Interview

Kriminalpsychologe über Amokläufer an Schulen "Die Waffe wird Teil der Identität"

Stand: 11.03.2009 18:01 Uhr

Erfurt im Jahr 2002, Emsdetten 2006 und nun Winnenden: Immer wieder ereignen sich Amokläufe an Schulen. Warum dort? Was macht Schüler zu Mördern? tagesschau.de hat darüber mit dem Kriminalpsychologen Adolf Gallwitz gesprochen.

tagesschau.de: Immer wieder ereignen sich Amokläufe an Schulen. Warum dort?

Adolf Gallwitz
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Der Kriminalpsychologe und Professor an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen, Adolf Gallwitz

Adolf Gallwitz: Ich glaube, Schule wird immer ein Problem bleiben, weil Schule ein Ort der Enttäuschungen, der Hoffnungen, der Freundschaften, der Feindschaften, der guten und der schlechten Leistungen ist. Und weil wir zunehmend auch psychische Auffälligkeiten bei den Schülern feststellen. Gleichzeitig haben die Lehrer wenig Zeit und wenig zusätzliche Ausbildung, um auf diese Gruppe der auffälligen Schüler zu reagieren. Ihre Sanktionsmöglichkeiten sind ebenfalls begrenzt: Vielen Schülern machen schlechte Noten oder irgendwelche Schul-Disziplinarmaßnahmen nichts aus. Das liegt auch daran, dass der Konsens zu Hause fehlt. Es gibt immer mehr Eltern, die gegen die Schule arbeiten, die sagen: Der Lehrer hat dir überhaupt nichts zu sagen. Früher hätte man mit dem Lehrer an einem Strang gezogen

Hinzu kommt die besondere Phase an den Schulen im Moment: Für die Abgänger stehen die Prüfungen an, Abitur und mittlere Reife. Das könnte ein zusätzlicher Auslöser sein. In diesem speziellen Fall in Winnenden könnte aber auch die Berichterstattung über den Amoklauf in Alabama eine Rolle gespielt haben. Das könnte der Auslöser gewesen sein, warum der Täter gerade heute Amok lief. Es sei denn, wir finden irgendwann mal heraus, dass es eine ganz andere Planung gegeben hat. 

Zur Person

Adolf Gallwitz (Jahrgang 1951) hat Erziehungswissenschaften, Psychologie und Medizin studiert. Seit 1992 arbeitet er als Professor für Psychologie und Soziologie an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen. Jugendgewalt gehört zu seinem Spezialgebiet.

Verletzte Persönlichkeiten

tagesschau.de: Wer sind diese so genannten Schulhof-Täter?

Gallwitz: Es gibt zwei Gruppen. Auf der einen Seite die auffälligen und aggressiven Schüler, die Schulstörer.  Und auf der anderen Seite die Unauffälligen, die praktisch unsichtbar in der Klasse sind, die sich isolieren und zurückziehen. Es eint die Täter, dass sie sich verletzt fühlen. Und dass sie sehr verletztlich und kränkbar sind, dazu unfähig, mit Verletzung und Kränkungen umzugehen.

Es gibt aber kein einheitliche Täterprofil. Es ist immer eine Kombination aus der Situation in der Familie, der Persönlichkeitssituation, der Situation an der Schule, der Leistung. Hinzu kommt immer ein besonderer Bezug und Zugang zu Waffen. Für den Amokläufer wird die Waffe Teil der Identität, die ihn stark macht und irgendwann mal als Rächer aufstehen lässt. Und dann ein Auslöser.

tagesschau.de: Bei den Amokläufen an Schulen scheint es sich aber eher nicht um Kurzschlussreaktionen zu handeln.

Eine Polizistin steht vor der Albertville Realschule
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Nach dem Amoklauf: Eine Polizistin steht vor der Albertville Realschule in Winnenden bei Stuttgart.

Gallwitz: Nein, meist sind es geplante Taten. Nicht unbedingt so exakt auf Tag und Uhrzeit wie das Schulmassaker von Columbine (in Littleton im US-Bundesstaat Colorado im Jahr 1999). Aber im Prinzip waren alle geplant und fast alle vorher angekündigt. Man hätte, wenn man genau hingehört hätte, oder wenn man die SMS oder E-Mail gelesen hätte, vielleicht ahnen können, dass da etwas ansteht.

Was sich seit Erfurt getan hat

tagesschau.de: Schon nach dem Schulmassaker in Erfurt vor sieben Jahren wurde auch in Deutschland ausgiebig darüber diskutiert, wie solche Taten zu verhindern wären.

Gallwitz: In der Nachbereitung des Amoklaufs von Erfurt hat man ja genügend Anzeichen festgestellt, wo das Schulsystem, die Schule, der Klassenverband hätte reagieren können. Das ist keine Schuldzuweisung. Aber da gibt es Anhaltspunkte.

tagesschau.de: Hat sich denn seit Erfurt nichts getan?

Gallwitz: Doch. Es gibt sehr viele Initiativen aus den Kultusministerium, wie die Schulen sich vorbereiten können. Die Schüler werden darin angeleitet, dass es nichts mit Petzen zu tun hat, wenn man Informationen hat, dass jemand ein Waffenarsenal sammelt. Oder dass ein Mitschüler sich mal geäußert hat, er lässt die ganze Schule in die Luft fliegen. Sondern dass es was mit Kameradschaft zu tun hat und mit Hilfe, solche Dinge weiterzugeben. Und wir haben sehr viel Weiterbildung bei der Polizei geleistet. Aber die Polizei kann keine Amokläufe verhindern. Denn sie ist ja nicht an den Schulen täglich präsent. Die Polizei bereitet sich darauf vor, Amokfälle in den Griff zu bekommen. Aber die Schulen müssen etwas dafür tun, dass sie gar nicht erst entstehen - oder noch seltener entstehen. 

tagesschau.de: Muss man sich eingestehen, dass solche Taten nicht zu verhindern sind?

Gallwitz: In ihrer letzten Konsequenz wird man nie mit hundertprozentiger Sicherheit so eine Tat verhindern können.

Das Interview führte Claudia Witte, tagesschau.de.

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