger als einem Dollar pro Tag leben. ]
Wissenschaftlich und politisch unbestritten sind Arme in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern vergleichsweise gut gestellt. Wer mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen muss - das ist zum Beispiel für die Weltbank Armut - hat ganz andere Probleme. Aber auch in einer immer noch reichen Gesellschaft wie Deutschland brauchen Politik und Gesellschaft einen Maßstab, um Armut zu messen. Wer hat mehr und wer hat weniger? Diese Frage beschäftigt zahllose Statistiker bei Bund, Ländern und der EU.
Um die unterschiedlichen Lebenssituationen einzubeziehen vergleichen die Statistiker meist das so genannte bedarfsgewichtete Äquivalenz-Einkommen. Dieses berücksichtigt zum Beispiel, dass Familien gewisse Einspareffekte durch die gemeinsame Wohnung und die gemeinsame Lebensführung haben.
Das Äquivalenz-Einkommen ist kein reales Einkommen wie etwa das Netto-Gehalt eines Arbeitnehmers, sondern eine Rechengröße - auch wenn es dem tatsächlichen mittleren verfügbaren Nettoeinkommen meist recht nahe kommt.
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2005 betrug dieses Äquivalenz-Einkommen nach Angaben des statistischen Bundesamtes 1301 Euro netto pro Monat. Dieser Wert ist ein so genannter Median-Wert. Das heißt, genau die Hälfte der Bürger hatte ein höheres Einkommen, die andere Hälfte ein geringeres. Zu dem Einkommen gehören alle Einkünfte, auch Sozialleistungen wie Kindergeld oder Arbeitslosengeld
Als armutsgefährdet gilt inzwischen EU-weit, wer weniger als 60 Prozent dieses Median-Wertes zur Verfügung hat. Für eine Einzelperson waren das 2005 also 781 Euro. Für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren wird die Grenze mit 1640 Euro monatlich berechnet. Wo diese Grenze liegt, bestimmen die Statistiker - oder die Politik. In der Armutsdebatte wurde bis vor einigen Jahren auch häufig eine 50-Prozent-Grenze festgelegt.
In Deutschland lagen 2005 knapp 13 Prozent der Bürger unter der "Armutsrisiko-Grenze". Ohne Sozialleistungen ist es sogar etwas mehr als ein Viertel der Bundesbürger. Die Bundesrepublik liegt leicht über dem EU-Durchschnitt. Im Vergleich zum vorhergehenden Armutsbericht hat sich die Quote kaum verändert.
Ein Problem bei diesen komplizierten Statistiken: Die Datensammlung und -verarbeitung ist aufwändig. Der jüngste Armutsbericht der Regierung etwa nutzt überwiegend Daten von 2004 und 2005. Den "Ist"-Stand zeigt der Report nicht.
Eine wichtige Frage ist auch, wer bleibt wie lange arm? Das "dauerhafte Armutsrisikio" ist laut dem Bericht von 2000 bis 2005 angestiegen - aber blieb das auch in den Boom-Jahren 2006 und 2007 so? Experten warnen daher vor vorschnellen Schlussfolgerungen und der Fixierung auf die "Armutsquote", wie immer sie auch errechnet wird. Mit den Statistiken im jüngsten Armutsbericht der Bundesregierung, der tagesschau.de vorliegt, lassen sich jedoch die Risikofaktoren feststellen, die zu Armut führen. Neu ist dabei kaum etwas. Längst bekannt ist etwa, dass Menschen ohne Berufsausbildung und Alleinerziehende weit überdurchschnittlich armutsgefährdet sind.
[Bildunterschrift: Als Hauptrisiko für Armut schon lange bekannt: Arbeitslosigkeit und fehlender Berufsabschluss. ]
Der wichtigste Risikofaktor bleibt allerdings die Arbeitslosigkeit. Nur 5,5 der Erwerbstätigen liegen beispielsweise unter der 60-Prozent-Grenze beim Äquivalenz-Einkommen und sind damit armutsgefährdet.
Es zeigt sich aber auch, dass die Einkommen weiter auseinander gehen. Am "oberen" und am "unteren" Rand der Einkommensverteilung finden sich mehr Menschen - es gibt also mehr Armutsgefährdete, weniger "Mittelschichtler" und mehr Menschen mit hohem Einkommen.
[Bildunterschrift: Hummer oder Eintopf? Die soziale Kluft wird breiter - dieses Ergebnis des Armutsberichts ist unumstritten. ]
Als reich gilt beim Äquivalenz-Vergleich, wer mehr als das Doppelte des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Für einen Single wären das also 2602 Euro. Etwa sechs Prozent der Bundesbürger gehören nach Armutsbericht zu den Reichen.
Wer sich nun daran erinnert, dass Arbeitsminister Olaf Scholz vor der offiziellen Veröffentlichung des Armuts- und Reichtumsberichts auch schon 3418 Euro als "Reichen-Grenze" genannt hat, muss noch etwas in Sachen Statistik lernen: dass man nur vergleichbare Zahlen auch vergleichen sollte. Die 3418-Euro-"Obergrenze" ist rein statistisch nachvollziehbar, beruht aber auf anderen Grundlagen - und "passt" daher nicht zur 781-Euro-"Untergrenze".
[Bildunterschrift: Teilhabe an der Gesellschaft heißt auch Bildung und Kultur erleben können. ]
Durch veränderte Erhebungsverfahren lag auch die Armutsrisikogrenze beim Armutsbericht 2005 noch deutlich höher - bei 938 Euro. Neue EU-weite Statistikreihen lassen allerdings hoffen, dass die Zahlen künftig einheitlicher werden.
Der Streit um die Armutsdefinition wird damit allerdings nicht enden. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das mit dem "Sozio-oekonomischen Panel" eine der wichtigsten Längsschnittstudien in Deutschland betreibt, kritisiert den Armutsbericht als "zu kurz geratene Auswahl der Fakten". Das DIW sieht die Armutsquote für das Jahr 2006 etwa bei 18,3 Prozent.
Armut ist allerdings mehr als nur der Mangel an Geld. Wer in einer wohlhabenden Gesellschaft keine Chance hat, sich aus Armut durch Arbeit, Bildung und Qualifikation zu befreien, ist auch arm - da wenigstens sind sich Experten, Statistiker und Politiker inzwischen einig.
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