Eine Hebamme prüft den Gesundheitszustand einer schwangeren Frau | Bildquelle: dpa

Haftpflichtprämien erneut gestiegen Hebammen in Existenzangst

Stand: 02.07.2015 18:38 Uhr

Die Versicherungsbeiträge für freiberufliche Hebammen sind noch einmal gestiegen. Weil sich Geburtshilfe für sie kaum mehr lohnt, geben immer mehr frustriert auf. Das führt zu Engpässen - und dürfte sich noch verschärfen.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Vor etwa fünf Jahren gab es in Bremerhaven noch ein Geburtshaus und mehrere Hebammen. Außerdem eine große und eine kleine Klinik mit jeweiliger Geburtsstation. Heute sind die beiden Kliniken fusioniert und keine einzige Hebamme bietet mehr Geburtshilfe an. In einer Kleinstadt wie Bremerhaven mit etwa zehn Hausgeburten im Jahr lohnte sich das einfach nicht mehr.

So wie in Bremerhaven sieht es in vielen deutschen Kleinstädten aus. In ländlichen Gegenden ist die Situation noch schlimmer. Eltern haben kaum mehr die Wahl, wo sie ihr Kind zur Welt bringen wollen. Meist bleibt ihnen nur die Klinik in der nächstgrößeren Stadt.

150 Hebammen haben im Juni aufgegeben

Grund für den Rückgang sind vor allem die seit Jahren steigenden Beiträge für die Haftpflichtversicherung. Während die Prämien vor gut zehn Jahren noch etwa 500 Euro kosteten, stiegen sie in den vergangenen Jahren drastisch, zuletzt zum 1. Juli auf 6274 Euro im Jahr. Allein im Juni haben sich laut Deutschem Hebammenverband (DHV) 150 Hebammen aus der Geburtshilfe zurückgezogen. Der Verband fürchtet, dass noch mehr folgen werden.

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Es wird immer schwerer, eine Hebamme zu finden.

Eine von ihnen ist Christiane Holldack. Seit 1. Juli ist sie nicht mehr versichert und darf somit keine Geburten mehr betreuen. "Ich hätte mehr als 500 Euro im Monat allein für die Versicherung verdienen müssen. Da wäre für mich selbst am Ende nicht mehr viel übrig geblieben." Holldack bietet jetzt nur noch Vor- und Nachsorge, Wochenbettbetreuung und Kurse vor und nach der Schwangerschaft an und spart sich so im Jahr tausende Euro Versicherungsprämie.

Schwangere finden keine Hebamme mehr

Doch selbst für diese Leistungen finden viele Frauen keine Hebammen mehr. "Ich musste allein im Juni 20 Frauen absagen. Und ich befürchte, dass diese Frauen auch bei meinen Kolleginnen nicht mehr unterkommen, denn bei ihnen sieht es ähnlich aus", sagt Holldack. Die Engpässe werden auch deshalb größer, weil manche Hebammen den Beruf komplett aufgeben, sagt Nina Martin, Sprecherin des DHV im Gespräch mit tagesschau.de. Die unwägbaren Arbeitszeiten, viele Wochenend- und Nachtdienste und die - auch jenseits der Geburtshilfe - schlechte Bezahlung schrecke mehr und mehr ab.

Und es geht nicht nur um Hausgeburten. Auch Eltern, die sich für eine sogenannte Beleghebamme entscheiden, dürften nur noch schwer fündig werden. Beleghebammen, die Schwangere vor, nach und während der Geburt im Krankenhaus betreuen, sind ebenfalls freiberuflich und müssen die gleichen horrenden Versicherungsprämien bezahlen. Die Folge: Viele Gebärende müssen sich auf die festangestellten Hebammen der Krankenhäuser verlassen. Sie sind über das Krankenhaus versichert.

Gespräche mit den Krankenkassen gescheitert

Doch die Kreißsäle sind häufig überfüllt. Weil sich Geburtshilfe sich auch für die Kliniken immer weniger rechnet, schließen gerade kleinere Häuser ihre Geburtsstationen. Hinzu kommt die Personalknappheit in Kliniken. Gebärende sind deshalb oft stundenlang auf sich allein gestellt, müssen auf dem Gang liegen oder werden gar nicht erst aufgenommen. "Ich kenne viele, die von solchen Krankenhausgeburten traumatisiert sind", sagt Christiane Holldack gegenüber tagesschau.de.

Um zumindest die Situation der freiberuflichen Hebammen zu verbessern, hatte Gesundheitsminister Hermann Gröhe im vergangenen Jahr ein Gesetz verabschiedet, das für Hebammen einen finanziellen Ausgleich schaffen soll. Gerade Hebammen mit wenigen Geburten im Jahr, die also auch wenig verdienen und trotzdem den hohen Versicherungsbeitrag zahlen, sollen einen sogenannten Sicherstellungszuschlag von den Krankenkassen bekommen.

Die Details sollten Hebammenverbände und der Spitzenverband der Krankenkassen aushandeln. Weil die Qualitätsanforderungen an Hebammen laut Verband aber einen zu starken Eingriff in deren Entscheidungsfreiheit darstellt, sind die Gespräche gescheitert. Jetzt soll eine Schiedsstelle eine Lösung finden, was mehrere Monate dauern kann. Wegen der großen Unsicherheit dürften bis dahin aber noch mehr freiberufliche Hebammen das Handtuch werfen.

Hebammen in Deutschland

Laut einer Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums aus dem Jahr 2012 gibt es etwa 15.000 freiberufliche Hebammen in Deutschland. Etwa 21.000 sind es insgesamt.

Die Zahl der freiberuflich tätigen Geburtshelferinnen in Deutschland ist in den vergangenen fünf Jahren um rund ein Viertel zurückgegangen. Im vergangenen Jahr gab es noch rund 3500, inzwischen schätzt der Deutsche Hebammenverband ihre Zahl auf 2600.

Der Umsatz der Hebammen, die im Jahr 2010 ganzjährig ausschließlich freiberuflich tätig waren, betrug im Median etwa 37.000 Euro. Die Betriebsausgaben lagen im Median bei rund 13.000 Euro, inklusive der Prämien für die Haftpflichtversicherung.

Da es keine einheitliche und umfassende Statistik zu Hebammen Deutschland gibt, können die Zahlen je nach Quelle voneinander abweichen.

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