Die mailändische Polizei sperrt den Tatort ab. | Bildquelle: dpa

Getöteter Attentäter Amri Was passierte zwischen Berlin und Mailand?

Stand: 24.12.2016 13:35 Uhr

80 Stunden vergingen zwischen dem Anschlag von Berlin und dem Tod des mutmaßlichen Attentäters in einem Vorort von Mailand. Was passierte in dieser Zeit? Wer hat Anis Amri womöglich bei der Flucht geholfen? Auf die Ermittler wartet viel Arbeit.

Am Montagabend gegen 20 Uhr fährt ein Lkw zielgerichtet und mit hoher Geschwindigkeit in einen Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Breitscheidplatz. Zwölf Menschen sterben - der mutmaßlich Attentäter, der Tunesier Anis Amri, entkommt.

Rund 80 Stunden später, am Freitagfrüh gegen 3.30 Uhr, zückt ein Mann bei einer Polizeikontrolle in einem Vorort von Mailand eine Waffe. Er schießt, verletzt einen Beamten schwer - und wird dann von den Polizisten erschossen. Wie der Abgleich von Fingerabdrücken zeigt, handelt es sich bei dem Toten um den mutmaßlichen Lastwagen-Attentäter vom Montagabend.

Wie kam Anis Amri von Berlin nach Mailand? Was hat er in den 80 Stunden gemacht, wer hat ihm womöglich bei seiner Flucht geholfen? Das sind nur einige der Fragen, die nach dem Tod des mutmaßlichen Terroristen offen sind.

Passanten in Sesto San Giovanni | Bildquelle: dpa
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Passanten vor dem Provinzbahnhof von Sesto San Giovanni. Auf diesem Platz wurde Amri nach rund 80-stündiger Flucht erschossen.

Warum die Polizei so spät auf Amri kam

Fest steht, dass sich die Ermittler erst viele Stunden nach dem Anschlag überhaupt auf die Spur Amris begeben. Als tatverdächtig gilt zunächst ein junger Pakistaner, weil der sich in den Minuten nach dem Anschlag offenbar auffällig schnell durch die Berliner Innenstadt bewegt. Inzwischen hat der Mann gegenüber der "Welt am Sonntag" seine Sicht der Dinge geschildert: Er habe seine U-Bahn erwischen wollen. Dabei sei er gerannt, als er eine Straße gequert habe. Daraufhin hätten ihn die Polizisten angehalten.

Auf Anis Amri kommen die Ermittler erst am Dienstag, weil sie in dem Lastwagen Ausweispapiere mit dessen Namen finden. Warum die Polizei die Papiere nicht viel früher entdeckt hat, begründet Polizeipräsident Klaus Kandt damit, dass "kriminaltechnische Standards" hätten eingehalten werden müssen. Demnach sollten keine Geruchspuren verwischt werden, bevor nicht Spürhunde in der Fahrerkabine den Geruch des Attentäters aufgenommen hatten. Nach Informationen des "Spiegel" wurde in dem Lkw inzwischen übrigens auch das Handy Amris gefunden. Die Auswertung dauert an.

Die Fahndung nach Amri wird offenbar erst in der Nacht zu Mittwoch ausgelöst. Wo sich Amri zu diesem Zeitpunkt aufhält, ist unklar. Am Donnerstagabend veröffentlicht der Fernsehsender RBB Bilder einer Überwachungskamera, die Amri am späten Montagabend - also nach der Tat - vor dem Moscheeverein "Fussilet 33" im Berliner Stadtteil Moabit zeigen soll. Die Polizei demetierte inzwischen, dass es sich bei dem Mann um Amri handelte. Wie lange er sich nach dem Anschlag also noch in Berlin aufhält, ist damit unklar.

Bundeskriminalamt (BKA) veröffentlicht Fahndungsfotos  des mutmaßlich tunesischen Verdächtigen Anis Amri © Bundeskriminalamt/dpa
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Mit diesen Fahndungsfotos suche das Bundeskriminalamt nach dem mittlerweile toten Anis Amri.


Über Frankreich nach Italien

Nach Angaben der Mailänder Polizei reist Amri am späten Donnerstag offenbar mit dem Zug aus dem französischen Chambéry zunächst nach Turin und dann weiter nach Mailand. Gegen 1.00 Uhr am Freitagfrüh sei er am dortigen Hauptbahnhof angekommen - und habe sich von dort in den Vorort Sesto San Giovanni begeben, wo er schließlich in die Kontrolle der Polizei gerät. Wie er von Mailand nach Sesto San Giovanni kam, weiß man nicht.

Die Beamten hätten keine Hinweise gehabt, dass es sich bei dem Mann um den mutmaßlichen Attentäter von Berlin gehandelt habe, so der Mailänder Antiterrorchef Alberto Nobili. Amri habe sich lediglich auffällig verhalten und sei deshalb angehalten worden. Tatsächlich dauert es bis zum späten Freitagvormittag, bis die Meldung vom Tod Amris verbreitet wird.

Was wollte Anis Amri in Mailand? Warum zog es ihn ausgerechnet nach Italien - also in jenes Land, in dem er 2011 nach seiner Flucht über das Mittelmeer gestrandet war und in dem er vier Jahre im Gefängnis gesessen haben soll? Ermittler halten es für denkbar, dass Amri aus der alten Zeit noch Kontakte in Italien hatte. Eine Theorie lautet, er habe sich möglicherweise aus Europa absetzen wollen - zum Beispiel nach Marokko. Ein Indiz: In der Nähe des Platzes, auf dem er erschossen wurde, fahren viele Fernbusse ab, auch Richtung Nordafrika. Konkrete Hinweise darauf, was Amri wirklich in Sesto San Giovanni suchte, gibt es bislang allerdings nicht.

Und ungewiss ist auch noch, wie er überhaupt von Berlin ins französische Chambéry kam. Die "Bild" berichtete, am 20. Dezember - also einen Tag nach dem Attentat - solle aus einem Internet-Café in Emmerich (NRW) auf den Email-Account und das Facebook-Profil Amris zugegriffen worden sein. Eine Bestätigung dafür gibt es jedoch nicht.

Am Samstag schrieb die französische Wochenzeitung "Journal de Dimanche", Amri sei über Lyon nach Chambèry gereist - und habe dort auch schon sein Zugticket für Italien gekauft.

Auf die Ermittler wartet über die Weihnachtstage viel Arbeit.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 24. Dezember 2016 um 12:00 Uhr.

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