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21.11.2009

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Inland
Bundeswehr in Afghanistan
Regierung schließt zivile Opfer nach NATO-Angriff nicht mehr aus
Kritik nach NATO-Luftangriff

Regierung schließt zivile Opfer nicht mehr aus

Drei Tage nach dem NATO-Luftangriff in Kundus hat das Bundesverteidigungsministerium sich erstmals vorsichtiger zu dem Vorfall geäußert. Der Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Christian Schmidt, verwies auf die laufenden Untersuchungen. Die Aussage, es habe keine Zivilisten unter den Toten gegeben, "war ein Informationsstand, den wir zu diesem Zeitpunkt hatten", sagte er im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF. Sollten Zivilisten betroffen sein, sei das "schmerzlich und schlimm".

Bereits gestern hatte Kanzlerin Angela Merkel "zügige Aufklärung" versprochen und gesagt: "Wenn es zivile Opfer gegeben hat, dann werde ich das natürlich zutiefst bedauern." Verteidigungsminister Franz Josef Jung hatte noch gestern an der Darstellung festgehalten, bei dem Luftangriff seien mehr als 50 Menschen getötet worden, ausschließlich Taliban.

Informationsquellen nicht ganz zuverlässig?

Zudem räumte Schmidt ein, das Ministerium habe sich kurz nach dem Angriff am Freitag "zu Beginn in schneller Information auf afghanische Quellen gestützt und verlassen, die sich nun nicht als 100 Prozent bestätigt herausstellen." Das Ministerium wolle die Obleute des Verteidigungsausschusses morgen über den Vorfall informieren.

Weitere Meldung:

Ausgebrannter Tanklaster nach dem Angriff bei Kundus (Foto: AP)
Weitere Meldungen Was geschah wirklich in Kundus? Drei Untersuchungskommissionen beschäftigen sich inzwischen mit dem Angriff. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem eine Frage: Wurden Zivilisten getötet und wenn ja, wie viele? [mehr]

"Merkel muss Verantwortung übernehmen"

Derweil legte die Opposition mit ihrer Kritik an Jung noch einmal nach. Der Grünen-Verteidigungsexperte und Afghanistan-Kenner Winfried Nachtwei warf dem Minister in der "Frankfurter Rundschau" "absolutes Versagen" vor: Jung unterschätze völlig die politisch-psychologische Wirkung des Angriffs, der von der Bundeswehr angeordnet worden war, so Nachtwei. Grünen-Vizefraktionschef Jürgen Trittin warf Jung in der "Financial Times" vor, außen- und sicherheitspolitischen Schaden angerichtet zu haben. Kanzlerin Angela Merkel müsse jetzt "die Verantwortung für dieses fatale Vorgehen übernehmen".

SPD will schnell Ergebnisse sehen

Auch in der SPD regt sich Unmut über die Informationspolitik der Regierung. Die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Bundestages, Ulrike Merten, forderte eine Sondersitzung des Gremiums zu dem Luftangriff. "Die Informationen, die ich bisher habe und auch die Obleute des Verteidigungsausschusses, sind ganz knapp gefasst gewesen. Und das ist wirklich zu bemängeln", sagte Merten dem WDR. Der SPD-Verteidigungspolitiker Walter Kolbow forderte schnelle Ergebnisse, "am Montag, spätestens am Dienstag". Die Linkspartei beantragte eine Aktuelle Stunde im Bundestag zu dem Vorfall.

Kritik auch an Steinmeier

Auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier steht in der Kritik. Als Außenminister habe er die "Federführung" für den Einsatz, "das wird gerne übersehen", sagte die FDP-Sicherheitsexpertin Birgit Homburger dem "Hamburger Abendblatt". Dass Steinmeier "auf Tauchstation" gehe, sei inakzeptabel. Sie erwarte, dass sich der Außenminister "klipp und klar dazu äußert, was der Afghanistan-Einsatz bedeutet".

Die SPD debattiert zudem über die von Ex-Kanzler Schröder ins Spiel gebrachte "Exit-Strategie". Im "Bericht aus Berlin" betonte Parteichef Müntefering, dass er eine konkrete Jahreszahl für den Abzug aus Afghanistan für falsch halte. Schröder hatte gefordert, 2015 müsse "Schluss" für den internationalen Afghanistan-Einsatz sein.

Bundeswehr in Afghanistan:


An der ISAF-Mission unter Leitung der NATO beteiligen sich momentan 42 Länder mit 66.700 Soldaten. Die Bundeswehr hat derzeit 4225 Soldaten in Afghanistan im Einsatz. Sie sind hauptsächlich im Norden des Landes stationiert: Mit rund 2600 ist der größte Teil in Masar-i-Scharif, 650 sind in Kundus und 450 in Feysabad. Weitere 340 Soldaten leisten ihren Dienst in der Hauptstadt Kabul, gut 100 auf dem usbekischen Stützpunkt Termes.

Der Militäreinsatz der Bundeswehr hat bis Ende 2008 exklusive der auch in Deutschland anfallenden Personalkosten rund 2,9 Milliarden Euro gekostet. Für 2009 sind weitere 498 Millionen Euro veranschlagt.

Für Projekte der Entwicklungshilfe und des Wiederaufbaus sind von der Bundesregierung von 2002 bis 2010 mehr als 1,2 Milliarden Euro Hilfsgelder zugesagt. Bis August 2009 sind davon 830 Millionen Euro ausgezahlt worden.

Im laufenden Jahr soll Afghanistan mit 170 Millionen Euro unterstützt werden. Damit ist es das größte Empfängerland deutscher Entwicklungshilfe. 2008 lag es mit 140 Millionen Euro klar vor den nächstgrößeren Empfängern Indien (84 Millionen Euro) oder Mali (53 Millionen Euro).

In Afghanistan kamen bislang 35 Bundeswehrsoldaten ums Leben.
 
Stand: 07.09.2009 11:40 Uhr
 

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