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10.02.2012

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Inland
Bundeswehrsoldaten in Afghanistan
Traumatisierte Soldaten nach dem Auslandseinsatz
Traumatisierte Bundeswehrsoldaten

"Diese Bilder wird man nicht los"

Beinahe täglich unter Beschuss, getötete Kameraden - die Sicherheitslage der Soldaten in Afghanistan verschärft sich. Die Folge: Die Zahl derer, die traumatisiert werden, steigt massiv, ohne dass die Bundeswehr für ausreichende Versorgung der Betroffenen sorgt.

Von Christoph Grabenheinrich, SR, ARD-Hauptstadtstudio

Es sind die Bilder, die sie einfach nicht loslassen. Gerüche oder Geräusche können sie auslösen, der sogenannte Flashback ist ein Symptom der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), unter der auch immer mehr Soldaten nach Auslandseinsätzen leiden: "Ich habe schwerverletzte Kinder gesehen, ermordete Zivilisten. Ich habe Kameraden verloren. Diese Bilder wird man nicht los: Sie kommen nachts in den Träumen - immer wieder", sagt ein Soldat, der anonym bleiben möchte.

Steigende Zahlen, hohe Dunkelziffer

PTBS-Betreuung für Soldaten Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Depressionen, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Angstzustände, Suchtprobleme - die Kriegserlebnisse hinterlassen bei vielen Soldaten Spuren. ]
Einige können kein gebratenes Fleisch mehr riechen, weil es sie an verbrannte Menschen erinnert. Andere plagen Schuldgefühle, weil sie einen Anschlag überlebt haben. Seit Jahren wächst die Zahl derer dramatisch, die traumatisiert heimkehren. Genaue Daten nennt die Bundeswehr nicht, allein im ersten Halbjahr 2009 waren es aber knapp 200 Soldaten plus eine immens hohe Dunkelziffer.

Viele erkennen ihr Trauma überhaupt erst in Deutschland, im Einsatz bleibt kaum Zeit zur Verarbeitung. Das wissen auch zwei Fallschirmjäger, die dabei waren, als einer ihrer Kameraden in die Luft gesprengt wurde: "Ich kann hier nicht damit abschließen. Auf Todesfälle kann man sich nicht einstellen", sagt der eine. "Ich denke, wir haben das alle noch nicht verarbeitet, wir haben es verdrängt", so sein Kamerad.

Ein Psychiater für 4500 Mann

In Afghanistan ist exakt ein Psychiater im Einsatz - für 4500 Soldaten. Im vergangenen Sommer war das der Reservist Oberstarzt Lanczik. Er warnt vor einem absehbar drohenden Zusammenbruch der Versorgung vor Ort: "Fast täglich Kampfhandlungen, Gefechte, fast täglich Beschuss, sieben Tage die Woche, Tag und Nacht. Die seelischen und körperlichen Belastung haben derartig zugenommen, dass die Häufigkeit seelischer Erkrankung auf jeden Fall zunehmen wird", so Lanczik.

Der Wehrbeauftragte des Bundestages Reinhold Robbe (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: PTBS - ein großes Problem für die Bundeswehr, weiß auch der Wehrbeauftragte des Bundestages, Reinhold Robbe (SPD). ]
Zurück in Deutschland stoßen viele Soldaten auf Unverständnis. Familie und Freunde können oder wollen deren Kriegserlebnisse und Gewalterfahrungen oft nicht nachvollziehen. Dabei können die Folgen immens sein, die Symptome von PTBS sind vielfältig: Depressionen, Reizbarkeit, Schlafstörungen, Angstzustände, Suchtprobleme, Rückzug von der Umgebung. In den psychiatrischen Abteilungen der Bundeswehr herrscht weiter Notstand. Die Versorgung wird immer schlechter, von 38 Psychiaterstellen ist ein Dutzend nicht besetzt.

Der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD) schlägt Alarm: "Die Sanitätsführung hat offensichtlich über Jahre hinweg die wirklich brisante Situation nicht erfasst oder nicht erfassen wollen. Tatsache ist, dass wir es heute mit Defiziten zu tun haben, die ganz schnell behoben werden müssen", fordert Robbe.

"Problem von Weicheiern"

Aber nicht nur die Bundeswehr lässt die Soldaten mit ihrer seelischen Not alleine. Gesellschaftlich, politisch und in der Truppe ist das Trauma ein Tabuthema. Soldaten würden schnell in die Ecke gedrängt, wenn sie zum Seelenklempner gehen, diese Stigmatisierung müsse aufhören, mahnt der Wehrbeauftragte.

Ulrich Kirsch (Foto: AP) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Kämpft gegen die Stigmatisierung von PTBS: Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch. ]
Aber auch im Verteidigungsministerium habe man das Thema zu lange nicht ernst genommen, moniert der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch: "In der Vergangenheit ist das vielleicht auch etwas locker abgetan worden: Nach dem Motto, das hatten unsere Väter und Großväter ja auch nicht - und jemand mit solchen Problemen ist ein Weichei. Aber das ist genau falsch“, so Kirsch nachdrücklich.

Dabei ist die Symptomatik lange bekannt: Nach dem ersten Weltkrieg wurde sie Kriegszittern genannt. Im vergangenen Jahr beschloss die Regierung, die Hilfsangebote für die Soldaten auszubauen - bislang mit wenig Erfolg. Die neue Abteilung des Sanitätsdienstes, die PTBS genauer erforschen soll, steckt ebenfalls noch in den Kinderschuhen, so der Wehrbeauftragte Robbe: "Ich habe dort gesehen, dass es einen sehr gutwilligen Facharzt gibt. Es gibt zwei oder drei weitere Hilfskräfte. Es gibt einen Psychologen. Die können im Monent nichts anderes machen als Papiere sortieren", so Robbe.

Stand: 28.01.2010 05:13 Uhr

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