Polizisten

Vorwürfe gegen Wiener Polizei War es eine Scheinhinrichtung?

Stand: 05.06.2019 12:09 Uhr

Nach einem Einsatz der Wiener Polizei bei einer Demonstration wird die Kritik an den Einsatzkräften immer lauter. Auf Twitter ist sogar von Folter die Rede. Experten bezweifeln das.

Von Konstantin Kumpfmüller, tagesschau.de

Die Videos eines Polizeieinsatzes in Wien sorgen für heftige Kritik. Der Vorwurf: Die Polizisten sollen eine Scheinhinrichtung durchgeführt haben - eine Foltermethode, die dem Opfer Todesangst bereitet. Tatsächlich ist auf den Videos zu sehen, wie eine Person beinahe von einem Polizeifahrzeug überrollt wird.

Der Festgenommene wird von zwei Polizisten fixiert. Sie schieben ihn anschließend unter ein Einsatzfahrzeug - der Kopf nur wenige Zentimeter vom linken Hinterrad des Wagens entfernt.

Kurz darauf fährt der Wagen los. Die Polizisten ziehen die Person in letzter Sekunde unter dem Fahrzeug hervor. Es fehlt nicht viel und der Kopf des am Boden Liegenden wäre überrollt worden.

Absicht eher unwahrscheinlich

"Meines Erachtens nach ist das kein intendierter Vorgang", meint Raphael Behr, Professor für Polizeiwissenschaften an der Akademie der Polizei Hamburg auf Anfrage des ARD-faktenfinder.

Viel wahrscheinlicher als die Absicht, dem am Boden Liegenden Angst machen zu wollen, sei eine unglückliche Verkettung von Umständen, die der Hektik der Situation geschuldet sein könnten. Dafür spräche beispielsweise das Blaulicht des losfahrenden Einsatzwagens. Die Polizisten wirkten außerdem selbst erschrocken über das Anfahren des Wagens.

Gegen den Vorwurf einer absichtsvollen Handlung spräche auch das Setting. Zwar habe es in der Vergangenheit Gewaltexzesse wie Scheinhinrichtungen gegeben. Übergriffe dieser Art fänden aber in der Regel in kleinen Gruppen statt, nicht vor Kollegen anderer Einheiten - wie sie auf dem Video zu sehen sind - oder gar den Augen der Öffentlichkeit.

Enorme Gefährdung des Festgenommenen

Auch Oliver von Dobrowolski, Kriminalhauptkommissar der Berliner Polizei und Vorsitzender des Vereins "PolizeiGrün" hatte sich bei Twitter zur Diskussion um das Video geäußert.

Gegenüber dem ARD-faktenfinder bezeichnet er die Aktion als kritikwürdig. Ob die Polizisten dem Festgenommenen absichtlich Angst machen wollten, sei im Nachhinein aber kaum feststellbar.

Zumindest aber hätten die Polizisten durch "fehlerhaftes technisches Arbeiten mit der Person dessen enorme Gefährdung verursacht". Psychische Schäden könnten durch so eine Aktion nicht ausgeschlossen werden.

Gescheiterte Fesselung?

Wie es zu der Szene kam, sei unklar, so Dobrowolski. Vorstellbar wäre etwa, dass die Polizisten versucht hätten, den Festgenommenen aufzurichten, um ihn zu fesseln. Dabei sei es durchaus üblich, sich einer Mauer oder eines stehenden Fahrzeuges zu bedienen, um die Person so zu fixieren und eine für die Polizisten günstige Körperlage zum Fesseln herzustellen.

"Warum das dann nicht so ablief, ist eine der großen Fragen, die diese Szene ergibt", meint Dobrowolski. Zu einer gefährlichen Situation, bei der eine Person mit dem Kopf unter dem Fahrzeug lande, dürfe es nicht kommen. "Daher wird man bei zumindest mir bekannten Polizeibehörden niemals so etwas trainieren."

Polizei ermittelt

Die Polizei in Wien wies zunächst die Anschuldigungen zurück. Sie seien absurd. Später räumte die Polizei ein, dass die Situation gefährlich war. Der Vorfall werde "im Zuge einer Evaluierung in die Einsatztaktik und das Einsatztraining einfließen." Außerdem werde strafrechtlich ermittelt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Juni 2019 um 05:50 Uhr.

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