Schmiererei an einem jüdischen Kindergarten in Berlin (Bildquelle: picture-alliance/ dpa)

Online-Befragung zu Antisemitismus in Europa Juden machen sich zunehmend Sorgen

Stand: 08.11.2013 16:14 Uhr

75 Jahre nach der Reichspogromnacht machen Juden in Europa sich wieder zunehmend Sorgen um ihre Sicherheit. Eine deutliche Mehrheit von ihnen sieht wachsende antisemitische Tendenzen. Dies ist das Ergebnis Online-Umfrage der EU-Agentur für Grundrechte (FRA).

Fast 6000 jüdische Bürger in acht Ländern befragt

44 Prozent der befragten jüdischen Bürger geben darin an, dass der Antisemitismus in ihrer Wahrnehmung in den vergangenen fünf Jahren stark zugenommen habe. Weitere 32 Prozent meinen, die Judenfeindlichkeit sei moderat gestiegen. Nur fünf Prozent sind der Ansicht, der Antisemitismus in ihrem Heimatland sei in der letzten Zeit weniger geworden.

Die Grundrechteagentur hatte jüdische Bürger in acht Ländern interviewt, darunter auch Juden in Deutschland. Es ist laut Agentur der erste, nicht-repräsentative Versuch eines Überblicks zur Situation der Juden in Europa. Fast 6000 jüdische Bürger wurden befragt.

Unter französischen Juden ist die Sorge am größten

Den dramatischsten Antisemitismus-Anstieg nehmen demnach französische Juden wahr, dicht gefolgt von Menschen in Ungarn. 90 Prozent der hier lebenden Juden und 85 Prozent der Juden in Frankreich sehen eine ausgeprägt antijüdische Haltung der Bevölkerung. In Deutschland machen sich 32 Prozent der Juden Sorgen über eine deutliche Zunahme der Ressentiments.

In der Bundesrepublik leben rund 120.000 Juden, sie bilden die drittgrößte jüdische Gemeinde in Europa hinter der französischen und der britischen.

Schmiererei an einem jüdischen Kindergarten in Berlin (Bildquelle: picture-alliance/ dpa)
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Eindeutige antisemitische Zeichen in Deutschland: Schmiererei an einem jüdischen Kindergarten in Berlin

Jeder fünfte der Umfrage-Teilnehmer hat in den vergangenen zwölf Monaten einen antijüdischen Vorfall in Form von Beleidigung oder gar Angriffen erlebt. Solche Bedrohungen, verbale oder tätliche Angriffe würden laut FRA aber von den Betroffenen oft nicht gemeldet. Meist, weil Betroffene nicht glauben, dass sich durch das Einschalten der Polizei etwas ändere. Laut FRA ist das spezifische Sammeln von Daten über antisemitische Vorfälle in vielen Ländern unzureichend organisiert, wodurch Übergriffe, Attacken und Beleidigungen schlecht erfasst würden.

Tatort Internet

Besonders beunruhigt zeigten sich die Befragten über Anfeindungen und Hetzreden im Internet. "Das wirft Fragen auf, wie sich im Internet der Schutz der Grundrechte garantieren lässt, während gleichzeitig die Meinungsfreiheit geachtet wird", schreiben die FRA-Experten. Sie regen an, in den einzelnen Ländern Polizeieinheiten einzurichten, die das Internet in Bezug auf Hasskriminalität überwachen und bei Bedarf Ermittlungen aufnehmen. Außerdem sollten die Regierungen dazu ermutigen, antisemitische Websites der Polizei zu melden.

Die Behörde fordert auch Untersuchungen darüber, wie sich der Opferschutz stärken lässt, etwa unter Beteiligung jüdischer Verbände. Ihr zufolge hat jeder zweite Jude Angst, in den nächsten zwölf Monaten Opfer einer verbalen Attacke zu werden, während jeder dritte sogar körperliche Angriffe fürchtet. In Deutschland hat ein Viertel aller Juden schon darüber nachgedacht, das Land zu verlassen, in Ungarn und Frankreich sogar jeder zweite.

An der Online-Umfrage hatten sich im Herbst 2012 knapp 6000 Juden aus Deutschland, Belgien, Frankreich, Großbritannien, Ungarn, Italien, Lettland und Schweden beteiligt. Auf diese acht Länder entfallen rund 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung in Europa.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. November 2013 um 20:00 Uhr.

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