Junge Kühe stehen in einen Stall | Bildquelle: dpa

Umweltschützer kritisieren Milchviehhalter Antibiotika im Kuhstall - ein Risiko für Menschen

Stand: 11.01.2016 05:32 Uhr

Vor Kälbergeburten erhalten viele Milchkühe Antibiotika - darunter auch Reserveantibiotika, die für Menschen besonders wichtig sind. Eine Gefahr: Der Einsatz kann zu Resistenzen führen. Beim Menschen wirken die Antibiotika dann nicht mehr.

Von Oda Lambrecht, NDR

Wegen eines zu hohen Antibiotika-Einsatzes standen bislang vor allem Geflügel- und Schweinemäster in der Kritik. Nun geraten auch Milchviehhalter in den Fokus. Die Umweltschutzorganisation Germanwatch fordert, Milchkühe deutlich seltener mit Antibiotika zu behandeln als bisher üblich.

Vor allem der Einsatz sogenannter Reserveantibiotika müsse reduziert und besser kontrolliert werden, so die Landwirtschaftsexpertin von Germanwatch, Reinhild Benning. Der entsprechende Bericht der Organisation liegt dem NDR vorab vor. Wenige Tage vor Beginn der Landwirtschaftsmesse Internationale Grüne Woche soll er heute in Berlin vorgestellt werden.

Trächtige Kühe in der Landesanstalt für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau in Iden (Sachsen-Anhalt) | Bildquelle: picture alliance / ZB
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Nach Schätzungen erhalten etwa 80 Prozent der trächtigen Milchkühe in Deutschland in den Wochen vor der Kälbergeburt Antibiotika.

Die meisten Kühe erhalten Antibiotika

Im Gegensatz zu den Antibiotikamengen in Schweine- und Geflügelmastställen wird der Einsatz in Kuhställen bislang nicht von Behörden erfasst. Doch nach Schätzungen erhalten etwa 80 Prozent der Milchkühe in Deutschland in den Wochen vor der Kälbergeburt Antibiotika. Die Tiere werden in dieser Zeit nicht mehr gemolken. Die Medikamente sollen Euterentzündungen bekämpfen oder vorbeugen.

Germanwatch kritisiert, dass etwa jede zehnte Behandlung mit sogenannten Reserveantibiotika erfolgt. So werden Medikamente bezeichnet, die auch für die Behandlung von Menschen besonders wichtig sind.

Viele Branchenkenner sorgen sich, denn während die an Tierärzte abgegebene Gesamtmenge der Antibiotika zwar zurückgegangen ist, stieg die Zahl der verkauften Reserveantibiotika in den vergangenen Jahren. Damit wächst auch die Gefahr von Resistenzen und damit das Risiko, dass bei lebensbedrohlichen Infektionen für Menschen immer weniger wirksame Antibiotika zur Verfügung stehen.

Agrarexpertin Benning fordert deshalb mehr Anstrengungen, um auch in Milchviehhaltungen den Einsatz von Reserveantibiotika zu senken. Sie weist darauf hin, dass der Einsatz dieser besonders wichtigen Medikamente auch ökonomischen Vorteile haben kann. Denn die eingesetzten Reserveantibiotika werden schneller abgebaut. Die Milch darf also trotz Medikamenteneinsatz früher wieder verkauft werden. Bei anderen Antibiotika sind längere Wartezeiten vorgeschrieben, um Rückstände in der Milch zu verhindern.

Auch das Bundesinstitut für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) betont, dass Reserveantibiotika nur in Ausnahmefällen eingesetzt werden sollten, wenn andere Antibiotika "nachweislich" nicht wirkten. Grundsätzlich sei die Anwendung von allen Antibiotika bei Kühen mit gesunden Eutern nicht gerechtfertigt und in einigen EU-Ländern sogar verboten, so das BVL.

Moderne Ställe könnten Erkrankungen verhindern

Der Fachtierarzt für Milchhygiene und Epidemiologie der Hochschule Hannover, Volker Krömker, sieht durchaus „Einsparpotential“ beim Antibiotikaeinsatz in der Milchviehhaltung. In den Wochen vor der Kälbergeburt sollen nicht immer automatisch alle Kühe mit Antibiotika behandelt werden. Es sollten "geschickt" nur die Kühe ausgewählt werden, bei denen eine Antibiotikatherapie wirklich sinnvoll sei, so Krömker.

Der effektivste Weg sei aber natürlich, Neuerkrankungen von Milchkühen zu verhindern, so der Veterinärmediziner, durch verbesserte Haltungsbedingungen in modernen Ställen. Doch die dafür nötigen Investitionen sind nach Ansicht des Experten durch die niedrigen Milchpreise "wieder weiter in die Ferne" gerückt.

Auch der Deutsche Bauernverband erklärte gegenüber dem NDR, dass Antibiotika in der Tierhaltung grundsätzlich "verantwortungsvoll" eingesetzt werden müssten. Doch der Verband geht davon aus, dass Antibiotika - auch Reserveantibiotika - nur dann eingesetzt würden, wenn es für die Gesundheit der Tiere notwendig ist. Eine geringere Wartezeit bis zum möglichen Milchverkauf ist aus Verbandssicht kein hinreichender Grund.

Datenbank für Antibiotikaeinsatz

Die Organisation Germanwatch sieht die Situation weitaus kritischer und fordert deshalb, dass auch der Antibiotikaeinsatz bei Milchkühen künftig in der Datenbank der Bundesregierung erfasst wird. Außerdem sollten Tierärzte, wenn sie Reserveantibiotika einsetzen, nachweisen müssen, dass es keine anderen Behandlungsmöglichkeiten gibt. Und schließlich fordert Germanwatch die Bundesregierung auf, die "Preise für Antibiotika aktiv und lenkend" zu gestalten.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium erklärt gegenüber dem NDR, dass antibiotische Wirkstoffe bei Tieren "soweit wie möglich reduziert“ werden sollten. Agrarminister Christian Schmidt (CSU) plant, die "Anwendung von Reserveantibiotika restriktiver" zu gestalten. Ein "Eckpunktepapier hierzu“" liege derzeit "beteiligten Kreisen" zur Stellungnahme vor. Nach NDR-Informationen sollen Tierärzte demnach zum Beispiel verpflichtet werden, in bestimmten Fällen ein sogenanntes Antibiogramm zu erstellen, also zu testen gegen welche Antibiotika die Erreger resistent sind.

Außerdem prüft das Ministerium, ob eine neue Regelung für Medikamentenrabatte sinnvoll sei. In Bezug auf die "Preisgestaltung" würden deshalb "Vorbereitungen" für ein fachliches Gutachten getroffen. In der Vergangenheit wurde oft kritisiert, dass Pharmaunternehmen Tierärzten bei der Abgabe großer Mengen Antibiotika Rabatte gewähren und dadurch den Einsatz fördern.

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