Jaber Albakr  | Bildquelle: www.medienservice.sachsen.de

Offenbar Kontakte zum IS Al-Bakrs entlarvende Chats

Stand: 30.11.2016 18:03 Uhr

Im Oktober erhängte sich der Terrorverdächtige Al-Bakr in der Haft, den Ermittlern gibt er weiter Rätsel auf. Facebook-Chats, die NDR, MDR und SZ auswerten konnten, deuten darauf hin, dass er Kontakte nach Rakka, die "Hauptstadt" des IS, hatte.

Von Arndt Ginzel und Sebastian Pittelkow

Es ist der 7. Oktober, morgens 8:45 Uhr, als Jaber Al-Bakr von seiner Chemnitzer Wohnung seine letzte Bestellung aufgibt - ein Rollkoffer der Marke "Hauptstadtkoffer Alex", in gelb. 22 Mal hat er zuvor im Internet Bestellungen aufgegeben - vorzugsweise bei Amazon und bei Online-Shops von Baumärkten - darunter Harnstoffmineraldünger, Wasserstoffperoxid, Glastrichter und Rührstäbe. Alles Zutaten, die der 22-jährige Syrer benötigte, um einen Massenmord mitten in Deutschland zu begehen. Bezahlt hat er fast immer mit einer Kreditkarte - einer Mastercard Gold ausgestellt nicht auf ihn, sondern auf einen gewissen Shadi A. 

Neue Informationen zum Terrorverdächtigen Al-Bakr
tagesthemen 22:45 Uhr , 30.11.2016, Arndt Ginzel, Sebastian Pittelkow, MDR

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Die meiste Zeit sei er im Internet gewesen, werden später Landsleute sagen. In der Chemnitzer Plattenbauwohnung recherchiert er im Netz auch nach Spritzen für die Dosierung flüssiger Sprengstoffkomponenten, er sucht in arabischsprachigen Foren, wie man mithilfe von Puderwaschmittel und Braunzucker Explosionen erzeugen kann. Schließlich, am Abend des 4. Oktober, lädt sich Al-Bakr eine 32-seitige Anleitung zum Bau eines Sprengsatzes herunter.

Sie ist an Dschihadisten und Terroristen gerichtet. Schon im Vorwort empfiehlt der Autor, ein syrischer Professor, schnell zur Umsetzung zu kommen. All das wird das Bundesamt für Verfassungsschutz kurz darauf rekonstruieren, als den "Fall Brendow" zusammenfassen und für einen Zugriff der Polizei zur Verfügung stellen.

Außenaufnahme der JVA Leipzig | Bildquelle: dpa
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Al-Bakr erhängte sich in der JVA Leipzig.

Täuschung und Tarnung

Als Al-Bakr vor anderthalb Jahren in die Bundesrepublik einreist, ist er ein unbeschriebenes Blatt. Am 18. Februar 2015 stellt er einen Asylantrag. Mitte Juni 2015 wird dieser für drei Jahre genehmigt, aus politischen und humanitären Gründen. Al-Bakr lebt zunächst im westsächsischen Eilenburg bei Leipzig. Nach einem kurzen Aufenthalt im Ausland - seinen Freunden sagt er, er sei in der Türkei gewesen - kehrte er für einige Tage nach Eilenburg zurück, um anschließend erneut auszureisen, diesmal für Monate. Er habe in Istanbul gearbeitet.

Nach seiner Verhaftung am 10. Oktober wird Al-Bakr diese Geschichte so ähnlich in seiner Vernehmung durch die Polizei zu Protokoll geben. Das belegen Recherchen von NDR, MDR und "Süddeutscher Zeitung".

Darin erklärt er: "Ich habe meiner Familie mit dem Geld geholfen." Einige aus seinem Umfeld allerdings erinnern sich auch, Al-Bakr habe erwähnt, im syrischen Idlib gewesen zu sein. In seiner Vernehmung gibt er an, erst im August nach Deutschland zurückgekehrt zu sein.

Kontakte zum "Islamischen Staat"?

Al-Bakr legte sich falsche Identitäten zu, nutzte Telefonnummern und Adressen von Bekannten, im Netz kommunizierte er unter Decknamen. Trotz aller Konspiration hat er verdächtige Spuren im Internet hinterlassen, auf die amerikanische Sicherheitsbehörden stießen, wie es in einer E-Mail vom Bundeskriminalamt an Landeskriminalämter heißt. Darunter sind Chatprotokolle, die von August bis Oktober 2016 reichen.

Ermittlungen ergeben später, dass Al-Bakr unter verschiedenen Tarnnamen wie "Achmad Achmad" Kontakte zu mehreren Personen pflegte, die aus Rakka, der Hauptstadt des sogenannten Islamischen Staates stammen sollen. Am 13. August chattete er mit einem Nutzer, der sich "Der Unbekannte al-Raqqawi" nennt.

Im Verlauf des Gesprächs erklärte dieser, er halte sich in der Nähe der syrischen Stadt Rakka auf. Fragmente des Chatverlaufs zeigen auch, dass Al-Bakr nach einer Mastercard fragte. Mit einer solchen Kreditkarte wird Al-Bakr später die Bombenzutaten bestellen. In den Chats kommunizieren sie in Andeutungen. Am 6. September, also rund einen Monat vor dem mutmaßlichen Anschlag, schreibt er einem weiteren Freund: "Ich will nur das, an das wir beide denken."

IS-Kämpfer fahren mit Panzer durch Rakka
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IS-Kämpfer in Rakka (Juni 2014): Der Terrorverdächtige Al-Bakr hatte offenbar Kontakte zu IS-Mitgliedern.

"Ich bin es, Jaber"

Als ihn einer der Chatpartner nicht sofort erkennt, unterläuft Al-Bakr ein entscheidender Fehler, er nennt seinen Klarnamen: "Ich bin es, Jaber." Für die amerikanischen Sicherheitsdienste soll das der entscheidende Hinweis auf den Flüchtling in Deutschland gewesen sein. Einen Tag bevor Al-Bakr schließlich in Chemnitz festgenommen werden soll, meldet er sich noch einmal telefonisch in Syrien: Er sei "jetzt so weit".

Ob Al-Bakr vom IS befehligt wurde, lässt sich anhand der Chat-Protokolle nicht rekonstruieren. Inzwischen vermuten Ermittler eine "lose Steuerung". Dafür spricht auch, dass er sich erst in Deutschland Bombenbauanleitungen im Internet besorgt hat, um seinen tödlichen Plan umsetzen zu können.

Der Fall Al-Bakr weist Parallelen zu den Attentaten von Ansbach und Würzburg auf. Auch dort gab es im Vorfeld enge Chatkontakte zu Anhängern der Terrororganisation. Bislang konnten die Ermittlungsbehörden offenbar keine konkreten Hinweise auf ein deutsches Unterstützernetzwerk entdecken. Jedoch: Untersucht würden derzeit Geldflüsse aus der Türkei zu Al-Bakr. Von dort flossen Anfang September 2250 Euro an den mutmaßlichen Terroristen. 

Mutmaßlicher Komplize wieder auf freiem Fuß

Die ursprünglich als Mittäter identifizierten Syrer aus Chemnitz gelten inzwischen als entlastet. Seit einer Woche ist Khalil A. wieder zu Hause bei seinem Bruder Ahmad. Khalil hatte Al-Bakr Unterschlupf gewährt und Geld zukommen lassen. Schon das wirkte auf die Ermittler hochverdächtig. Jetzt wurde der Haftbefehl gegen ihn aufgehoben.

Mitte September war Al-Bakr in die Wohnung von Khalil A. gezogen. Die beiden hatten sich am 6. September auf dem Leipziger Bahnhof kennengelernt. Rückblickend erinnert sich Khalil an die erste Begegnung: "Seine Klamotten waren schmutzig, sein Hals war auch dreckig, als ob er nicht geduscht hätte. Für mich war das glaubwürdig, denn er hat gesagt, dass er seit sechs Tagen am Bahnhof übernachtet. Dann hat er mich um Hilfe gebeten."

Undurchsichtiges Geldwechselsystem

Am Leipziger Bahnhof hatte Khalil A. als Geldkurier des sogenannten Hawala-Systems 2250 Euro an Al-Bakr übergeben. Das aus dem Mittelalter stammende Geldwechselgeschäft ist gängig unter Flüchtlingen und ersetzt das in Syrien zerstörte Bankensystem. Beträge lassen sich anonym über den ganzen Globus transferieren.

Auf diese Weise sollte der Betrag aus der Türkei über einen Vermittler in Düsseldorf an Al-Bakr ausgezahlt werden. In der Regel wissen die Kuriere nicht, woher das Geld stammt und welchem Zweck es dient. So soll es auch bei Khalil A. gewesen sein. Davon ist sein Anwalt Peter Hollstein überzeugt. Sein Mandant hätte für alles eine vernünftige Erklärung vorbringen können. Auch für seine Tätigkeit im Hawala-System. "Er hat sofort die Sachen aufgedeckt und so versucht, den Ermittlern zu helfen."

Wer Al-Bakr das Geld aus der Türkei schickte und wofür er es brauchte, muss nun ohne den mutmaßlichen Attentäter aufgeklärt werden. Am 12. Oktober, also zwei Tage nach seiner Verhaftung, nahm sich Jaber Al-Bakr in der Justizvollzugsanstalt Leipzig das Leben. Über seinen Radikalisierungsverlauf gibt es nur vage Hinweise.

Spricht man mit ehemaligen Weggefährten Al-Bakrs aus Eilenburg, so erinnern sie sich, dass er das Gefühl gehabt habe, in Deutschland nicht angekommen zu sein. Kurz bevor Al-Bakr in die Türkei reiste, brach er seinen Sprachkurs ab. Ermittler entdeckten im Briefkasten seiner Meldeadresse in Eilenburg zahlreiche Vollstreckungstitel. Offenbar hatte Al-Bakr Schulden. Hat sich der junge Syrer erst in Deutschland radikalisiert, hätte er sich innerhalb eines Jahres vom Flüchtling zum Terroristen entwickelt, der zum Massenmord bereit war.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 30. November 2016 um 22:45 Uhr.

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