Problem Langzeitarbeitslosigkeit Kaum Chancen auf eine zweite Chance

Stand: 08.04.2018 03:58 Uhr

Klaus-Peter Waage war langzeitarbeitslos. Ein Bundesförderprogramm brachte nach rund 25 Jahren schließlich den ersten Job - doch es droht, ein Neuanfang auf Zeit zu werden.

Von Thomas Kreutzmann, ARD-Hauptstadtstudio

Wer Klaus-Peter Waage besucht, trifft einen ziemlich zufriedenen Menschen. Der 55-Jährige ist seit einem Jahr Helfer des Gemeindearbeiters Rainer Warkus, der eigentlich schon im Rentenalter ist. Im idyllischen Dörfchen Alt-Kätwin im Landkreis Rostock sind beide täglich unterwegs, um den Ort und seine Umgebung in Ordnung zu halten: Müll aufsammeln, den Autofahrer achtlos aus dem Fenster geworfen haben, oder Bruchholz neben der Durchgangsstraße herausholen, zersägen und abtransportieren.

Klaus-Peter Waage, Helfer des Gemeindearbeiters in Alt-Kätwin, lädt Holz auf einen Kleinlaster.
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Rund 25 Jahre lang war Klaus-Peter Waage arbeitslos.

Für manche wäre das vielleicht kein Traumjob. Für Klaus-Peter Waage schon. Er bekam Anfang 2017 erstmals seit rund 25 Jahren wieder eine feste Arbeitsstelle - finanziert über das zeitlich befristete Bundesprogramm "Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt".

Jeder Dritte ohne Job ist langzeitarbeitslos

Waage war nach dem Ende der DDR und der örtlichen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG), wo er als Melker gearbeitet hatte, rund ein Vierteljahrhundert arbeitslos. Jetzt arbeitet er 20 Wochenstunden zum gesetzlichen Mindestlohn, fühlt sich ausgelastet und sozial anerkannt im Dorf.

Jeder dritte deutsche Arbeitslose ist langzeitarbeitslos - es geht um 850.000 Menschen. Das ist einerseits wenig, gemessen an den 1,8 Millionen Langzeitarbeitslosen, die noch 2006 gezählt wurden. Es ist andererseits aber noch immer eine hohe Zahl, weil enorme Anstrengungen der Betroffenen und fördernder Einrichtungen notwendig sind, um "Menschen mit multiplen Vermittlungshindernissen", wie es im Behördendeutsch heißt, in dauerhafte Beschäftigung zu bringen.

Konzept "Sozialer Arbeitsmarkt"

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil will bis zur Sommerpause ein Konzept für einen "Sozialen Arbeitsmarkt" vorlegen: Vier Milliarden Euro will die Große Koalition in die Hand nehmen, um 150.000 Langzeitarbeitslosen Jobs zu verschaffen. Angedacht sind etwa Lohnzuschüsse für private Arbeitgeber, Kommunen und Wohlfahrtsverbände - die staatliche Finanzhilfe soll bis zu fünf Jahre gewährt werden. Am Ende sollen ehemals Langzeitarbeitslose auf dem ersten Arbeitsmarkt, also zu marktüblichen Konditionen und sozialversicherungspflichtig, dauerhaft beschäftigt werden.

Dietmar Bartsch von der Linkspartei lobt: "Ein öffentlich geförderter Beschäftigungssektor ist ein gutes Mittel, um Langzeitarbeitslose in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Ich bin dankbar und stolz darauf, wenn Ideen von uns übernommen werden."

Andererseits haben Heil und Vizekanzler Olaf Scholz ausdrücklich weitergehende Vorschläge für einen dauerhaften öffentlichen Beschäftigungssektor abgelehnt. Solche Vorstöße kommen von der Linkspartei, aber auch vom Berliner Regierenden Bürgermeister Michael Müller, der sich für ein sogenanntes solidarisches Grundeinkommen ausgesprochen hatte. Dabei bekommt Müller aus weiten Teilen der SPD Zuspruch, auch von den Partei-Vizevorsitzenden Malu Dreyer, Thorsten Schäfer-Gümbel oder Ralf Stegner. Sie diskutieren einen kleinen, öffentlich finanzierten Beschäftigungssektor für Langzeitarbeitslose, von denen es nur die wenigsten schaffen, sich auch bei Lohnzuschüssen in einem dauerhaften Normalarbeitsverhältnis in der freien Wirtschaft zu etablieren.

Immerhin "zwei Jahre näher an der Rente"

Klaus-Peter Waage gehört zu jenen, die es auf dem freien Arbeitsmarkt bisher nicht geschafft haben. Nach der Wende war er ein Jahr lang Küchenhelfer in einem Fischrestaurant - "drüben", im Westen, in Cuxhaven. Dann ging es zurück ins etwas abgelegene Dörfchen Alt-Kätwin, wohin es besonders seine Frau gezogen hatte.

Es folgten frustrierende Jahre - mit endlosen Umschulungen und manchen ABM-Maßnahmen. Alles vergeblich, obwohl Waage neben Melker auch Zerspanungsfacharbeiter gelernt hat und im Dorf als pünktlich und arbeitswillig bekannt ist. Aber mit Computern kann er nichts anfangen; und norddeutsch-zurückhaltend in seiner Art zog er gegenüber Mitbewerbern immer den Kürzeren.

Mit zunehmendem Alter wurde es noch schwieriger, zumal er vom Dorf mit seinen schlechten Busverbindungen nicht wegziehen wollte. Sein Gemeindehelfer-Job läuft Ende 2018 aus. Bürgermeister Günter Schink lobt Klaus-Peter Waage und sagt: "Ich habe ihn zwei Jahre näher an die Rente gebracht. Mehr ist leider nicht drin, und das weiß Herr Waage auch." Seine Stelle wird vom Bund voll finanziert, aber nach Auslaufen des Förderprogramms kann die Gemeinde ihn nicht bezahlen. Auch eine Teilnahme am künftigen Bundesprogramm "Sozialer Arbeitsmarkt" mit seinen Lohnzuschüssen käme nicht infrage - Günter Schinks Kommune könnte schlicht den Eigenanteil am Lohn nicht aufbringen.

Über dieses Thema berichtete der Bericht aus Berlin am 08. April 2018 um 18:30 Uhr.

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