Ein saftig gegrilltes Steak auf einem Teller mit einer Sauce | Bildquelle: picture alliance / dpa

Wissenschaftspopulismus 70 Liter Rohöl für ein Steak?

Stand: 09.05.2019 17:09 Uhr

Nicht nur in der Klimadebatte werden immer wieder zweifelhafte Thesen in der Öffentlichkeit diskutiert. Manchmal kommen diese sogar aus der Wissenschaft selbst. Der Co-Direktor des Potsdamer Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung musste kürzlich mehrfach zurückrudern.

Von Andrej Reisin, NDR

Die Schlagzeile war gut gewählt: "In jedem Steak stecken 70 Liter Erdöl" betitelte der Berliner "Tagesspiegel" kürzlich ein ausführliches Interview mit dem Klimaforscher Johan Rockström, der das renommierte Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) leitet, das sich mit den Folgen des Klimawandels beschäftigt. Rockström bemängelte, dass der Preis für konventionelle Nahrungsmittel deren Kosten nicht abbilde und forderte, dass konventionelle Ernährung teurer und nachhaltige Ernährung billiger werden müsse. Und er plädierte für ein staatliches Essensgeld in Höhe von zunächst 300 Euro, damit sich einkommensschwächere Haushalte Bio-Lebensmittel leisten könnten.

Nachdem viele Leser die Zahlen anzweifelten, korrigierten Rockström und die Zeitung zunächst die Angabe zum monatlich benötigten Essenszuschuss von 300 auf 30 Euro. Rockström habe sich "verrechnet" - und zwar um den Faktor zehn. Auch der Journalist Alexander Wendt zweifelte in seinem Blog Rockströms Berechnungen massiv an.

Der Klimaforscher Johan Rockstroem während eines Vortrags auf der Digitalkonferenz re:publica in Berlin | Bildquelle: dpa
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Erntete Kritik für Zahlen zum Energieverbrauch der Fleischproduktion: Johan Rockström

Rohölproduktion würde nicht ausreichen

Ebenfalls erklärungsbedürftig erscheint die Angabe von 70 Liter Rohöl für ein Steak. Folgt man den Zahlen des amerikanischen Foreign Agricultural Service, wurden 2016 weltweit insgesamt 129.472.923.360 Pfund Rindfleisch verzehrt. Dies entspricht grob gerundet circa 58.727.930.158 Kilogramm. Wenn man von einem 300-Gramm-Steak ausgeht, wären das rund 195.759.767.193 Steaks.

Steckten in jedem dieser Steaks 70 Liter Erdöl, dann wären das 13.703.183.703.533 Liter Erdöl, die 2016 allein für die Rindfleischproduktion verbraucht worden wären. Die Gesamtfördermenge an Rohöl betrug 2016 demgegenüber jedoch nur 4.382.400.000.000 Liter. Mit anderen Worten: Folgt man Rockströms Angabe, wäre der Erdölverbrauch der Rindfleischproduktion 2016 rund drei Mal so hoch wie die Gesamtfördermenge ausgefallen.

Institut korrigiert sich auf Nachfrage erneut

Der ARD-faktenfinder fragte am vergangenen Freitag in Potsdam nach der Berechnungsgrundlage. Dort hieß es zunächst, Rockström sei auf Dienstreise, man werde sich melden. Am Mittwoch teilte das Institut schließlich mit: "Die Zahl von 70 Litern Öl hinter jedem Steak ist ein Fehler - eine falsch zugeordnete Zahl, die wir sehr bedauern und beim Tagesspiegel auch korrigiert haben." Richtig sei "die Zahl bezogen auf das Protein im Rindfleisch, jedoch nicht für das Rindfleisch insgesamt".

In der Tat hatte das Institut in der Zwischenzeit die entsprechenden Angaben geändert. Im Tagesspiegel erschien am vergangenen Montag eine korrigierte Version des Interviews. Dort hieß es unter der neuen Überschrift "In einem Steak stecken nicht 70 Liter Erdöl", um ein Kilo Rindfleisch zu erzeugen, fielen "sieben bis 28 Kilogramm Kohlendioxidäquivalente an".

Kühe auf einer Farm in Nebraska | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER
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Die USA waren auch 2017 der größte Produzent von Rindfleisch.

Erdölverbrauch steht stellvertretend

Rindfleisch enthält nur zu gut einem Viertel Eiweiß, also Rindfleischprotein. Das Institut erklärte weiter, man gehe für 300 Gramm Rindfleischprotein "umgerechnet etwa 60 bis 315 Kilogramm CO2-Emissionen aus", je nachdem, wo und wie das Fleisch erzeugt werde.

Dabei werde die Literangabe in Öl als "Äquivalent für die gesamten CO2-Emissionen" gewertet, inklusive der "Entwaldung für die Flächengewinnung zur Futtermittelproduktion". Folgt man dieser Berechnung, dann stehen laut der Potsdamer Forschungseinrichtung "hinter einem durchschnittlichen 300-Gramm-Steak rund sechs bis 30 Liter Öl".

Produktionsbedingungen sind entscheidend

Allerdings ist die Bandbreite der Futtermittelproduktion erheblich, wie die Forscher selbst einräumen. Denn Rinder, die auf Gras- und Weideland stehen, verbrauchen eben kein Soja für Futtermittel, welches auf Flächen in Brasilien angebaut wird, die vorher Regenwald waren. Zudem speichert Dauergrünland "im Boden große Mengen Kohlenstoff", wie Katrin Wenz, Agrarexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, gegenüber dem "Tagesspiegel" betont.

Der Deutsche Bauenverband weist zudem darauf hin, dass von 80 Millionen Tonnen Futtermittel für Nutztiere in Deutschland 70 Millionen auf einheimischen Feldern und Weiden wachsen. Die Soja-Importe für Viehfutter seien von 2007 bis 2017 um eine Million Tonnen auf 3,8 Millionen Tonnen gesunken.

Dennoch hält das Potsdamer Institut an seiner Grundaussage fest: "Die Art von Umweltauswirkungen des Rindfleischkonsums birgt ganz klar ernste Risiken für die Menschheit."

Straße durch ein Regenwaldgebiet in Brasilien | Bildquelle: picture alliance / imageBROKER
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In Brasilien schreitet die Abholzung des Regenwalds für die Produktion von Soja voran.

Mehr Wohlstand führt zu mehr Fleischkonsum

Unumstritten dürfte sein, dass industrielle Fleischerzeugung und entsprechender Konsum erhebliche Umwelt- und Klimafolgen nach sich ziehen. Und weltweit steigt der Fleischkonsum mit wachsendem Wohlstand. In Indien beispielsweise betrug er bis vor kurzem gerade einmal um die drei Kilogramm pro Kopf. Wenn der Subkontinent eines Tages im selben Ausmaß Fleisch verzehrte wie die Deutschen oder gar die US-Amerikaner pro Jahr (120 Kilogramm), wären die Auswirkungen insgesamt in jedem Fall erheblich.

Allerdings ist der Fleischkonsum in Deutschland in den letzten Jahrzehnten um rund ein Viertel gesunken und verharrt seit Jahren bei um die 60 Kilogramm pro Kopf. Auch hier irrte Rockström.

Auf die feststellende Frage "Vor 30 Jahren gab es in vielen Familien nur einmal in der Woche Fleisch" antwortete er: "Genau, der Sonntagsbraten. Man konnte sich das gar nicht anders leisten." Statistisch betrachtet ist exakt das Gegenteil der Fall. 1989 wurde wesentlich mehr Fleisch konsumiert als heute, und auch 1970, also bereits vor 50 Jahren, war der Fleischkonsum in Deutschland höher. Rockströms Verweis auf deutlich länger zurückliegende Zeiten, in denen sich nur wohlhabende Menschen Fleisch leisten konnten, entbehrt für Kritiker daher nicht eines gewissen Zynismus. Denn noch bis zum Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland Bevölkerungsschichten mit erheblichen Ernährungsmängeln.

Futter für Fake-News-Freunde

Die Fehler des Potsdamer Klimaforschers bergen die Gefahr, die Glaubwürdigkeit an Wissenschaft und evidenzbasierte Forschung insgesamt zu untergraben - in einer Zeit, in der laut der neuesten "Mitte-Studie" ohnehin die Hälfte der Bevölkerung skeptisch gegenüber Experten ist.

Die Debatte um den Klimawandel und seine Folgen löst zudem bei vielen Menschen Ängste aus. Denn ohne eine konkrete Änderung der eigenen Lebensgewohnheiten können menschliches und tierisches Leben in seiner Vielfalt laut der überwältigenden Mehrheit wissenschaftlicher Forschung praktisch nicht erhalten werden. Umso wichtiger erscheint es daher, dass konkrete Aussagen zu Zahlen und Fakten nicht umstandslos widerlegt werden können.

Über dieses Thema berichtete der RBB am 14. April 2019 um 19:00 Uhr.

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