Ein Lastwagen ist in den Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast und steht zwischen zerstörten Buden. | Bildquelle: REUTERS

Amris Kommunikation ausgewertet Die Wochen vor dem Berliner Anschlag

Stand: 31.05.2017 18:00 Uhr

Die Ermittler haben die Kommunikationsdaten des Berliner Attentäters ausgewertet. Sie zeigen: Noch wenige Wochen vor dem Anschlag hatte Anis Amri Deutschland verlassen wollen. Zudem wird klarer, welche Rolle der IS bei den Vorbereitungen spielte.

Von Georg Mascolo, NDR/WDR und Georg Heil, WDR

Noch am 5. Oktober schrieb Anis Amri an einen mutmaßlichen IS-Mann in Libyen: "Ich will zu Euch auswandern, sag' mir, was ich tun soll." Der Kontaktmann forderte ihn daraufhin auf, die Unterhaltung über den verschlüsselten Dienst Telegram fortzusetzen - was dort besprochen wurde, ist bis heute unklar. Den konkreten Entschluss zur Tatbegehung scheint Amri demnach aber erst nach dieser Konversation gefasst zu haben. Die Ermittler des Bundeskriminalamts (BKA) gehen davon aus, dass der sogenannte "Islamische Staat" in diesen Chats das aus seiner Sicht große Potenzial von Amri erkannt und ihn entsprechend angeleitet habe.

Georg Mascolo, NDR/WDR, zur Vorbereitung des Anschlags von Amri
Morgenmagazin, 01.06.2017

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"Headhunter" für den IS unterwegs

Das Muster, dass die Terrororganisation aus der Ferne Attentäter steuert, ist eine relativ neue Spielart des Terrorismus. Bei vier der fünf Attentate, die vergangenes Jahr in Deutschland erfolgten und dem IS zugerechnet werden, fand eine solche Steuerung von außen statt. Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, spricht in diesem Zusammenhang von regelrechten "Headhuntern", die im Internet für den IS unterwegs seien.

Mit großem Aufwand hatten hunderte Beamte der BKA-Sonderkommission "City" sowie Ermittler der Bundesanwaltschaft Aufenthaltsorte und Kommunikationsdaten der letzten Monate im Leben des Attentäters Amri rekonstruiert. Auch Kommunikation, die Amri gelöscht hatte, konnte mit Hilfe von US-Behörden teilweise wiederhergestellt werden. Wichtige Erkenntnisse hatte auch die Auswertung des am Tatort gefundenen Handys der Marke HTC geliefert. Da Amri die Google-Ortungsfunktion des Gerätes nicht deaktiviert hatte, konnten die Ermittler so ein detailliertes Bewegungsprofil Amris erstellen.

Polizei prüft alle Amri-Akten

Der Berliner Polizeipräsident Klaus Kandt hat nach RBB-Informationen in einer E-Mail an alle Bediensteten der Berliner Polizei eine Überprüfung des Falls Anis Amri angekündigt. Mit Hilfe der "Taskforce Lupe" müssten "Verdachtsmomente" gegen Beamte "rückhaltlos aufgeklärt werden", schreibt Kandt in der E-Mail. Sämtliche Daten sollen demnach auf Vollständigkeit untersucht werden.

Es solle auch eine nachträgliche Überprüfung aller Protokolle aus Abhörmaßnahmen gegen Amri geben. Kandt hob demnach aber zugleich hervor: "Eine Pauschalverurteilung der Polizei ist gänzlich fehl am Platze."

Derzeit überprüft ein vom Berliner Senat beauftragter Sonderermittler den Umgang der Behörden mit dem Fall Amri. Dabei wurden widersprüchliche Aktenvermerke entdeckt.

Amri offenbar wankelmütig

Die Erkenntnisse, die die Ermittler zusammengetragen haben, lassen Amri als eine entwurzelte und wankelmütige Person erscheinen. Zwar hatte er seit Ende 2015 immer wieder davon gesprochen, einen Anschlag in Deutschland zu begehen, jedoch blieb es nur bei diesen vagen Ankündigungen. Auch vor seinem Ausreisewunsch im Oktober hatte Amri bereits versucht, Deutschland zu verlassen. Nach Aussage eines Freundes hasste er sein Leben hier. Ende Juli wurde er dann bei der versuchten Ausreise mit falschen Papieren an der Grenze zur Schweiz kurzzeitig festgenommen.

Am 31. Oktober und am 1. November war Amri ausweislich der Ortungsdaten seines Handys an der Kieler Brücke in Berlin, wo er sein später veröffentlichtes Bekennervideo drehte, in dem er den Treueeid auf den selbsternannten Kalifen des IS, Abu Bakr Al Baghdadi, ablegte. Am 10. November schickte ihm sein IS-Kontaktmann ein 143-seitiges pdf-Dokument, in dem unter anderem dargelegt wird, warum es gerechtfertigt sei, bei Anschlägen auch Frauen und Kinder zu töten.

Erst Porno-, dann IS-Seiten im Netz

Am 22. November ging Amri letztmalig seinem obsessiven Pornokonsum im Internet nach, später wird er fast nur noch Seiten aufsuchen, die zur Terrororganisation "Islamischer Staat" führen. An diesem 22. November besuchte Amri auch den Berliner Breitscheidplatz, an dem einen Tag zuvor der jährliche Weihnachtsmarkt eröffnet worden war.

Insgesamt sieben Mal soll er den späteren Anschlagsort ausgekundschaftet haben, eine Woche vor der Tat drehte er hier auch ein wackliges Handyvideo. Von nun an war Amri auch oft am Friedrich-Krause-Ufer unterwegs, wo er später den Lkw für den Anschlag klaute. Amri schickte vor der Tat auch Geld, das er offenbar nicht mehr brauchte, an seine Verwandtschaft: 4000 Euro erhielten die Eltern, 500 Euro ein Neffe.

Kontakt zu IS-Mann bis zuletzt

Am 19. Dezember verließ Amri dann gegen Mittag seine Wohnung. Eine Woche später hätte er hier ausziehen müssen, weil der Vermieter ihn für einen Extremisten hielt und ihm gekündigt hatte. Gegen 16 Uhr, so die Rekonstruktion, bestellte er sich Essen in einem Imbiss, anschließend besuchte er die inzwischen geschlossene "Fussilet"-Moschee.

Als er die Moschee um 19:08 Uhr wieder verließ, wurde er von einer Überwachungskamera der Polizei gefilmt. Zu Fuß begab sich Amri dann zum nahegelegenen Friedrich-Krause-Ufer, unterwegs schrieb er seinem IS-Instrukteur: "Bleib in Kontakt mit mir." Der antwortet: "Inshallah" (So Gott will). Kurz darauf ermordete Amri dann den polnischen Lkw-Fahrer Lukas Urban mit einem Kopfschuss und bemächtigte sich des Lkw. Erneut schrieb er seinem IS-Kontaktmann: "Bruder, alles ist in Ordnung. Gepriesen sei Gott. Ich bin jetzt in der Karre, verstehst Du. Bete für mich, Bruder." Sein Chatpartner antwortete: "Gott sei Dank."

Dann gab Amri ins Navigationsprogramm seines Handys "Hardenbergstraße" ein - sorgfältig hatte er sich den Straßennamen zuvor auf einem Zettel notiert. Wenig später raste Amri mit dem Lkw in die Menge auf dem Weihnachtsmarkt, in der Folge starben elf Menschen, 55 weitere wurden verletzt.

 

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 31. Mai 2017 um 19:03 Uhr

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