Mitglieder der jüdischen Gemeinde in der Synagoge in Chemnitz (Archivfoto vom 06.09.2015) | Bildquelle: picture alliance / dpa

Warnung von Kirchen und Politik "Antisemitismus wird wieder salonfähig"

Stand: 20.04.2018 18:36 Uhr

Nach einer Reihe von antisemitischen Vorfällen beklagt Justizministerin Barley zunehmende Judenfeindlichkeit in Deutschland. Mit Solidaritätsaktionen wollen Politiker und Verbände dem Einhalt gebieten.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sieht nach dem Angriff auf einen Israeli in Berlin eine neuen Qualität des Antisemitismus in Deutschland. Er hätte sich einen solchen Vorfall vor zehn Jahren nicht vorstellen können, sagte Schuster im Deutschlandfunk. Die rote Linie habe sich verschoben.

Schuster äußerte sich auch besorgt über das Wiederauftauchen von antisemitischen Stereotypen wie einer "jüdischen Weltverschwörung". Er verwies darauf, dass das Problem nicht alleine aufgrund arabischer Migranten bestehe.

Kippa tragen gegen Diskriminierung

Die Jüdische Gemeinde in der Hauptstadt lädt für Mittwoch alle Berliner zu einer Solidaritätsaktion unter dem Motto "Berlin trägt Kippa" vor das Gemeindehaus Fasanenstraße ein. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller wird auf der Veranstaltung der Gemeinde sprechen. Er sei nicht bereit, die Vorfälle hinzunehmen, sagte er der "Welt".

Antisemitismus offener, aggressiver, akzeptierter

Die SPD-Politikerin Katharina Barley. | Bildquelle: dpa
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Justizministerin Barley sieht mangelndes Bewusstsein für die Folgen des Antisemitismus.

Justizministerin Katarina Barley beklagt eine zunehmende Judenfeindlichkeit in Deutschland. Das Bewusstsein, was Antisemitismus in diesem Land angerichtet habe, sei lange sehr stark gewesen. "Aber wir müssen feststellen, dass Antisemitismus wieder salonfähig wird", sagte Barley den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

Nach Ansicht des Berliner Rabbiners Daniel Alter tritt der Antisemitismus zunehmend aggressiver und offener zutage. Das gelte für Judenhass aus unterschiedlichen Kreisen und Ursachen, sagte der frühere Antisemitismusbeauftragte der Berliner Jüdischen Gemeinde dem RBB.

EKD will Zeichen setzen

Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland verurteilte die jüngsten antisemitischen Vorfälle und Übergriffe in Deutschland scharf. Nie wieder dürfe er sich in Deutschland ausbreiten oder gar salonfähig werden. "Wenn Jüdinnen und Juden in Deutschland Gewalt und Beschimpfungen ausgesetzt sind und sich nicht mehr sicher fühlen, können wir das unter keinen Umständen hinnehmen."

Die antisemitische Attacke ereignete sich nach Polizeiangaben an der Straߟenecke Lychener Straße/Raumerstraße im Stadtteil Prenzlauer Berg | Bildquelle: dpa
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Die antisemitische Attacke ereignete sich nach Polizeiangaben an der Straߟenecke Lychener Straße/Raumerstraße im Stadtteil Prenzlauer Berg.

Die Rapper Farid Bang und Kollegah waren vor wenigen Tagen für ein als judenfeindlich kritisiertes Album mit dem Echo-Musikpreis ausgezeichnet worden. Für Empörung sorgte zudem ein judenfeindlicher Angriff auf einen jungen Mann, der eine Kippa trug, im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.

Täter bestreiten antisemitisches Motiv

Gegen den mutmaßlichen Täter wurde inzwischen Haftbefehl erlassen. Laut Polizei handelt es sich um einen 19-jährigen Palästinenser aus Syrien. In einem auf Facebook veröffentlichten Video bestreiten er und ein weiterer Tatverdächtiger antijüdische Motive des Angriffs. "Wir sind nicht feindlich gegenüber Juden. Wir sind keine Antisemiten", erklären sie.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. April 2018 um 08:03 Uhr.

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