Mitarbeiter der Spurensicherung untersuchen nach einer Messerattacke mit einem Toten den Tatort in dem Supermarkt im Hamburger Stadtteil Barmbek. | Bildquelle: dpa

Hamburger Attentäter Ahmad A. Flucht vor der Hamas?

Stand: 03.08.2017 17:16 Uhr

Behördenunterlagen legen nahe, dass der mutmaßliche Messerattentäter von Hamburg bis kurz vor seiner Tat wohl nicht radikalisiert war. Nach Recherchen von report München könnte die Bedrohung durch die islamistische Hamas sogar ein Fluchtgrund für ihn gewesen sein.

Von Stefan Meining und Selina Bettendorf, BR

Bislang unbekannte, interne Behördenvermerke vom Juli und August 2015 liefern neue Erkenntnisse zur Person des Hamburger Messerattentäters Ahmad A. Recherchen von report München zu Aussagen des Asylbewerbers gegenüber den Behörden legen nahe, dass er bis vor der Tat wohl keine islamistische Gesinnung hatte.

A. will Anhänger der gemäßigten Fatah gewesen sein

So behauptete der 1991 geborene Palästinenser noch im Juli 2015, er habe in seinem damaligen Wohnort im Gazastreifen 2007 nach der Machtübernahme der radikalislamistischen Hamas mehrere "Vorladungen" der Terrororganisation erhalten. Im Anschluss habe er Angst gehabt und sei geflohen.

Er selbst habe mit der Fatah-Bewegung sympathisiert, wird A. in den Akten zitiert. Die Organisation ist ein anerkannter Gesprächs- und Verhandlungspartner des Westens. Ahmad A. habe laut seinen eigenen Aussagen während seiner Schulzeit im Gazastreifen Veranstaltungen einer Jugendunion besucht, die zur Fatah gehört. Ein Freund von ihm habe sogar bei der Sicherheitsabteilung der Fatah gearbeitet und sei von der Hamas im Frühjahr 2007 angeschossen worden.

Blick von einem Haus in Gaza über die Stadt.
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Im Gazastreifen wurde A. nach seinen eigenen Angaben von der herrschenden Hamas bedroht.

Auch sein Bruder soll zwei Vorladungen der Hamas erhalten haben und sei anschließend nach Schweden geflohen, wo er Asyl erhalten haben soll, gab A. gegenüber den Behörden an. Allem Anschein nach war seine Familie nicht arm: Sie habe lange in Saudi-Arabien gelebt, wo er seinen eigenen Angaben zufolge auch zur Welt gekommen sei. Das würde bisherigen Erkenntnissen widersprechen, laut denen A. in den Vereinigen Arabischen Emiraten geboren wurde.

Die Familie habe anschließend im Gazastreifen in einem eigenen Haus gewohnt, das aber im Krieg der Hamas gegen Israel 2014 beschädigt wurde. Ahmad A. sagte gegenüber den deutschen Behörden, dass er seiner Familie helfen und sie herausholen wollte.

Odyssee durch Nordafrika und Europa

Laut den Behördenvermerken verließ A. bereits nach seinem Abitur 2008 den Gazastreifen und reiste mit Hilfe eines Schleppers nach Ägypten. Anschließend sei er in die Türkei geflogen. Von dort sei er über Griechenland nach Norwegen gereist. Dort habe er 2009 einen Asylantrag gestellt, der aber rund ein halbes Jahr später abgelehnt worden sei. Sein Widerspruch sei erfolglos geblieben.

2013 stellte er in Schweden einen erneuten Asylantrag. Doch Schweden schob Ahmad A. fristgerecht unter Bezug auf das Dublin-Verfahrens nach Norwegen ab. Wieder verließ Ahmad A. laut eigenen Aussagen das skandinavische Land. Im Oktober 2013 reiste er laut eigenem Bekunden nach Spanien weiter, um auch dort einen Asylantrag zu stellen.

Etwa acht Monate später, im Juni 2014, sollen die Spanier ihm seine Dokumente abgenommen und ihn angewiesen haben, nach Norwegen zurückzukehren. Daraufhin habe Ahmad A. im August 2014 einen erneuten Antrag in Norwegen gestellt. Den Dokumenten zufolge lehnten die norwegischen Behörden den Antrag wieder ab. Ahmad A. stellte anschließend im Mai 2015 in Deutschland einen Asylantrag.

Frist für Rückführung verpasst

Logo des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge auf einem Schild | Bildquelle: picture alliance / Geisler-Fotop
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Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge verpasste die Frist für die Rückführung.

Eine Rückführung von Ahmad A. nach Norwegen, wo er seinen ersten Asylantrag stellte, wurde von der zuständigen Behörde in Oslo am 15. Juli 2015 zurückgewiesen. Der Grund: Die zuständige Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) hatte den Antrag auf Rückführung einen Tag nach dem Ablauf der in dem Dublin-Verfahren vorgesehenen zweimonatigen Frist gestellt. Mit dieser Fristverletzung ging auch die Verantwortung für die Durchführung des Asylverfahrens von Ahmad A. an das BAMF über.

Wenige Wochen später wurde Ahmad A. deshalb am 29. Juli 2015 von der Hamburger Außenstelle des BAMF persönlich angehört. Zu diesem Zeitpunkt war Ahmad A. allem Anschein nach mehr als unzufrieden mit seiner Situation. Er sei nun seit sechs Jahren unterwegs und komme nicht zur Ruhe. Er wolle sich endlich niederlassen und den Plänen für sein Leben folgen.

Doch auch sein Asylantrag in Deutschland wurde am 23. November 2016 als unzulässig abgelehnt. Danach hätte Ahmad A. eigentlich abgeschoben werden können. Doch auch die Abschiebung scheiterte; nicht zuletzt, weil die notwendigen Unterlagen nicht vorlagen.

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