"Entschuldigung, Europa!"
Netzschau #10 zum Ergebnis der Europawahl
"Entschuldigung, Europa!"
Auch am Wahlabend plapperte das Netz eifrig mit. Vorherrschende Themen: der Erfolg des rechtsextremen Front National in Frankreich, das gute Abschneiden der AfD und die Sitzgewinne der kleinen Parteien. Die User kommentierten vor allem über Twitter die Wahlergebnisse - teils schockiert, teils schmunzelnd.
Von Barbara Schmickler und Philipp Eckstein für tagesschau.de
Um kurz nach 20 Uhr explodiert die Zahl der Kurznachrichten zum Thema Europawahl: Als die Prognose für das Wahlergebnis in Frankreich und damit die 25 Prozent für den rechtsextremen Front National verkündet werden, reagiert das Netz prompt. Viele deutsche Nutzer zeigen sich entsetzt: Tweets wie "Die spinnen, die Franzosen"oder der Hashtag #TristeFrance, zu Deutsch "traurig, Frankreich", gehen um. Andere werden drastischer: "Wie schafft es eigentlich Marine Le Pen, den kleinen Schnurrbart unter ihrer Nase so gut zu überschminken?" Im ARD-Interview beschreibt Brüssel-Korrespondent Rolf-Dieter Krause seinen Eindruck von der Parteichefin: "Marine Le Pen hat mir vor wenigen Tagen gesagt: "Ich will Europa kaputt machen." Dieses Zitat wird innerhalb einer Stunde mehr als 60 Mal retweetet.
Die Reaktionen in Frankreich sind zwiegespalten: Ein Nutzer ist stolz, dass Frankreich auf dem Weg zurück zur eigenen Freiheit und Größe sei: "Merci Marine!" Vielen graut es aber auch angesichts des Ergebnisses: "Dear Europa, we are sorry" steht auf einer Internetseite in weißen Buchstaben mit der Europaflagge im Hintergrund: "with much love, - France". Mehr als 2000 Mal wird diese Entschuldigung der, wie es heißt, pro-europäischen Franzosen geteilt. Auch mit Musik wenden sich viele bei Facebook und Twitter gegen das Wahlergebnis: Sie posten ein mehr als 20 Jahre altes Video der Punkband "Bérurier Noir": "La Jeunesse emmerde le Front National" - "Die Jugend scheißt auf den Front National". Dumm nur: Dieses Mal sind es vor allem die jungen Wähler, die für Marine Le Pen gestimmt haben: 30 Prozent der unter 35-Jährigen, so das Umfrageinstitut Ipsos.
Das gute Abschneiden rechter Parteien in zahlreichen EU-Mitgliedsstaaten, das sich vor der Wahl auch im Netz angedeutet hat, beschäftigt viele User. Eine viel beachtete Reaktion am späten Abend: "Ich gehe jetzt schlafen und träume von einem Europa, in dem es keinen Rechtsruck gibt."
AfD als neue Volkspartei?
In Deutschland wird vor allem das gute Abschneiden der euroskeptischen AfD kommentiert. Deren Spitzenkandidat Bernd Lucke erntet überwiegend Häme; insbesondere für die Rede vor seinen Anhängern. Diesen hatte er am Sonntagabend zugerufen: "Es ist Frühling in Deutschland" und seine Partei sei "aufgeblüht als eine neue Volkspartei in Deutschland." Ein User kommentiert: "Gute Nachrichten für die FDP. Euch fehlen laut Bernd Lucke nur noch vier Prozent zu einer Volkspartei." Andere werfen Lucke vor, "völkische Partei" und "Volkspartei" zu verwechseln. Bei Twitter wird "Volkspartei" für kurze Zeit zum Trending Topic. Doch auch einige AfD-Wähler sind mit dem Ergebnis unzufrieden und wittern Wahlbetrug. Auf der tumblr-Seite "Paranoide für Deutschland" werden ihre Kommentare zur Schau gestellt.
Der Spott richtet sich neben der AfD auch gegen den großen Wahlverlierer FDP: Ein User fragt, ob nach der nächsten Wahl jemand von der Tierschutzpartei statt von der FDP in den Talkrunden im Fernsehen sitze. Böse: "FDP, oder wie man sie zukünftig nennen wird: Sonstige." Der Account "Grumpy Merkel" zwitschert süffisant: "Haben die im Fernsehen schon erklärt, was diese FDP ist?"
"Teuerste Satireaktion aller Zeiten"
Ohne die Sperrklausel schaffen es nun auch kleine Parteien ins EU-Parlament - wie die Satirepartei "Die Partei", die einen Sitz erhält: Ein Lieblingsthema der User. Am Wahltag warnt ein Mitglied via Twitter: "Wenn Sie eine andere Partei wählen, stirbt irgendwo ein kleines Häschen!" Ein Erstwähler lässt seine Follower wissen, dass er seine Eltern zur Wahl der Partei bewegen konnte: "Das ist mein bisher größter politischer Erfolg!" Die Ankündigung von Spitzenkandidat Martin Sonneborn, in den nächsten Jahren den Sitz im Parlament rotieren zu wollen und so 60 Parteimitglieder in den Genuss von EU-Geldern zu bringen, spaltet das Netz: teils gefeiert, gelegentlich kritisiert: "Das wird für den Steuerzahler die wohl teuerste Satireaktion aller Zeiten." Der Grünen-Abgeordnete Jan Philipp Albrecht gratuliert: Er freue sich "auf die Zusammenarbeit in den kommenden Wochen".
Doppelwähler di Lorenzo
Für Gesprächsstoff sorgt auch "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit seinem Auftritt bei Günther Jauch: Er habe doppelt gewählt, einmal im italienischen Konsulat und einmal im Wahllokal, so der Journalist in der ARD-Sendung. Der Blogger und ehemalige Piraten-Kandidat Udo Vetter kommentiert, dass dies nach deutschem Recht strafbar sei: Es werde interessant, "ob und wie sich di Lorenzo da wieder rausredet." Nicht zuletzt, da seine Zeitung in einem Artikel über den möglichen Wahlrechtsverstoß am Beispiel Deutsch-Italiener berichtet hatte. Viele Kommentare sind negativ, viele humorvoll: "Europawahl ungültig. Di Lorenzo in den Knast. Was für ein Tag!"
"Angie" vermisst
Vor der Wahl war Angela Merkel auf den Plakaten der CDU zu sehen – am Wahlabend äußert sich die Kanzlerin allerdings nicht. Im Netz hagelt es dafür Kritik. "Erst Merkel plakatieren und dann kommt sie nicht einmal zur Wahlparty der CDU", heißt es bei Twitter. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil fragt, ob Frau Merkel es ins EU-Parlament geschafft habe. Ein User fotografiert, wie ein Merkel-Plakat abtransportiert wird: "Merkel kann schon mal einpacken."
Im Gegensatz zur Kanzlerin ließen die Reaktionen der beiden Spitzenkandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten nicht lange auf sich warten: Auf den Plakaten, mit denen die Anhänger Martin Schulz in Berlin bejubeln, prangt der Hashtag #jetztistSchulz. Eigentlich ganz im Sinne des Kandidaten, der im Vorfeld massiv im Netz auf Stimmenfang ging. Nach der Wahl hält er sich allerdings bei Twitter zurück. Lediglich der SPD-Parteivorstand twittert ein Zitat: "Das ist ein Erfolg der Sozialdemokratie." Jean-Claude Juncker, der Spitzenkandidat der Konservativen, reklamiert hingegen via Twitter den Wahlsieg und das Amt des Kommissionspräsidenten für sich. Mehr als 260 Retweets folgen.
Ob das die anderen auch so sehen? Darüber werden Politik und Netz auch in den nächsten Tagen munter diskutieren.
Stand: 26.05.2014 14:52 Uhr

