Ein Schüler im Unterricht | Bildquelle: dpa

G8-Abitur Viel Streit um (fast) nichts

Stand: 05.04.2017 10:33 Uhr

Das Turbo-Abi hat einen schlechten Ruf. Es stresse die Schüler und senke das Leistungsniveau, so die Kritik. Die CSU in Bayern beschloss nun die Rückkehr zum G9, obwohl Studien zeigen: Es gibt kaum Unterschiede zwischen G8 und G9.

Von Alexander Steininger, tagesschau.de

Henryk Wulf ist im Lernstress - in vier Wochen stehen die ersten Abiturklausuren für den 18-Jährigen an. "Ich habe mir einen Lernplan gemacht, den Stoff zusammengestellt und lerne jetzt jeden Tag etwa zwei Stunden", erzählt der Gymnasiast aus Düsseldorf. Für seinen angepeilten Schnitt von 1,7 muss er sich die kommenden Wochen ins Zeug legen, ab Oktober will er in Lüneburg "International Business Administration & Entrepreneurship" studieren. Weil er in Nordrhein-Westfalen lebt, macht er das sogenannte Turbo-Abi nach acht Gymnasialjahren (G8).

Ein vollgestopfter Lehrplan, Freizeit erst nach 17 Uhr - glaubt man Eltern und Lehrern, ähnelt der Alltag von G8-Schülern dem eines Vollzeitarbeiters. Glaubt man Umfragen, sind deshalb bis zu 80 Prozent der Eltern gegen eine verkürzte Abi-Zeit in Gymnasien. Eines der Hauptargumente der G8-Gegner: Stress. Die Schüler seien an der Grenze der Belastbarkeit, weil der gleiche Lernstoff in kürzerer Zeit gepaukt werde. Zudem reiche die wenige Freizeit nicht mehr für Hobbys und die Entwicklung der Persönlichkeit aus. Und obendrein sinke das Leistungsniveau, was Probleme an der Uni nach sich ziehe.

Rückkehr zu G9
tagesthemen 22:15 Uhr, 05.04.2017, Stephanie Stauss, BR

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Video einbetten

Nutzungsbedingungen Embedding Tagesschau: Durch Anklicken des Punktes „Einverstanden“ erkennt der Nutzer die vorliegenden AGB an. Damit wird dem Nutzer die Möglichkeit eingeräumt, unentgeltlich und nicht-exklusiv die Nutzung des tagesschau.de Video Players zum Embedding im eigenen Angebot. Der Nutzer erkennt ausdrücklich die freie redaktionelle Verantwortung für die bereitgestellten Inhalte der Tagesschau an und wird diese daher unverändert und in voller Länge nur im Rahmen der beantragten Nutzung verwenden. Der Nutzer darf insbesondere das Logo des NDR und der Tageschau im NDR Video Player nicht verändern. Darüber hinaus bedarf die Nutzung von Logos, Marken oder sonstigen Zeichen des NDR der vorherigen Zustimmung durch den NDR.
Der Nutzer garantiert, dass das überlassene Angebot werbefrei abgespielt bzw. dargestellt wird. Sofern der Nutzer Werbung im Umfeld des Videoplayers im eigenen Online-Auftritt präsentiert, ist diese so zu gestalten, dass zwischen dem NDR Video Player und den Werbeaussagen inhaltlich weder unmittelbar noch mittelbar ein Bezug hergestellt werden kann. Insbesondere ist es nicht gestattet, das überlassene Programmangebot durch Werbung zu unterbrechen oder sonstige online-typische Werbeformen zu verwenden, etwa durch Pre-Roll- oder Post-Roll-Darstellungen, Splitscreen oder Overlay. Der Video Player wird durch den Nutzer unverschlüsselt verfügbar gemacht. Der Nutzer wird von Dritten kein Entgelt für die Nutzung des NDR Video Players erheben. Vom Nutzer eingesetzte Digital Rights Managementsysteme dürfen nicht angewendet werden. Der Nutzer ist für die Einbindung der Inhalte der Tagesschau in seinem Online-Auftritt selbst verantwortlich.
Der Nutzer wird die eventuell notwendigen Rechte von den Verwertungsgesellschaften direkt lizenzieren und stellt den NDR von einer eventuellen Inanspruchnahme durch die Verwertungsgesellschaften bezüglich der Zugänglichmachung im Rahmen des Online-Auftritts frei oder wird dem NDR eventuell entstehende Kosten erstatten
Das Recht zur Widerrufung dieser Nutzungserlaubnis liegt insbesondere dann vor, wenn der Nutzer gegen die Vorgaben dieser AGB verstößt. Unabhängig davon endet die Nutzungsbefugnis für ein Video, wenn es der NDR aus rechtlichen (insbesondere urheber-, medien- oder presserechtlichen) Gründen nicht weiter zur Verbreitung bringen kann. In diesen Fällen wird der NDR das Angebot ohne Vorankündigung offline stellen. Dem Nutzer ist die Nutzung des entsprechenden Angebotes ab diesem Zeitpunkt untersagt. Der NDR kann die vorliegenden AGB nach Vorankündigung jederzeit ändern. Sie werden Bestandteil der Nutzungsbefugnis, wenn der Nutzer den geänderten AGB zustimmt.

Einverstanden

Zum einbetten einfach den HTML-Code kopieren und auf ihrer Seite einfügen.

Philologenverband für G9

Der deutsche Philologenverband hält G9 deshalb für die bessere Variante. Ein großes Problem der Schulzeitverkürzung sei die Verdichtung der Lernstoffe bereits in der Mittelstufe, sagt der Verbandsvorsitzende Hans-Georg Meidinger, der auch Schulleiter ist: "Die eigentlichen Verlierer der G8-Reform sind Jungs in der Pubertät." Seiner Beobachtung nach ließen Jungen mehr als Mädchen in diesem Lebensabschnitt das Engagement in der Schule schleifen. Früher hätten sie Zeit gehabt, sich vor der Oberstufe wieder zu fangen. Durch G8 sei dies schwieriger geworden, mit der Folge, dass der Anteil männlicher Abiturienten in den vergangenen Jahren gesunken sei.

Bundesländer im Reformfieber

Die Politik lässt sich von dieser Angst treiben und beschließt immer mehr und immer unübersichtlichere Reformen. Ein Grundproblem dabei: Bildung ist in Deutschland Ländersache. Und so gibt es zwischen Flensburg und München eine unübersichtliche Artenvielfalt, um zum Abitur zu kommen.

G8 oder G9
galerie

Während an ostdeutschen Gymnasien das Abi nach zwölf Jahren die Regel ist, gibt es in einigen westdeutschen Ländern beide Möglichkeiten. Nur in Niedersachsen und Rheinland-Pfalz ist das Abi nach 13 Jahren (bzw. in Rheinland-Pfalz nach 12,5 Jahren) Usus. In Bayern sollen laut Kabinettsbeschluss künftig die Schulen selbst entscheiden, wie viele Jahre ihre Sekundarstufe II dauert.

In Ostdeutschland ist G8 Standard - hier hat das Abi nach zwölf Jahren seit DDR-Zeiten Tradition. Niedersachsen beschloss G8, kehrte aber 2015 wieder zum G9-Abi zurück. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein wird die Dauer der Schulzeit zunehmend zum Thema der anstehenden Landtagswahlen. Das jüngste Beispiel für die "Reform der Reform" ist Bayern: Hier entschied nun die CSU die Rückkehr zum G9.

Kaum Unterschiede

Prof. Dr. Olaf Köller (Leibniz Institute for Science and Mathematics Education (IPN) | Bildquelle: Britta Huening (Leibniz Institut
galerie

Olaf Köller vom Leibniz-Institut für Pädagogik der Naturwissenschaften (IPN) in Kiel sieht weder Vor- noch Nachteile für G8.

Der Bildungsforscher Olaf Köller kann die aufgeheizten Debatten nicht verstehen. "In den letzten Jahren gab es zahlreiche Studien, die im Prinzip alle zu einem ähnlichen Schluss kommen: Es gibt kaum nennenswerte Unterschiede zwischen G8- und G9-Abiturienten", erklärt er im Gespräch mit tagesschau.de.  

Eine Studie der Uni Duisburg-Essen untersuchte das Leistungsniveau von Abiturienten. Die Forscher stellten fest, dass das Turbo-Abi genauso gut auf das Studium vorbereitet, wie G9. "Wer den längeren Bildungsweg gegangen ist, hat weder ein besseres Abi gemacht - die Durchschnittsnoten waren für G8 und G9 vergleichbar - noch haben zwölf Schuljahre schlechter auf die Anforderungen eines Studiums vorbereitet", fasst Professorin Isabell van Ackeren die Studie zusammen.

Gleich viele Freizeitaktivitäten

Auch die von Eltern beklagte fehlende Freizeit lässt sich nicht in Studien nachweisen. Zwar haben Oberstufenschüler wegen des umfangreicheren Stundenplans etwa 30 min länger Schule pro Tag - dafür haben sie aber eben auch ein ganzes Jahr weniger Schule. Die halbe Stunde weniger Freizeit führt aber keineswegs dazu, dass sie weniger Sport treiben, Musik machen oder sich mit Freunden treffen. "Das Freizeitverhalten der Schülerinnen und Schüler in G8 und G9 unterschied sich bei der Mehrheit der erfragten Bereiche nicht", heißt es in einer Studie der Uni Tübingen zu dem Thema. Eine weitere Studie wies nach, dass die Schulzeitverkürzung auch nicht die Persönlichkeitsentwicklung negativ beeinflusst.

Und auch das Stresslevel der Abiturienten war bereits Gegenstand universitärer Forschung. G9- und G8-Abiturienten in Nordrhein-Westfalen wurden Speichel- und Haarproben entnommen, um die Belastung mit dem Stresshormon Cortisol zu messen. Die Turbo-Abiturienten hatten zwar eine leicht höhere Cortisolkonzentration. "Auf das subjektive Stressempfinden hat die Schulbiographie jedoch keinen Einfluss", so die Studie. Den einzigen nennenswerten Sprung des Cortisonlevels verzeichneten die Forscher in der Prüfungsphase.

Abiturienten 2015
galerie

Die Grafik zeigt die Zahl der Abiturienten in Deutschland. Ausgenommen sind Schüler mit Fachholschulreife. "Sonstige" meint beispielsweise Abiturienten an Gesamtschulen (26.382), Waldorfschulen oder Abendgymnasien.

"Qualität statt Quantität"

Angesichts dieser Befunde sieht Experte Köller, genau wie die meisten anderen Bildungsforscher, keinen Grund, flächendeckend zu G9 zurückzukehren. "Die Verkürzung der gymnasialen Oberstufe hat weder viel genutzt, noch hat sie viel geschadet", kommentiert er nüchtern die Reformen der letzten Jahrzehnte. "Wenn man sich aber die geschätzten Mehrkosten von etwa 600 Millionen Euro für die längere Oberstufe in Bayern anschaut, wäre die Landesregierung besser beraten, das Geld in die Aus- und Fortbildung von Lehrern oder in verbesserte Lehrmittel zu investieren. Denn Qualität des Unterrichts ist viel wichtiger als die Quantität." Zudem gebe es jenseits der rund 3100 Gymnasien in Deutschland noch Tausende Gesamt- Stadtteil oder Gemeinschaftsschulen, die in der Regel eine neunjährige Sekundarstufe II anbieten.

Damit hat die Verkürzung der Schulzeit laut Köller ein zentrales Versprechen eingelöst: Geld im Bildungssektor zu sparen. Ein anderes ist sie dagegen schuldig geblieben: Junge Menschen früher an die Unis und damit in den Arbeitsmarkt zu bringen. Denn G8-Abiturienten beginnen ihr Studium statistisch keineswegs früher als jene von G9-Schulen. Offenbar reagieren die Schüler auf ihre Art auf das Turbo-Abi: Sie nutzen das zusätzliche Jahr für Reisen, Freiwilligendienste oder einfach als Erholung nach der anstrengenden Abizeit.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 05. April 2017 um 06:14 Uhr.

Autor

Alex Steininger | Bildquelle: W. Rohwedder/tagesschau.de Logo tagesschau.de

Alexander Steininger, tagesschau.de

Darstellung: