Hakenkreuz-Schmiererei an einem Haus in Dresden (Bildquelle: picture alliance / ZB)

Unabhängige Studie wird vorgelegt Antisemitismus in der Gesellschaft tief verankert

Stand: 23.01.2012 13:27 Uhr

Judenfeindliche Einstellungen sind nach Einschätzung von Experten in "erheblichem Umfang" in der deutschen Gesellschaft verankert. Das geht aus dem Antisemitismus-Bericht hervor, den ein unabhängiger Expertenkreis auf Einladung von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse in Berlin vorgestellt hat. Bereits im vergangenen Herbst hatte sich das Bundeskabinett mit dem Bericht auseinandergesetzt.

In dem Bericht, der auf den Seiten des Bundesinnenministeriums seit November abrufbar ist, heißt es, das Internet spiele bei der Verbreitung von Antisemitismus eine besondere Rolle. Rechtsextreme, Holocaust-Leugner und extremistische Islamisten nutzten das Netz mit großer Selbstverständlichkeit als Plattform für ihre Propaganda.

Doch Antisemitismus sei auch jenseits der rechtsextremen und islamistischen Milieus zu beobachten. Es gebe mittlerweile eine "bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitete Gewöhnung an alltägliche judenfeindliche Tiraden und Praktiken".

Diese basierten auf weit verbreiteten Vorurteilen, tief verwurzelten Klischees und auch auf schlichtem Unwissen über Juden und das Judentum. Beispielsweise seien rassistische, rechtsextreme und antisemitische Parolen auch weiterhin auf deutschen Fußballplätzen an der Tagesordnung. Das Problem habe sich in den letzten Jahren eher in die unteren Ligen verschoben.

Der bedeutendste politische Akteur beim Antisemitismus sei nach wie vor das rechtsextremistische Lager. "Gleichzeitig ist der Antisemitismus ein bedeutendes ideologisches Bindeglied in der
Ideologie des keineswegs homogenen Rechtsextremismus", heißt es in dem Bericht. Er habe schon deshalb eine besondere Bedeutung für die Integration der Anhänger des Rechtsextremismus und deren Identität.

Die Experten werteten unterschiedliche Untersuchungen aus, die auf Meinungsumfragen unter der Bevölkerung basieren. Sie ergäben übereinstimmend, dass es bei etwa 20 Prozent einen latenten Antisemitismus gebe, hieß es. Jedoch seien die Meinungsumfragen methodisch mit einer Reihe von Problemen behaftet, schränkten die Experten die Aussagekraft der Ergebnisse ein.

Deutschland im europäischen Mittelfeld

Bei der Verbreitung antisemitischer Einstellungen unter der Bevölkerung nehme Deutschland aber im europaweiten Vergleich einen Mittelplatz ein. "Dabei ist zu betonen, dass Deutschland trotz einer beständigen Auseinandersetzung mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit und trotz einer weitgehenden öffentlichen Tabuisierung des Antisemitismus im Allgemeinen höhere Werte erreicht als die westeuropäischen Länder Italien, Großbritannien, Niederlande und Frankreich", heißt es in dem Bericht. Zum Teil extrem hohe Antisemitismuswerte gebe es in Polen, Ungarn und Portugal.

Expertenkreis 2009 eingesetzt

Nach einem entsprechenden Bundestagsbeschluss hatte die Bundesregierung den Expertenkreis im Jahr 2009 eingesetzt, um verstärkt gegen Antisemitismus vorzugehen. Der Kreis soll regelmäßig Berichte vorlegen.

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