Abgeordnete im Bundestag

Geschönte Lebensläufe Viele Abgeordnete ohne Abschluss

Stand: 10.08.2016 13:06 Uhr

Mit einem erfundenen Jura-Studium hat die Abgeordnete Petra Hinz für Wirbel gesorgt. Doch wie sieht es mit den Lebensläufen anderer Abgeordneter aus? So manche Vita wurde geschönt.

Von Moritz Pompl, ARD-Hauptstadtstudio

Im Bundestag sitzen 630 Abgeordnete. Wer sich auf der hauseigenen Homepage umsieht, der kann unter dem Reiter "Studienfächer" nachlesen, wie viele Abgeordnete was studiert haben. In der Summe kommt man dort auf 719. Es gibt also Abgeordnete, die sich mit zwei oder mehr Fächern schmücken. So wie Frank Schwabe von der SPD. In seiner Biografie steht: "Studium der Volkswirtschaftslehre in Osnabrück und der Landespflege, Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie in Essen."

Trotzdem gibt es da einen kleinen Schönheitsfehler: Schwabe hat in keinem der Fächer einen Abschluss gemacht, was die Bundestags-Homepage nicht erwähnt. Nachlesen kann man es aber zum Beispiel auf Wikipedia – auch wenn der entsprechende Abschnitt "ohne Abschluss" immer mal wieder auf mysteriöse Weise verschwand.

Nach einer Recherche der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" gab Schwabe dann zu, dass sich sein Büro darum kümmerte. Im Vergleich zu Petra Hinz keine Fälschung, aber eine Schönung allemal.

Viele Abgeordnete ohne Abschluss

Die Liste lässt sich fortsetzen: Kathrin Göring-Eckhard, Vorsitzende der Grünen: "Erweiterte Oberschule, Abitur. Theologiestudium." Studienabschluss: Nein. Annette Widmann-Mauz von der CDU hat auch keinen Abschluss, obwohl in ihrer Vita steht: "Studium der Politik- und Rechtswissenschaften an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen."

Einige Politiker haben offenbar das Gefühl, dass sie ohne Studienabschluss nichts zählen. Dabei gibt es viele Politiker, die es weit gebracht haben, obwohl sie ihr Studium abgebrochen oder "nur" eine Ausbildung gemacht haben. Claudia Roth von den Grünen zum Beispiel, die ziemlich offen mit ihrem "Makel" umgeht: "Ich habe nach dem zweiten Semester das Studium der Theaterwissenschaft abgebrochen, weil ich ein Angebot bekommen hab in Dortmund bei den Städtischen Bühnen als Dramaturgieassistentin."

Kaum klassische Arbeiter im Bundestag

Auch in den anderen Parteien gibt es genügend Beispiele für erfolgreiche Politiker ohne Studium. Der CDU-Politiker Klaus Brähmig ist Elektrohandwerksmeister. Und der ehemalige SPD-Chef Franz Müntefering hat die Volksschule besucht und dann eine Lehre zum Industriekaufmann gemacht. Daraus machte er kein Geheimnis: "Da muss man gar nicht Mathematiker sein, da reicht halt Volksschule Sauerland um zu wissen, kann nicht hinhauen."

Fest steht aber auch: Es werden immer weniger Nicht-Studierte im Bundestag. Vor 50 Jahren waren es noch 20 klassische Arbeiter. Heute sind gerade mal noch zwei dabei, ein Bergmann, und eine Schlosserin: Eva Bulling-Schröter von der Linken. "Es gibt sogar Leute, die zu mir sagen: 'Ha, die hat wenigstens an gescheiten Beruf'", so Bulling-Schröter. 

Bevölkerung kaum widergespiegelt

Einen gescheiten Beruf, den haben natürlich auch die vielen Juristen, Lehrer und Beamte, die im Bundestag sitzen. Sie werden immer mehr: Allein 117 der Abgeordneten sind Juristen. Mit dem Durchschnitt in der Bevölkerung hat die Zusammensetzung des Bundestages weniger denn je zu tun, obwohl sich darin die "Vertreter des Volkes" versammeln.

Sabine Leidig von der Linkspartei würde sich mehr Elektriker, Maurer oder Krankenschwestern wünschen, "weil damit natürlich auch Erfahrungen aus den unterschiedlichen Bereichen in den Bundestag eingebracht werden".

Mit Jürgen Coße, der bald für seine Parteikollegen Hinz oder für Peer Steinbrück in den Bundestag nachrücken wird, kommt aber Nachschub: Er ist Bürokaufmann und schreibt auf seiner Homepage: "Von meinem Vater, einem ehemaligen Gewerkschaftssekretär bei der IG-Metall, und meiner Mutter habe ich auch gelernt, was es heißt, sich als Nicht-Akademiker in der Politik zu behaupten."

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